Chancen und Risiken für die deutsche Heizungsindustrie im globalen Wettbewerb

PwC-Studie 2020: Wärmepumpen für die Wärmeversorgung von Gebäuden haben großes Potenzial

Ihr Experte für Fragen

Dr. Volker Breisig
Partner bei PwC Deutschland
Tel.: +49 211 981-4428
E-Mail

Für eine erfolgreiche Wärmewende in Deutschland

Mit fortschreitendem Bevölkerungswachstum und steigenden Ansprüchen der Menschen an ihre Lebensqualität nimmt auch der weltweite Wärmebedarf zu: Bereits etwa die Hälfte der globalen Endenergie entfällt auf Wärme für Privathaushalte und Industriebetriebe. Bei der globalen Wärmeerzeugung spielen allerdings, anders als beim Strom, erneuerbare Energien (EE) bislang eine untergeordnete Rolle. Lediglich 10 % der weltweit erzeugten Wärme stammen aus erneuerbaren Quellen.

Welchen Beitrag die Wärmepumpen-Technologie – und speziell die deutsche Wärmepumpen-Branche – leisten kann, um die weltweiten Klimaziele zu erreichen, schildert die Studie „Chancen und Risiken für die deutsche Heizungsindustrie im globalen Wettbewerb“. Die Autoren begründen zudem, warum eine erfolgreiche Energiewende in Deutschland auch eine Wärmewende braucht – und welche politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen die Branche in Deutschland derzeit noch hemmen.

Die Studie im Überblick

Der Wärmepumpen-Absatz steigt deutlich

Die Technologie ist gefragter denn je: Weltweit ist im Jahr 2018 die Nachfrage nach Wärmepumpen um 10 % gestiegen. Das globale Umsatzvolumen lag 2017 bei 48 Milliarden US-Dollar. Marktbeobachter prognostizieren nahezu eine Verdopplung dieses Werts bis zum Jahr 2023 (94 Milliarden Dollar). Treiber des Booms ist vor allem, dass die Technologie effizient und sauber ist – und sich mit ihr die Treibhausgas-Emissionen (THG-Emissionen) deutlich reduzieren lassen.

Folgerichtig geht die International Energy Agency (IEA) davon aus, dass bis zum Jahr 2025 weltweit 33 Millionen und bis 2030 annähernd 60 Millionen Wärmepumpen verkauft werden.

Europas Marktanteil ist im Vergleich zu Asien und den USA gering

Regionale Treiber des globalen Wärmepumpen-Absatzes sind der asiatische Raum (insbesondere China und Japan) sowie die USA: Mehr als 80 % der neuen Wärmepumpen wurden 2017 in diesen Ländern installiert. Politisch gefördert wurde die Verbreitung der umweltfreundlichen Technologie mit Steuernachlässen und staatlichen Kaufanreizen.

In Europa hingegen wurden 2017 lediglich 1,1 Millionen Geräte installiert, insbesondere in den skandinavischen Ländern. 2018  betrug der Bestand in Europa 11,8 Millionen Einheiten. Der europäische Wärmepumpenverband (European Heat Pump Association, EHPA) geht folglich von einem großen Potenzial für die Technologie aus: Die EHPA schätzt das potenzielle Absatzvolumen auf jährlich 6,8 Millionen Geräte. Den möglichen Bestand beziffert der Verband auf 89,9 Millionen, ausgehend vom Bestand im Musterland Norwegen.

Großes Potenzial in Bestandsgebäuden

Selbst im europäischen Vergleich verläuft die Entwicklung in Deutschland auf bislang sehr niedrigem Niveau: Auf 1.000 Haushalte kamen 2017  erst 2,3 installierte Wärmepumpen. Zum Vergleich: In Norwegen lag der Anteil bei 34,3, in Schweden immerhin noch bei 22,7 installierten Geräten.

Die Installationen von Wärmepumpen in Gebäudeneubauten nehmen allerdings auch in Deutschland zu. Derzeit  liegt der Wärmepumpen-Anteil an den Heizungsvarianten im Neubau-Markt bei 43 Prozent – und ist damit seit 2017 höher als bei herkömmlichen Gasheizungen. Dagegen haben Wärmepumpen in Bestandsgebäuden lediglich einen Anteil von 6 Prozent. Dort wird aber der Großteil neuer Heizungen installiert, weshalb Bestandsimmobilien einen noch deutlich größeren Beitrag leisten können, um die Klimaziele zu erreichen. Beim Austausch von Heizungen werden Wärmepumpen allerdings bislang kaum berücksichtigt. So geht enormes Potenzial zur Einsparung wärmebedingter Emissionen verloren.

