„Kreislaufwirtschaft funktioniert nur mit einem engen Zusammenspiel von öffentlichem Sektor und Unternehmen.“

18 Oktober, 2019

Kreislaufwirtschaft birgt großes Potential, um natürliche Ressourcen zu schonen. Was die private Wirtschaft und der öffentliche Sektor dafür beitragen müssen, erläutern die Kreislaufwirtschaft-Experten Barbara Wieler und Pablo von Waldenfels von PwC Deutschland im Interview.

Frau Wieler, Herr von Waldenfels, beim Begriff „Circular Economy“ – oder Kreislaufwirtschaft – denken viele Menschen zunächst an Abfall, Recycling und das duale System. Genügt das?

Barbara Wieler: Der Begriff Kreislaufwirtschaft kommt ursprünglich zwar aus der Entsorgungsbranche. Das Sammeln und die sinnvolle Wiederverwertung von Abfall ist aber nur ein Aspekt. Insgesamt geht es um das Ziel, im gesamten Wirtschaftssystem Kreisläufe zu schließen, um Ressourcen zu schonen.

Inwieweit schließt Kreislaufwirtschaft privatwirtschaftliche Unternehmen ein?

Barbara Wieler: Ohne das Engagement der Industrie wird nachhaltiges Wirtschaften für uns Menschen und unsere Umwelt nicht funktionieren. Und die öffentliche Hand, insbesondere der Gesetzgeber, muss den Rahmen vorgeben und Anreize schaffen, damit die Privatwirtschaft ihre Ressourceneffizienz optimiert. Der öffentliche Sektor ist aber auch als Wirtschaftsakteur gefordert – beispielsweise in der klassischen Entsorgungswirtschaft, der Wohnungswirtschaft, der Energieversorgung und als Gestalter von Mobilität.

Wer ist bezüglich der Kreislaufwirtschaft weiter: die Privatwirtschaft oder der öffentliche Sektor?

Pablo von Waldenfels: Pauschal lässt sich das nicht sagen. Einige Branchen befassen sich intensiver mit nachhaltigen Entwicklungen als andere. Die Textilbranche ist ein gutes Beispiel: Sie verbraucht viele Ressourcen, die Nutzungsdauer ihrer Produkte ist aber relativ kurz. Hier arbeiten Unternehmen zum Beispiel daran, Kreislaufsysteme aufzubauen, die dafür sorgen, dass Kleidungsstücke den Weg vom Konsumenten zurück zum Unternehmen finden – und zwar so, dass es sich für sie auch wirtschaftlich lohnt.

Haben private Unternehmen überhaupt großes Interesse daran, Ressourcen zu schonen?

Pablo von Waldenfels: Natürlich sind auch wirtschaftliche Überlegungen wichtig, wenn es darum geht, Rohstoffe und die Umwelt zu schonen. Außerdem stehen Unternehmen in Konkurrenz zueinander. Sie überlegen daher sehr genau, ob und inwiefern sie zum Beispiel Lieferketten gemeinsam mit Wettbewerbern aufbauen. Das ist allerdings nicht nur eine Frage des Wollens, sondern auch des Dürfens, wenn man zum Beispiel kartellrechtliche Vorgaben für die Wirtschaft berücksichtigt.

„Der öffentliche Sektor muss die richtigen Rahmenbedingungen setzen, damit Unternehmen mehr dafür tun, Ressourcen zu schonen.“

Barbara Wieler, Kreislaufwirtschaft-Expertin bei PwC Deutschland

Womit wir wieder bei den Rahmenbedingungen wären?

Barbara Wieler: Ja, der öffentliche Sektor muss die richtigen Rahmenbedingungen setzen, damit Unternehmen mehr dafür tun, Ressourcen zu schonen. Aus unserer Projekterfahrung in der Kreislaufwirtschaft wissen wir, wie schwierig es ist, geschlossene Systeme aufzubauen. In Workshops und Roundtables bringen wir die Stakeholder miteinander ins Gespräch und verstehen uns als Moderatoren zwischen öffentlicher Hand und Industrie. Dabei stellen wir häufig fest: Technologisch machbar sind solche Kreislaufsysteme, und oftmals ist auch der Wille bei den verschiedenen Akteuren vorhanden; egal, ob privatwirtschaftlich oder öffentlich. Aber die bestehenden Systeme sind bislang kaum auf geschlossene Kreisläufe von Waren und Ressourcen ausgelegt.

