Das Digitale-Versorgung-Gesetz: mehr Förderung von innovativen Versorgungslösungen und Start-ups im Gesundheitswesen

07 November, 2019

Das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) hat für großes Aufsehen gesorgt. Es enthält zahlreiche innovative Ansätze und Vorschläge für das deutsche Gesundheitswesen. Doch was würde das Gesetz für die gesetzlichen Krankenkassen und die digitalen Anbieter bedeuten?

Ein Interview mit Jörg Grimm, Senior Manager, Public Sector Consulting, PwC, und Farina Schurzfeld, Mitgründerin und CMO von Selfapy.

Herr Grimm, worum geht in dem Gesetzesentwurf?

Jörg Grimm: In der aktuellen Fassung sollen vor allem digitale Gesundheitsanwendungen – insbesondere telemedizinische Angebote – gefördert und schneller in die Regelversorgung überführt werden. Hier möchte der Gesetzgeber weitere Möglichkeiten schaffen, um Innovationen aus dem Gesundheitsbereich schneller zu etablieren und zugänglich zu machen.

Wie sehen diese Förderungsmöglichkeiten aus, und wie sollten die Kassen auf diese reagieren?

Jörg Grimm: Zukünftig sollen gesetzliche Krankenkassen zwei Prozent ihrer Finanzreserven im Rahmen einer Kapitalbindung für maximal zehn Jahre einsetzen können. In welcher Art, Form und Größenordnung lässt der Gesetzgeber vermutlich bewusst offen, um den Wettbewerb zwischen den Körperschaften nicht zu beschneiden. Insgesamt kommt so ein nicht zu verachtender Betrag zusammen, mit dem innovative Vorhaben langfristig finanziert werden können. Dass für das deutsche Gesundheitswesen am Ende auch ein guter Return on Investment herauskommen soll, ist dabei selbstverständlich.

Welche Möglichkeiten gibt es konkret?

Jörg Grimm: Das muss in persönlichen Gesprächen mit den jeweiligen Verantwortlichen oder in Workshops eruiert werden. Grundsätzlich gibt es eine ganze Palette an Möglichkeiten. Zum einen könnten die Kassen direkt in innovative Versorgungsangebote oder in Start-ups investieren. Zum anderen könnten spezielle Vehikel, sogenannte Servicegesellschaften, gegründet werden, die diese Aufgaben übernehmen. Außerdem haben einige Krankenkassen schon ähnliche Strukturen wie Hubs oder Acceleratoren aufgebaut, die ebenfalls genutzt werden können. Darüber hinaus kann man mit Risikokapitalgebern (Venture Capital) zusammenarbeiten und in deren Kapitalfonds investieren. An wie vielen Unternehmen man sich auf welche Art und Weise wie lange beteiligt, sollte stets genau und individuell geprüft werden.

„Die Beteiligungen sollten in die strategischen Langfristziele mit einfließen und diese bestmöglich ergänzen beziehungsweise unterstützen.“

Jörg-Henning Grimm, Senior Manager im Bereich Public Sector Consulting bei PwC

Auf welche Weise können Sie die Krankenkassen dabei unterstützen, die richtigen Schritte einzuleiten?

Jörg Grimm: Mit unserem branchenübergreifenden und weltweiten Netzwerk haben wir den bestmöglichen Marktüberblick und sind nahezu ständig mit allen wichtigen Playern – egal, ob das Banken, Krankenkassen, Ministerien, Unternehmen der Gesundheitswirtschaft, Venture-Capital-Fonds oder Start-ups sind – im Austausch. Wir wollen als Plattform und Mittler zwischen gesetzlicher Krankenversicherung, Risikokapital und Start-ups dienen und unsere umfassende Expertise in die Vorhaben unserer Kunden sinnvoll einbringen. Insbesondere der Start-up-Markt verändert sich aufgrund neuer Technologien und der damit verbundenen neuen Einsatzmöglichkeiten derzeit derart schnell, dass es für eine gesetzliche Krankenkasse eigentlich gar nicht möglich ist, den Überblick über die vielen spannenden Angebote zu behalten.

Was bietet der Markt zum Beispiel an?

