Deutschland im Women in Work Index 2026: Wenn Fortschritt ins Stocken gerät

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  • 09 Mrz 2026

Der aktuelle Women in Work Index zeichnet ein ambivalentes Bild und hält zwei Entwicklungen nebeneinander fest: Über die OECD hinweg nehmen Frauen wieder stärker am Arbeitsmarkt teil, getrieben von steigenden Lebenshaltungskosten und wirtschaftlichem Druck. Gleichzeitig zeigt der Report, dass sich der Fortschritt hin zu echter Gleichstellung deutlich verlangsamt hat, so stark wie seit der Covid‑Pandemie nicht mehr. Ursache ist vor allem eine Verschlechterung der Beschäftigungsbedingungen für Frauen, darunter die steigende Arbeitslosigkeit und ein Rückgang der Vollzeitbeschäftigung von Frauen in vielen Ländern. Zwar verringern sich Gender Gaps bei Löhnen und Erwerbsbeteiligung im OECD-Durchschnitt weiter, doch sie tun dies langsamer und auf Basis fragilerer Arbeitsmarktchancen.

Für Deutschland ist diese Entwicklung besonders relevant, denn im aktuellen Index belegt Deutschland Rang 22 von 33 OECD‑Staaten, unverändert zum Vorjahr. Damit gehört Deutschland weiterhin zur unteren Hälfte der Industrieländer und das, obwohl der Report insgesamt zeigt, dass Länder mit stärkerer weiblicher Vollzeitbeschäftigung und geringerer Arbeitslosigkeit deutlich bessere Indexwerte erzielen.

Hohe Erwerbsbeteiligung – aber fragile Qualität der Arbeit 

Der Report macht deutlich, dass zwar mehr Frauen erwerbstätig sind, dies aber zunehmend unter schlechteren strukturellen Bedingungen geschieht. OECD‑weit steigt die weibliche Erwerbsbeteiligung weiter an, gleichzeitig ist 2024 erstmals seit Einführung des Index der Anteil von Frauen in Vollzeitbeschäftigung gesunken. Auch die Arbeitslosigkeit bei Frauen ist gestiegen. Diese Entwicklung zeigt, dass der Arbeitsmarkt die zusätzlichen Arbeitskräfte nicht ausreichend absorbieren konnte.

Auch für Deutschland ist diese Dynamik relevant, weil seine Platzierung im unteren Drittel der Indexrangliste (Rang 22) darauf hinweist, dass insbesondere die Dimensionen Vollzeitbeschäftigung und Arbeitslosigkeit von Frauen strukturelle Schwachstellen sind.

Zwar ist die Erwerbsbeteiligung von Frauen hoch, doch der Zugang zu stabiler, vollzeitnaher Beschäftigung bleibt eingeschränkt. Für viele Frauen bedeutet Erwerbstätigkeit weiterhin Teilzeit, häufig nicht aus Präferenz, sondern aus struktureller Notwendigkeit. Der Index macht zugleich sichtbar, dass Länder mit hoher Vollzeitquote von Frauen deutlich besser abschneiden – sowohl bei Einkommen als auch bei Karriere- und Beschäftigungssicherheit.  

Der Gender Pay Gap: Symptom struktureller Schieflagen 

Für Deutschland zeigt sich diese strukturelle Schieflage besonders deutlich beim unbereinigten Gender Pay Gap. In Deutschland liegt er 2024 bei 17,4 % und ist damit nur minimal gegenüber dem Vorjahr gesunken (2023: 17,6 %). Im internationalen Vergleich bleibt Deutschland damit deutlich über dem OECD‑Durchschnitt.

Der Report macht außerdem deutlich, dass ein hoher Gender Pay Gap eng mit geringerer weiblicher Vollzeitquote und höherer weiblicher Arbeitslosigkeit verknüpft ist: So liegt etwa die weibliche Vollzeitquote im Vereinigten Königreich ganze 9,1 Prozentpunkte unter dem OECD-Durchschnitt (67,7 % statt 76,8 %), während gleichzeitig die weibliche Arbeitslosigkeit auf 4,2 % steigt – beides zentrale Treiber des unbereinigten Gender Pay Gaps von 13,1 %. Für Deutschland zeigt der Index ein ähnliches Bild: Bei einem unbereinigten Gender Pay Gap von 17,4 % ist die Einkommensungleichheit eng mit strukturellen Unterschieden in der Erwerbsbeteiligung verknüpft. Die Erwerbsquote von Frauen liegt mit 76,6 % deutlich unter der von Männern (83,8 %). Insbesondere bei der Vollzeitbeschäftigung vergrößert sich die Lücke von mehr als 25 Prozentpunkten (63,9 % der Frauen gegenüber 89,2 % der Männer). Die Kombination der geringeren Vollzeitquote und einem Beteiligungsgefälle von 7,2 Prozentpunkten begrenzt die Einkommens- und Aufstiegschancen von Frauen erheblich. Für Deutschland bedeutet das: Die Einkommenslücke ist eng verbunden mit der hohen Teilzeitquote von Frauen und der begrenzten Durchlässigkeit von Teilzeit in Führungs- und Entwicklungsrollen. 