Wären auch industrieübergreifende Ansätze denkbar?

Barbara Wieler: Die gibt es bereits, wenn auch erst in kleinem Umfang, beispielsweise zwischen der Automobil- und der chemischen Industrie. Inhaltlich gibt es dabei durchaus sinnvolle Synergien. Aber oft sind die Produktions- und Innovationszyklen in den verschiedenen Sektoren der Wirtschaft sehr unterschiedlich. Außerdem fehlen Plattformen, auf denen verschiedene Akteure zum Beispiel ihre Bedarfe austauschen könnten. Es gibt Ansätze, aber vom flächendeckenden Einsatz in der Wirtschaft sind wir noch weit entfernt.

Sprechen wir auch über die Kommunen. Anfang 2017 hat der Deutsche Städtetag die „SDG-Indikatoren“ initiiert. Sie sollen helfen, die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen auf kommunaler Ebene umzusetzen. Spielt die Kreislaufwirtschaft auch hier eine Rolle?

Pablo von Waldenfels: Es gibt zahlreiche Schnittstellen. Wenn Kommunen mit unserer Unterstützung beispielsweise Konzepte für E-Mobilität erarbeiten und umsetzen, berührt das zwangläufig die Energiewirtschaft: Wie lässt sich die Stromspeicherung mit Batterien organisieren? Wie sehen sinnvolle Rücknahmesysteme aus? Wie lässt sich schwer entsorgbarer Abfall vermeiden? Auch hier verstehen wir uns als moderierendes Bindeglied zwischen öffentlicher Hand und privater Wirtschaft. Auf operativer Ebene kümmern wir uns für unsere Kunden um strategische Fragen und darum, dass allen Beteiligten relevante Daten in hoher Qualität zur Verfügung stehen. Auch zu Finanzierungsfragen bieten wir Kommunen und anderen Stakeholdern effektive Lösungen.  

Barbara Wieler: Unser Ziel ist, an möglichst vielen Stellen Startpunkte zu setzen. Was genau sind die jeweiligen Anforderungen, wie können wir sie bündeln, und wie könnte eine gemeinsame, nachhaltige Lösung aussehen? Das sind Fragen, die bei all unseren Projekten zentral sind – die übrigens zum Teil weit über den öffentlichen Sektor hinausgehen.

Woran denken Sie?

Barbara Wieler: Gemeinsam mit vielen weiteren Akteuren, übrigens auch mit der Wissenschaft, sind wir an einem großen Pilotprojekt beteiligt, das sich mit der Beseitigung von Abfall aus Plastik in Ozeanen befasst. Da ist nicht nur branchen-, sondern sogar staatenübergreifende Zusammenarbeit gefragt.

Dennoch bleibt der Eindruck, dass bei der Circular Economy insgesamt noch wenig passiert.

Pablo von Waldenfels: Das sehen wir anders. Das Interesse an nachhaltiger Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft ist groß. Die unterschiedlichen Interessen bei Aufgaben mit hoher Komplexität zusammenzubringen ist allerdings nicht so leicht. Insofern ist es nur verständlich, dass es Patentlösungen und einfache Antworten nicht geben kann. Dennoch: Die Chancen, die in der Kreislaufwirtschaft und den übergeordneten Aspekten Nachhaltigkeit und Klimaziele stecken, sind gewaltig. Unternehmen und staatliche Akteure können die Probleme in den Griff bekommen – sei es bei der Mobilität, der Energie, der Bildung und so weiter.

Wo sollten Akteure ansetzen?

Pablo von Waldenfels: So früh wie möglich im Prozess. Wenn man Circular Economy ernst nimmt, muss man beispielsweise bereits beim Design und der Entwicklung neuer Produkte den nachhaltigen Einsatz der Rohstoffe für die nächsten Produktgenerationen mitdenken. Es wird kluge Köpfe geben, die die richtigen Ideen für weniger Abfall und mehr Recycling finden. Das ist eine gewaltige Chance für Innovationen und Wachstum. Klar ist aber auch: Kreislaufwirtschaft kann nur in einem engen Zusammenspiel zwischen öffentlichem Sektor und Privatwirtschaft funktionieren.

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