Jörg Grimm: Dass es in Deutschland nicht an guten Ideen und Gründern mangelt, sehen wir immer wieder im Gespräch mit jungen Unternehmerinnen und Unternehmern. Einige von ihnen versuchen auch, gezielt wichtige Herausforderungen und Probleme im Gesundheitswesen anzugehen. Ein Beispiel: In Deutschland leiden mehr als ein Viertel der Erwachsenen (28 Prozent) an einer psychischen Erkrankung. Doch die medizinische Versorgung innerhalb der Psychotherapie reicht, vor allem in der Akutbehandlung, längst nicht aus. Aktuell erhalten nur etwa 40 Prozent der Betroffenen eine Behandlung. Die Wartezeiten bei Fachärzten und Kliniken sind lang. Das 2016 gegründete Berliner Start-up Selfapy will diese Versorgungslücke schließen und bietet auf seinem umfangreichen Onlineportal Kurse an, die Betroffenen bei Depressionen, Stress, Burnout und Angstzuständen helfen können.

„In Deutschland leiden mehr als ein Viertel der Erwachsenen an einer psychischen Erkrankung. Doch die medizinische Versorgung innerhalb der Psychotherapie reicht, vor allem in der Akutbehandlung, längst nicht aus.“

Jörg-Henning Grimm, Senior Manager im Bereich Public Sector Consulting bei PwC

Frau Schurzfeld, Sie haben Selfapy mitgegründet und im Jahr 2018 am Scale-Programm von PwC teilgenommen. Was haben Sie sich davon versprochen?

Farina Schurzfeld: PwC ist weltweit tätig und besitzt ein großes Netzwerk über alle Fachbereiche und Branchen hinweg. Durch das Programm haben wir Zugang zu vielen potenziellen Kunden im Corporate-Health-Bereich bekommen. Zudem konnten wir uns mit Investoren und Unternehmen austauschen und so unseren Kundenstamm weiter ausbauen. In den von PwC angebotenen Masterclasses haben wir uns intensiv mit den Prozessen im Unternehmen selbst beschäftigt. Daraus konnten wir, was Kunden-ansprache und Pitch-Decks betrifft, viele Anregungen mitnehmen, um noch besser und professioneller zu arbeiten.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Online-Therapieprogramm für Menschen mit psychischen Krankheiten zu entwickeln?

Farina Schurzfeld: Alle drei Gründerinnen von Selfapy – Nora Blum, Katrin Bermbach und ich – bekamen auf ganz verschiedene Weise den Versorgungsnotstand im Bereich der Psychotherapie zu spüren. Nora erlebte in der psychotherapeutischen Praxis ihrer Mutter mit, wie immer mehr neue Patienten Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterließen. Als Katrin als wissenschaftliche Hilfskraft in einem Berliner Krankenhaus arbeitete, gehörte es zu ihren Aufgaben, erkrankten Menschen mitzuteilen, dass keine Aussicht auf einen Platz für eine psychotherapeutische Behandlung im Krankenhaus bestand. Und ich habe händeringend eine psychologische Betreuung für meine Mutter gesucht, aber zeitnah keine gefunden.

Wie kann Selfapy in solchen Situationen helfen?

Farina Schurzfeld: Selfapy bietet Onlinekurse an, die bei psychischen Störungen wie Depressionen, Essstörungen, Angst, aber auch in vielen anderen Belastungssituationen wie chronischen Schmerzen oder Stress helfen können. Das Onlinepaket basiert auf den Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie und beinhaltet interaktive Übungen, Videos und Informationsmaterial. Ergänzt werden die dreimonatigen Onlinekurse durch wöchentliche Telefon- oder Chatgespräche mit Psychologen und durch ein moderiertes Onlineforum, in dem sich Nutzer austauschen.

Welche Rolle spielen psychische Erkrankungen in Deutschland?

