Media-as-a-Service-Community – von der Nachricht zur Anwendung

24 Oktober, 2019

Von Gerrit Schumann. Journalistische Geschäftsmodelle stehen vor großen Herausforderungen. Einerseits graben große Plattformen an der Wertschöpfung, andererseits fehlt es in den Unternehmen oft an der technologischen und kulturellen Basis, um digitale Geschäftsmodelle wirkungsvoll umzusetzen.

Wie ich es sehe

Dennoch bin ich davon überzeugt, dass der Journalismus vor einer neuen, digitalen Blütezeit – einer Renaissance – steht.

Dafür sprechen mehrere Gründe:

  • Wir sehen ein Wachstum digitaler Abomodelle weltweit in allen Medienbereichen, aber auch in anderen Industrien.
  • Die digitale Informationsflut hat in den letzten beiden Jahrzehnten exponentiell zugenommen. Orientierung und Verdichtung in einer immer komplexer werdenden Welt gewinnen daher zunehmend an Bedeutung. Gleich­zeitig werden maßgeschneiderte Komprimierung und Einordnung von Inhalten für den einzelnen Leser immer wichtiger und wertvoller.
  • Die Marken der Printmedien genießen weiterhin großes Vertrauen der Konsumenten, interessanterweise gerade auch bei den jüngeren Zielgruppen unter 30 Jahren.
  • Wir sehen in vielen Ländern, dass Paid Content ein tragfähiges Geschäftsmodell ist.

Dabei müssen wir Journalismus jedoch auch neu definieren und Storytelling mit herausragender Technologie kombinieren.

Wie sieht diese Transformation zur neuen Blütezeit aus? Was ist notwendig für ein modernes Geschäftsmodell basierend auf Qualitätsjournalismus, Abonnements und digitalen Produkten?

1. Kundenorientierung: Leser im Zentrum

Die Softwarebranche hat diese Transformation erfolgreich beschritten: Früher waren Softwareprodukte für den Desktop­Computer physisch verpackt – einmal vom Fachhändler installiert, wurden sie in recht langen Zyklen aktualisiert. Heute ermöglicht Cloud­Computing ein Servicemodell, bei dem ich ausschließlich für die Module und den Serviceumfang bezahle, den ich wirklich benötige: ohne Installation, individuell konfigurierbar, immer auf dem neuesten Stand und stets auf den Nutzer ausgerichtet – Software­-as-­a-­Service (SaaS).

Auch die Medienbranche braucht Lösungen, die individuell auf aktuelle Bedürfnisse der Kunden eingehen – dynamische, kundenzentrierte Servicemodelle.

Dabei kommen digital in Echtzeit wichtige neue Fragen auf uns zu: Wie schaffe ich mit jedem Inhalt und mit jeder Leistung einen differenzierten Wert für den einzelnen Leser? Wie erbringe ich einen Service, für den Leser bereit sind zu zahlen? Wer ist der individuelle Leser? Wie ist der Kontext des Lesers, beruflich oder privat, und welches Problem beschäftigt ihn gerade?

Ohne im Kern seine Unabhängigkeit zu verlieren, steht Qualitätsjournalismus dynamisch mit den aktuellen Problemstellungen der Zielgruppe in Wechselwirkung.

2. Produkte und User Experience

 

Wir brauchen exzellente digitale Produkte und eine herausstechende User Experience, mit der sich Medien differenzieren können. Dabei kommt es auf die richtige Mischung an. Erstens muss alles reibungslos und schnell funktionieren, sodass die Leserschaft möglichst schnell zum Ziel kommt. Zweitens geht es um Experience, womit ein positiver Erlebnismoment gemeint ist. Das geht zum einen über die Produktentwicklung neuer Funktionen wie Personalisierung oder auch Gamifizierung. Ebenso wichtig sind aber auch die Darstellung und die Navigation der Inhalte, die immer wieder positive Erlebnisse hervorrufen, die ich als Leser nicht unbedingt erwartet hätte.

