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Interview: „Unternehmen müssen ESG-Faktoren stärker in den Blick nehmen, um zukunftsfähig zu sein“

04 März, 2021

Ein Interview mit Petra Justenhoven und Nicolette Behncke. Nachhaltigkeit wird für die interne Steuerung und die externe Berichterstattung von Unternehmen immer wichtiger. Im Jahr 2021 tritt zudem mit dem EU Action Plan on Sustainable Finance die EU-Berichtspflicht zu grünen Finanzkennzahlen in Kraft. 

Was dies für Unternehmen bedeutet und wie sie sich darauf einstellen sollten, erklären Petra Justenhoven, Mitglied der Geschäftsführung und Leiterin Wirtschaftsprüfung und prüfungsnahe Beratung bei PwC Deutschland, und Nicolette Behncke, Partnerin im Bereich Sustainability Services bei PwC Deutschland.

Frau Justenhoven, die Bedeutung von Nachhaltigkeitsfaktoren steigt bei institutionellen Investoren und Endkunden – und damit auch bei den Unternehmen. Woran liegt das?

Petra Justenhoven: Investoren bevorzugen schon heute „grüne“, nachhaltige Investments. Sie machen ihre Entscheidung für oder gegen ein Investment zunehmend von den Dimensionen „Environmental, Social and Governance“, den ESG-Faktoren, abhängig. Künftig wird der Zugang zum Kapitalmarkt für Unternehmen daher immer stärker von ihrer ESG-Performance abhängen. Gleichzeitig gibt es immer mehr Regularien, nach denen sie ihre Aktivitäten in ökologischer und sozialer Hinsicht offenlegen müssen.

Frau Behncke, welche Rolle spielen ESG-Faktoren derzeit in Berichterstattung und Prüfung?

Nicolette Behncke: Für die überwiegend finanziellen Informationen des Jahresabschlusses und Lageberichts schreibt das Gesetz eine Prüfung mit hinreichender Prüfungssicherheit durch einen unabhängigen Abschlussprüfer vor.

Für ESG-Informationen gilt das bislang nicht durchgängig, sondern nur, wenn diese im Lagebericht enthalten, also essentiell, sind, um Lage und Geschäftsverlauf eines Unternehmens zu verstehen. Das halte ich für nicht ausreichend.

Warum nicht?

Behncke: Es besteht derzeit eine Art “Zweiklassengesellschaft” bei Informationen. Für Investoren ist es nicht hilfreich, wenn sich für Externe eine Schere im Grad der Verlässlichkeit von Informationen auftut. Investoren  wünschen sich unserer Einschätzung nach einheitliche integrierte Berichte mit einem einheitlichen Prüfvermerk.

Was schlagen Sie vor?

Justenhoven: Als hilfreich hat sich bereits die externe Prüfung nichtfinanzieller Informationen zu ESG erwiesen. Über 70 Prozent der DAX 160 Unternehmen lassen eine solche Prüfung freiwillig durchführen, und das seit mehr als drei Jahren. Darauf aufbauend wird sich unseres Erachtens eine integrierte Prüfung mit hinreichender Prüfungssicherheit mittelfristig als Best Practice etablieren, zumindest für kapitalmarktorientierte Unternehmen. 

Wie können sich Unternehmen auf eine solche integrierte Berichterstattung sowie Prüfung vorbereiten?

Justenhoven: Für eine integrierte Steuerung, Berichterstattung und Prüfung müssen sie das Silo-Denken überwinden und finanzielle mit nichtfinanziellen Werttreibern und Informationen verknüpfen.

Prozesse und Systeme müssen das Niveau der Finanzberichterstattung erreichen. Dabei geht es um deutlich mehr als lediglich eine inhaltliche Ergänzung der bisherigen Berichterstattung.

Nämlich?

Berichterstattung und strategische Ziele des Unternehmens müssen eng aufeinander abgestimmt sein. Es geht darum, ökonomische, ökologische und soziale Faktoren in einen Zusammenhang zu bringen. Das wirkt sich auf die gesamte Unternehmenssteuerung aus.

Ihre Erfahrungen aus unzähligen Prüfungen zeigt, dass in vielen Unternehmen nichtfinanzielle Aspekte vom Management nicht analysiert, sondern eher intuitiv eingeschätzt werden. 

