Interview zu Frühwarnsystemen: Wie Unternehmen mit Active-Response- und Recovery-Systemen Risiken rechtzeitig identifizieren können

15 April, 2020

Ein Interview mit Dr. Frauke Schleer-van Gellecom. Industriespezifische Frühwarnsysteme unterstützen Unternehmen, künftige Entwicklungen auf Beschaffungs- und Absatzmärkten zu antizipieren. Frühindikatoren stellen – neben Machine-Learning-Methoden – das zentrale Instrument der Frühwarnsysteme dar. Somit ist die Auswahl der Frühindikatoren ein zentraler Aspekt eines Frühwarnsystems. Gerade in Krisenzeiten können maßgeschneiderte Frühwarnsysteme für Unternehmen während und nach einer solchen Krise durchaus sehr nützlich sein.

Kurzfristig können die richtigen Frühwarnindikatoren Unternehmen beispielsweise dabei helfen, abzuleiten, wann sich die Situation in einzelnen Industrien in welchen Ländern entspannt oder eben noch nicht so schnell erholt – und ermöglichen dadurch eine schnelle Reaktion auf sich verändernde konjunkturelle Gegebenheiten.  Dabei zum Einsatz kommt die von PwC entwickelte Forecasting Engine (ForCE). Im Folgenden äußert sich Dr. Frauke Schleer-van Gellecom, Finance Transformation – Predictive Excellence, zu Active-Response- und Recovery-Systemen.

Was sind Frühindikatoren, und wie unterscheiden sie sich?

Dr. Frauke Schleer-van Gellecom: Frühindikatoren sind Wirtschaftsdaten, die regelmäßig veröffentlicht werden, beispielsweise einmal pro Monat. Die Besonderheit von Frühindikatoren liegt darin, dass man aus ihrer Analyse Schlüsse über die künftige Entwicklung anderer Wirtschaftskennzahlen ziehen kann, wie etwa dem Wachstum der Industrieproduktion oder der Produktion eines spezifischen Sektors wie der Automobil- oder auch der Chemieindustrie. Grundsätzlich unterscheidet man Frühindikatoren in Stimmungsindikatoren und fundamentale Indikatoren. Erstere ergeben sich aus regelmäßigen Befragungen von Unternehmen oder Haushalten zu ihrer wirtschaftlichen Situation und ihren Erwartungen. Fundamentale Indikatoren wie Auftragseingänge, Kapazitätsauslastung oder Export-Auftragsbücher sind statistisch erfasste Kennzahlen, deren Veränderung sich künftig auch auf andere Parameter auswirken kann.

Können Sie ein konkretes Beispiel zu ihrer Aussagekraft nennen?

Nehmen wir als Beispiel für einen Stimmungsindikator den ifo-Geschäftsklimaindex für Deutschland. Dabei werden etwa 7.000 Unternehmen monatlich vom ifo-Institut zu ihrer gegenwärtigen Geschäftslage und ihren Erwartungen für die nächsten sechs Monate befragt. Aus den Antworten wird anschließend der Geschäftsklimaindex gebildet. Sind beispielsweise die Auftragsbücher der Befragten gut gefüllt, werden die Unternehmen ihre künftigen Erwartungen als positiv einschätzen. Wir erhalten also heute einen Hinweis darauf, wie sich Unternehmen in Deutschland künftig entwickeln. Diese Eigenschaft eines Frühindikators wird Vorlauf genannt, weil sich die positiven Erwartungen erst später in offiziellen Zahlen, wie etwa der Industrieproduktion, auswirken. Generell ist es so, dass der ifo-Geschäftsklimaindex ein allgemeiner Konjunkturindex ist, wobei wir in Zusammenarbeit mit unseren Mandanten immer die bestmöglichen und passgenauen Frühindikatoren im Rahmen der Frühwarnsysteme identifizieren.

Wie können Sie mit Frühindikatoren einen Mehrwert für ein Unternehmen schaffen?

Vor dem Hintergrund der fortschreitenden Globalisierung, der internationalen Verknüpfung von Wertschöpfungsketten und Absatzmärkten und der steigenden Zahl politischer Krisenherde sowie wiederkehrender Krisen wie der Finanzkrise oder auch aktuell die Corona-Krise ist auch künftig mit einer sehr hohen Volatilität auf vielen Märkten sowie starker Heterogenität zwischen Industrien zu rechnen. Diese gestiegene Unsicherheit erschwert einem Unternehmen den Planungsprozess und die Unternehmenssteuerung. Frühindikatoren können genutzt werden, um durch vorausschauende Abschätzung etwaige Risiken wie Abnahme-Engpässe rechtzeitig zu identifizieren und beispielsweise einen Lagerüberbestand zu vermeiden.