Es lohnt sich, in beide Bereiche zu investieren, weil sie essenziell für eine nachhaltige Kundenbindung sind. Zum einen wird die Komfortzone der Leser durch das Vertrauen in funktionierende und effiziente Produkte bedient, zum anderen aber auch der Entdeckertrieb, der durch neue und überraschende Impulse angeregt wird.

Dabei spielt modernes Storytelling eine tragende Rolle: Die Nutzung aller multimedialen Erzählformen ermöglicht es, Inhalte lebendig zu transportieren – im Printformat, digital und live. Jeder Inhalt sollte individuell und best­möglich inszeniert und nicht durch einen starren Rahmen eingegrenzt werden.

3. Distribution

Auch die Distribution journalistischer Inhalte wird vielfältiger. Webseiten, Apps, Facebook, Instagram, Twitter, Upday, Pocket, Apple News, Google News, Podcast­Plattformen, YouTube und Netflix sind nur ein Auszug aus der ganzen Bandbreite an Anbietern, die wir – neben den klassischen Distributionsformen – mit Inhalten bespielen wollen und bei denen sich die Nutzer aufhalten. Jeder Kanal hat seine individuellen Vor-­ und Nachteile sowie Möglichkeiten, Inhalte darzustellen und zu monetarisieren. Das birgt enorme Chancen, geht aber auch mit einer steigenden Komplexität einher. Wichtig ist es, jeden Kanal und die jeweilige Zielgruppe im jeweiligen Kanal zu verstehen und individuell zu bedienen. Social Media ist nicht nur eine Verlängerung für Webinhalte.

Soziale Netzwerke müssen mit eigenen (auch kreativen) Inhalten und Formaten bestückt werden, die auf die jeweilige Zielgruppe und Plattform zugeschnitten sind.

4. Community

Wir sollten unsere Leserschaft nicht nur als Empfänger verstehen, sondern als Teil unseres medialen Ökosystems. Viele unserer Leser sind Experten auf ihrem Gebiet.

Deswegen diskutieren wir auf Augenhöhe mit ihnen und binden sie verstärkt in den Dialog und unsere Inhalte ein. Daraus entsteht zu bestimmten redaktionell begleiteten Themen ein wertvoller Austausch für unsere Leser, mit den Medien und untereinander. Wenn wir es schaffen, unsere vertrauenswürdigen Marken selbst als Plattform zu etablieren, auf der sich Communities finden, erzeugt dies eine hohe Bindung und schafft eine skalierbare Wert­schöpfung.

5. Kulturwandel

All dies setzt einen umfassenden Kultur-­ und Orga­nisationswandel voraus, der – gestützt von techno­logischer Innovation und Verknüpfung aller Datenpunkte – sämtliche Bereiche eines Medienunternehmens erfasst: dezentrale Entscheidungsstrukturen, Unternehmertum, Experimentierkultur, Kundenzentriertheit, Agilität bei der Verteilung von Ressourcen und eine durchgängige Planungs­- und Projektsteuerung.

Wie Jeff Bezos schon sagte, gibt es „in der heutigen Zeit der Volatilität keinen anderen Weg, als sich ständig neu zu erfinden“. Die Chancen stehen gut, dass Medien diesen Wandel schaffen – wenn wir bereit sind, Journalismus neu zu definieren und unsere Leser in den Mittelpunkt zu stellen und miteinander zu vernetzen und damit Services anzubieten, die dabei unterstützen, Wissen aufzubauen und aktiv anzuwenden und Entscheidungen zu treffen.

Und somit auch die Rolle von Qualitätsjournalismus als Anker in der Gesellschaft zu festigen. Media-as-a-Service-Community.

Gerrit Schumann

Über den Autor

Gerrit Schumann ist seit dem 9. Januar 2017 Geschäftsführer der Handelsblatt Media Group. Er steuert und begleitet die digitale Transformation der Mediengruppe und ist maßgeblich für den Ausbau aller digitalen Angebote verantwortlich.

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