Behncke: Genau, die Erhebung nichtfinanzieller Kennzahlen ist deutlich weniger standardisiert und formalisiert als die Ermittlung finanzieller Informationen. Auch verankern Unternehmen die ESG-Risiken selten systematisch im Risikomanagement.

Wie lassen sich nichtfinanzielle Themen denn formalisiert erfassen?

Behncke: Unternehmen brauchen dazu eine klare Governance-Struktur mit entsprechenden Verantwortlichkeiten und verlässliche Daten. Viele Unternehmen entwickeln solche Strukturen Schritt für Schritt, eben weil die Nachhaltigkeitsfaktoren strategisch relevanter werden.

Der EU Action Plan on Sustainable Finance der Europäischen Union soll Kapitalflüsse stärker in nachhaltige Geldanlagen lenken. Was ist dazu nötig?

Justenhoven: Das Wichtigste ist ein einheitliches Klassifikationssystem, das regelt, welche wirtschaftlichen Aktivitäten überhaupt als „grün“ bezeichnet werden dürfen. Wichtig dabei: Ab 2021 müssen Unternehmen, die nichtfinanzielle Berichte veröffentlichen, den „grünen“ Anteil an Umsatzerlösen, Investitionen und Betriebsausgaben ausweisen. Diese Kennzahlen werden in einem dreistufigen Verfahren ermittelt.

Wie sieht das aus?

Behncke: Zunächst ist anhand festgelegter technischer Bewertungskriterien zu ermitteln, ob eine wirtschaftliche Aktivität im Unternehmen grundsätzlich als “grün” einzuordnen ist oder nicht. Des Weiteren ist zu prüfen, ob diese Aktivität weitere Umweltziele negativ beeinflusst und ob soziale Mindestkriterien eingehalten werden. Nur wenn alle Kriterien erfüllt sind, kann eine wirtschaftliche Aktivität als “grün” gelten. 

Welche Entwicklungen erwarten Sie in den kommenden Jahren?

Justenhoven: Das neue Klassifikationssystem für grüne und nicht-grüne Aktivitäten wird die Sprache des Kapitalmarkts prägen. In den nächsten Jahren wird zudem das Klassifikationssystem um soziale und Governance-Kriterien erweitert. 

Die größere Transparenz macht Unternehmen und deren Aktivitäten untereinander besser vergleichbar, bedeutet für sie selbst aber immense Herausforderungen. Denn sie müssen die Auswirkungen dieser Transparenz managen und die Kennzahlen ermitteln. Das wird die Berichterstattungspraxis maßgeblich prägen.

Das klingt nach erheblichem Aufwand für die Unternehmen …

Justenhoven: So ist es, aber sie haben dadurch auch Vorteile im Wettbewerb. Die Aktienkurse von Unternehmen mit Nachhaltigkeitsstrategien entwickeln sich zum Beispiel deutlich besser. Des weiteren gewinnen sie selbst damit einen tieferen Einblick in ihre Aktivitäten, weshalb sie Chancen und Risiken früher erkennen und bessere Entscheidungen treffen können. Zudem stärken sie mit einer ESG-Berichterstattung das Vertrauen der Öffentlichkeit. Kurzum: ESG-Faktoren sind ein Must-have, um zukunftsfähig zu sein. 

Petra Justenhoven

Petra Justenhoven

Petra Justenhoven ist Mitglied der Geschäftsführung von PwC Deutschland und verantwortet den Bereich Wirtschaftsprüfung und prüfungsnahe Beratung in Deutschland und für PwC Europe. Petra Justenhoven steht für Trust in Transformation und damit auch für die stärkere Integration von ESG-Faktoren in Unternehmensstrategie, -steuerung und -berichterstattung.

Nicolette Behncke

Nicolette Behncke

Nicolette Behncke ist Partnerin im Bereich Sustainability Services bei PwC Deutschland. Sie berät Unternehmen bei der Einbettung von Sustainability-Anforderungen in deren Regelprozesse und ist verantwortlich für zahlreiche Prüfungen von Nachhaltigkeitsberichten. Nicolette Behncke ist zudem seit Jahren leidenschaftliche Befürworterin einer integrierten Berichterstattung.­

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Petra Justenhoven

Petra Justenhoven

Mitglied der Geschäftsführung und Leiterin Assurance, PwC Germany

Tel.: +49 89 5790-5409

Nicolette Behncke

Nicolette Behncke

Partnerin, Sustainability Services, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-3080

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