Frühwarnsysteme, welche die Informationen verschiedener Frühindikatoren aggregieren, können Prognosen für ausgewählte Ländern und Industrien darstellen und erlauben eine Vorwegnahme der Entwicklung in den kommenden drei bis sechs Monaten. Somit helfen sie einem Unternehmen, künftige Entwicklungen einzuschätzen.

Durch Prognosen für abgestimmte Sektoren können wir eine passgenaue Früherkennung für einzelne Geschäftssparten ermöglichen, was wiederum eine effiziente Steuerung in den Geschäftssparten erlaubt. Ferner ermöglicht eine vorausschauende Abschätzung von Industrieentwicklungen in ausgewählten Ländern, Wachstumsmärkte aufzudecken. Nicht zuletzt helfen Frühwarnsysteme auch bei der Erfüllung regulatorischer Pflichten hinsichtlich des Risikomanagements, welches auch immer mehr an Bedeutung zunimmt. Letztendlich stellt ein unternehmenseigenes Frühwarnsystem zur Abschätzung künftiger Entwicklungen einen bedeutenden Wettbewerbsvorteil dar.

Gibt es passgenaue Frühwarnsysteme für mein Unternehmen?

Ja, es ist immer unser Ziel, Frühwarnsysteme für individuelle Anforderungen des Mandanten zu entwickeln. Aus der Vielzahl der öffentlich verfügbaren Indikatoren wählen wir dabei zunächst diejenigen, welche über ökonomische Wirkungsketten mit den Zielindikatoren des Frühwarnsystems verbunden sind. Darüber hinaus ist auf Wunsch des Mandanten auch eine Berücksichtigung unternehmensinterner Daten möglich. Dabei ist eine enge Abstimmung mit den Geschäftssparten notwendig, um passgenaue Frühindikatoren für den Zielmarkt zu identifizieren. Sprich: Prognostizieren wir auch wirklich den Absatzmarkt, der für die jeweilige Geschäftssparte relevant ist? Wir identifizieren diejenigen Frühindikatoren, welche sich prozyklisch zum Zielindikator verhalten und somit eine hohe Korrelation aufweisen. Gleichzeitig ist aber auch auf einen ausreichenden Vorlauf des Frühindikators zu achten, um den Prognosehorizont möglichst lange zu gestalten. Mit Machine-Learning-Verfahren lassen sich verschiedene Indikatoren zu sogenannten Composite Leading Indicators (CLIs) aggregieren, um die Aussagekraft des Frühwarnsystems zu optimieren. Eine weitere Möglichkeit stellen Vektorautoregressive Modelle dar, welche den Zielindikator durch dessen eigene Vergangenheitswerte und den Vergangenheitswerten anderer Variablen (zum Beispiel Frühindikatoren) erklären.

Die Anwendungsbereiche sind dabei vielfältig. Denkbar sind etwa Prognosen über die Nachfrageentwicklung auf Absatzmärkten oder über die Entwicklung auf Zulieferermärkten in unterschiedlichen Ländern und Sektoren sowie die Entwicklung von Rohstoffpreisen und Wechselkursen. Dabei ist die besondere Herausforderung, die Kombination von Zielindikatoren zu identifizieren, die die individuellen Anforderungen Ihres Unternehmens am besten erfüllen.

Können Frühwarnsysteme im Falle einer Pandemie, zum Beispiel Covid-19, helfen?

Frühwarnsysteme können einen solchen Pandemiefall leider nicht vorhersagen, denn Pandemien stellen ein klassisches Black-Swan-Event dar. Allerdings können maßgeschneiderte Frühwarnsysteme für Unternehmen während und nach einer solchen Krise durchaus sehr nützlich sein. Kurzfristig können Unternehmen mithilfe der richtigen Frühwarnindikatoren ableiten, wann sich die Situation in einzelnen Industrien oder Ländern wieder entspannt oder noch in einer rezessiven Phase verharrt. Dies ermöglicht ihnen, schnell auf sich verändernde konjunkturelle Gegebenheiten zu reagieren.

Mittel- und langfristig betrachtet ist es möglich, basierend auf selektierten Frühwarnindikatoren verschiedene Szenarioanalysen durchzuführen und so Rückschlüsse auf die Entwicklung der eigenen Industrie, des Marktes und natürlich auch der Umsatzentwicklung sowie weiteren Finanzkennzahlen des Unternehmens zu ziehen.

So können Frühwarnsysteme Organisationen helfen, informierter und sicherer durch die Krise zu navigieren. Unternehmen können die Informationen anschließend auch für ihre Liquiditäts- und Finanzplanung nutzen und so ihre Zahlungsfähigkeit sicherstellen.

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Dr. Frauke Schleer-van Gellecom

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Senior Manager, Finance Transformation - Predictive Excellence

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