Wärmepumpen bieten strategische Vorteile

Eine stärkere Verbreitung der Wärmepumpe im deutschen Markt – etwa auf dem Niveau von Schweden (22,7 Wärmepumpen pro 1.000 Haushalte) – würde nicht nur die Arbeitsplätze der 75.000 Beschäftigten der Branche, sondern auch die lokale Wertschöpfung sichern. Denn die meisten deutschen Wärmepumpenhersteller sind mittelständische Unternehmen mit Standorten in ländlichen, mitunter auch strukturschwachen Regionen.

Eine konsequente Strategie hin zur Wärmepumpe bietet darüber hinaus die Vorteile, dass

  • der schon jahrelang bestehende Sanierungsstau gelindert wird,
  • der Anteil erneuerbarer Energien im Wärmemarkt steigt, 
  • Unternehmen und Gewerke unterstützt werden, die mit der Gebäudesanierung befasst sind (ca. 540.000 Beschäftigte),
  • Besitzer dezentraler Photovoltaikanlagen angesichts auslaufender EEG-Förderung und sinkender Einspeisevergütung den selbsterzeugten Strom für den Betrieb einer Wärmepumpe nutzen können und 
  • sich mit der Wärmepumpe mittelfristig eine Sektorenkopplung leichter realisieren lässt und damit die Digitalisierung der Energiewende unterstützt.

Die Wärmewende erfordert nur geringe Investitionen

Der Wärmesektor hat einen großen Anteil am Endenergieverbrauch – und birgt dadurch großes Potenzial, um Treibhausgas-Emissionen zu senken. Allerdings bleiben, schreiben die Studienautoren, die Möglichkeiten noch ungenutzt, weil

  • Endenergie- und Wärmebedarfe nicht gesenkt werden,
  • die Umwandlung zur Nutzenergie noch zu ineffizient ist und
  • zu wenige erneuerbare Energien für Wärmeanwendungen genutzt werden.

Die Wärmepumpe ist eine ausgereifte Technologie, mit der sich dieses Potenzial kurzfristig heben lässt. Dafür sind nur geringe Investitionen notwendig.

Neun Handlungsempfehlungen für Entscheider

Die vermehrte Installation von Wärmepumpen ist klima- und energiepolitisch sinnvoll und notwendig. Die Studienautoren schlagen neun Maßnahmen vor, mit denen die Technologie stärker verbreitet werden könnte und mit denen die internationalen und deutschen Klimaziele schneller erreichbar wären.

1. THG-Emissionen in den Energiepreisen berücksichtigen
Die Preise für die zur Wärmegewinnung eingesetzten Energieträger Erdgas, Heizöl oder Strom berücksichtigen nicht, wie viele Emissionen sie verursachen. Somit erzielen die Preise keine Lenkungswirkung, um emissionsarme Energieträger zu fördern.

Energieträger sollten deshalb gemäß den von ihnen verursachten Emissionen belastet werden. Die geplante CO2-Bepreisung ist ein Schritt in die richtige Richtung, genügt aber noch nicht, um die tatsächlichen Emissionen abzubilden.

2. Einseitige Steuer- und Abgabenbelastung von Strom reduzieren
In Deutschland werden Heizöl und Erdgas derzeit steuerlich geringer belastet als Strom. Denn die Kosten der Energiewende werden vor allem auf den Strompreis umgelegt, aber kaum auf Heizöl und Erdgas. Im Ergebnis ist der Preis für Wärmepumpen-Strom mehr als dreimal so hoch wie für Heizöl und Erdgas.

Die Kosten für die Energiewende sollten daher vom Strom hin zu Heizöl und Erdgas verlagert werden, um die Klimaverträglichkeit der Wärmeträger stärker zu berücksichtigen.

3. Mehr Energieeffizienz und erneuerbare Energien in neuen und bestehenden Immobilien einfordern
Höhere Anforderungen an die Energieeffizienz und den Einsatz erneuerbarer Energien können den Einsatz von Wärmepumpen erhöhen – und damit stark zur Versorgungssicherheit, Umweltverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit der deutschen Energieversorgung beitragen. Zudem beeinflussen gesetzliche Vorgaben für den Neubau sowie die Sanierung und Modernisierung von Bestandsgebäuden, welches Heizsystem gewählt wird.

Die Pflicht, einen Mindestanteil erneuerbarer Energien in Bestandsgebäuden zu nutzen, sollte daher ausgedehnt werden.