Geschäftsfrauen am Schreibtisch mit Daten

Warum Top‑Länder besser abschneiden

Der internationale Vergleich im Report zeigt klare Muster. Länder an der Spitze des Index – darunter Island, Luxemburg, Schweden oder Slowenien – eint weniger eine einzelne Maßnahme als ein kohärentes Zusammenspiel aus Arbeitsmarkt-, Familien- und Bildungspolitik. Besonders relevant sind eine verlässliche und flächendeckende Kinderbetreuung (auch für Randzeiten), paritätisch ausgestaltete Elternzeitmodelle sowie institutionalisierte Übergänge zwischen Teilzeit und Vollzeit, die keinen Karrierebruch bedeuten. 

In diesen Ländern nutzen deutlich mehr Kinder unter dem dritten Lebensjahr formale Betreuungsangebote als im OECD-Durchschnitt, was Frauen nicht nur den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtert, sondern auch kontinuierliche Erwerbsbiografien ermöglicht – auch in Phasen familiärer Verantwortung. Genau hier identifiziert der Women in Work Report einen zentralen Hebel für nachhaltige Gleichstellung.

Deutschland: Viel Flexibilität, wenig Durchlässigkeit

Deutschland hat in den letzten Jahren spürbare Fortschritte bei der Flexibilisierung gemacht: mobiles Arbeiten, Teilzeitmodelle, hybride Arbeitsformen sind vielerorts selbstverständlich geworden. Der Report legt jedoch nahe, dass Flexibilität allein nicht ausreicht, wenn sie nicht mit struktureller Durchlässigkeit einhergeht.

Solange eine Vollzeitbeschäftigung im internationalen Vergleich weiterhin der implizite Maßstab für Karriere, Führung und Einkommen bleibt, führt Flexibilität häufig zu einer Verfestigung geschlechtsspezifischer Unterschiede. Frauen arbeiten flexibler, zahlen dafür aber oft mit geringeren Einkommen, langsameren Karrieren und höherem Risiko ökonomischer Unsicherheit.

Gleichstellung als wirtschaftliche Zukunftsfrage

Der Women in Work Index 2026 macht deutlich, dass Gleichstellung am Arbeitsmarkt kein Randthema ist, sondern eine zentrale wirtschaftliche Stellschraube. Länder, die es schaffen, Frauen dauerhaft und voll in den Arbeitsmarkt zu integrieren, erhöhen ihre Produktivität, stabilisieren ihre Sozialsysteme und stärken ihre Innovationskraft. Am Beispiel des Vereinigten Königreichs zeigt der Report zudem, dass allein eine Senkung der NEET-Quote junger Frauen (Not in Employment, Education or Training) auf das Niveau von Deutschland bzw. der Niederlande dort ein zusätzliches jährliches BIP-Potenzial von fünf bis elf Milliarden Pfund heben könnte.

Für Deutschland bedeutet das: Der Fachkräftemangel lässt sich nicht ohne Frauen lösen – und nicht mit Modellen, die Erwerbsarbeit von Frauen systematisch unterhalb ihres Qualifikations- und Leistungsniveaus halten.

Fazit

Der Report zeigt deutlich, dass Deutschland kein Beteiligungsproblem hat, sondern ein Strukturproblem. Frauen sind im Arbeitsmarkt präsent, aber zu selten unter Bedingungen, die langfristige Karriere- und Einkommenssicherheit ermöglichen. Wenn der Stillstand im Women in Work Index überwunden werden soll, braucht es weniger Symbolpolitik und mehr strukturelle Reformen – insbesondere bei Arbeitszeitmodellen, Betreuungssystemen und Karrierearchitekturen.

Oder anders gesagt: Gleichstellung in Deutschland scheitert nicht am Engagement von Frauen, sondern an strukturellen Rahmenbedingungen, die ihre Erwerbs- und Entwicklungsmöglichkeiten begrenzen.

Lesen Sie den gesamten Report

Women in Work 2026

Ihre Ansprechpartnerin

Petra Raspels
Petra Raspels

Partner, EMEA Workforce Lead, PwC Germany

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