4. Einen Ausbaupfad für den Wärmesektor festlegen
Im Stromsektor wurde der Ausbau der erneuerbaren Energien anhand einer klaren Strategie mit langfristigen Zielen vorangetrieben. Auch im Wärmesektor geht es um Investitionen mit hoher Lebensdauer sowie die Markteinführung bzw. den verstärkten Einsatz neuer Technologien. Deshalb benötigt dieser Sektor ebenfalls eine stringente Strategie.

Die derzeitigen Förderungen für Wärmepumpen über das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) könnten – analog zur Förderung von Photovoltaikanlagen mittels EEG – an einen gesetzlich definierten Ausbaupfad gekoppelt werden.

5. Informationsoffensive für Stakeholder und Entscheider starten
Verschiedene Stakeholder beeinflussen, ob und welche emissionsarmen Heiztechnologien eingesetzt werden: Die Politik tut dies durch Energiepreise, Gesetze, und Förderungen. Private, unternehmerische und öffentliche Endkunden entscheiden gemäß wirtschaftlicher Effizienz und Umweltschutz. Zudem spielen Energieberater, Handwerker und Schornsteinfeger bei Kaufentscheidungen eine Rolle.

Die Stakeholder sollten gezielt über Eignung und Einsatz klimafreundlicher Technologien, die die Wärmewende in Deutschland unterstützen, informiert werden.

6. Landesspezifische Genehmigungsverfahren vereinheitlichen
Wärmepumpen, die ihre Wärme aus dem Erdreich oder dem Wasser beziehen, müssen oft genehmigt werden und mitunter spezielle Voraussetzungen erfüllen, etwa in Wasserschutzgebieten. Diese Genehmigungen sind aufwändig, zudem bestehen Unterschiede zwischen den Bundesländern. Die Folgen sind ein hoher bürokratischer Aufwand und eine zu geringe Planungssicherheit.

Die Anforderungen sollten bundesweit vereinheitlicht werden, um Hürden für den Einsatz von Wärmepumpen abzubauen.

7. Sektorenkopplung vorantreiben und fördern
Die Vernetzung der Sektoren Strom, Wärme und Verkehr treibt den Anteil erneuerbarer Energien nach oben und hilft, die schwankende Einspeisung von Strom aus Wind- und Solarenergie auszugleichen. Eine stärkere Kopplung, insbesondere des Strom- mit dem Wärmesektor, muss dafür sorgen, dass mehr emissionsarme und strombasierte Heiztechnologien installiert werden. So erzeugt eine Wärmepumpe Wärme, wenn viel Strom eingespeist wird, und nutzt gespeicherte Wärme, wenn dies nicht der Fall ist.

Die Sektorenkopplung sollte weiter vorangebracht werden. Das gilt sowohl bezüglich des Netzausbaus als auch für die Förderung dezentraler Kombinationen zur Strom- und Wärmeerzeugung sowie die Entlohnung flexibler Verbraucher.

8. Wärmepumpe als Partner der Dämmung
Die Sanierung von Gebäuden ist zentral für die Klimaziele des Bundes. Investitionen in die Dämmung und den Fensteraustausch bieten hierbei zwei Vorteile: Mit ihnen lässt sich nachhaltig Energie einsparen, da der Wärmebedarf von Gebäuden sinkt; zudem bieten Maßnahmen an der Gebäudehülle auch einen Anlass, die Heizung zu erneuern. Allerdings verursachen hohe Investitionskosten sowie die unsichere Entwicklung der Energiepreise und des regulatorischen Rahmens nach wie vor einen Sanierungsstau in Deutschland.

Kostenoptimiert geplante Dämmmaßnahmen sollten stärker gefördert werden, um den Sanierungsstau abzubauen.

9. Rahmenbedingungen für den heimischen Markt voranbringen
Es besteht eine Korrelation zwischen dem Energiepreisverhältnis und dem Einsatz von Wärmepumpen: In Skandinavien beispielsweise ist das Energiepreisverhältnis von Strom gegenüber Heizöl niedrig und der Ausbau von Wärmepumpen hoch. Dazu haben auch politischen Maßnahmen und Marktanreizprogramme beigetragen, die für eine hohe Wirtschaftlichkeit der Wärmepumpe für private Endkunden sorgen.

Best Practices aus anderen Ländern, beispielsweise Marktanreizprogramme, und aus anderen Branchen wie der Elektromobilität sollten stärker genutzt werden.

Die Methodik

Erstellt hat die Studie die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) im Auftrag des Bundesverbands Wärmepumpe e. V. (BWP).

Contact us

Dr. Volker Breisig

Dr. Volker Breisig

Partner, PwC Germany

Tel.: +49 211 981-4428

Follow us