Farina Schurzfeld: Die psychische Gesundheit stellt eine der gravierendsten Herausforderungen für das Gesundheitssystem dar. Angstzustände, Depressionen, Burnout und Schlafstörungen haben wegen ihrer weiten Verbreitung große Relevanz. 2014 betrug in Deutschland der Anteil der Menschen, die unter psychischen Störungen leiden, 4,9 Prozent. Das bedeutet, dass jeder zwanzigste mindestens einmal wegen eines psychischen Leidens krankgeschrieben wird. Die Konsequenzen für die Volkswirtschaft sind gravierend. So liegen die direkten Behandlungskosten bei rund 28,7 Milliarden Euro pro Jahr.

„2015 waren 14,8 Prozent aller betrieblichen Fehltage auf psychische Erkrankungen zurückzuführen.“

Farina Schurzfeld, Mitgründerin und CMO von Selfapy

Was sind die Vorteile eines digitalen Therapieangebots?

Farina Schurzfeld: Auf Online-Therapieprogramme können Betroffene ohne Wartezeit von überallher zugreifen. Das hilft, die Versorgungslücke im Bereich der Psychotherapie zu schließen und eine Chronifizierung der Krankheit, teure stationäre Aufenthalte und eine langfristige Arbeitsunfähigkeit zu verhindern. Außerdem ist das Angebot niedrigschwellig. Manche Krankenkassen erstatten sogar die Kosten für unsere Kurse: Inzwischen steht Selfapy fast 20 Millionen Versicherten kostenfrei offen.

Welche Erfahrungen hat Ihr Start-up mit den Krankenkassen gemacht?

Farina Schurzfeld: In den ersten zwei Jahren ging es nur sehr schleppend voran, da uns die Zulassungen fehlten, um mit Krankenkassen zusammenzuarbeiten. Den Durchbruch brachte erst der Gewinn des „Healthy Hub“. Das ist ein Gesundheitspreis, der Start-ups aus dem Bereich Digital Health die Zusammenarbeit mit fünf gesetzlichen Krankenkassen eröffnet. Seitdem haben viele andere Kassen und Versicherungen nachgezogen. Als Start-up verfügen wir über agile Strukturen und kurze Kommunikationswege, wir stehen aber auch unter einem gewissen Performancedruck. Im Kontakt mit Kassen und Versicherungen stellten wir dann oft fest, dass wir es mit einer anderen Unternehmenskultur zu tun haben. Das war manchmal etwas frustrierend, und wir mussten einen langen Atem haben. Aber wenn man dann mit Kostenträgern zusammenarbeitet, sind die Möglichkeiten riesig.

Welche Ziele hat sich Selfapy für die Zukunft noch gesteckt?

Farina Schurzfeld: Wir wollen allen, die psychologische Unterstützung benötigen, eine Onlinesoforthilfe bieten – idealerweise als Kassenleistung für mindestens 80 Prozent aller Versicherten in Deutschland. Auch die Aufnahme solcher Therapieangebote in die Regelversorgung halte ich in den nächsten Jahren für denkbar. Das wäre ein entscheidender Durchbruch!

Jörg Grimm: Selfapy ist ein gutes Beispiel dafür, was junge Unternehmen im deutschen Gesundheitswesen bewerkstelligen können, wenn man ihnen die nötigen Ressourcen und Kontakte bereitstellt. Wir brauchen mehr solcher Vorhaben, und daher begrüße ich die neuen Anreizmöglichkeiten, die das DVG Krankenkassen bietet. In persönlichen Gesprächen mit unseren Kunden merken wir zunehmend, dass langsam wieder mehr Fahrt aufgenommen wird. Es bleibt jedoch abzuwarten, wie das Gesetz schlussendlich lauten wird. Spannend bleibt es auf jeden Fall!

Jörg-Henning Grimm ist Senior Manager im Bereich Public Sector Consulting bei PwC

Jörg-Henning Grimm

Jörg-Henning Grimm leitet das Team für gesetzliche Krankenkassen innerhalb des Bereiches Public Sector Consulting bei PwC Deutschland. Er verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung innerhalb des Bereiches privater und gesetzlicher Krankenversicherungen (davon mehr als 15 Jahre Führungs- und Managementerfahrung und zehn Jahre Erfahrung als Berater im Gesundheitswesen).

Farina Schurzfeld ist Mitgründerin und CMO von Selfapy

Farina Schurzfeld

Farina Schurzfeld ist Mitgründerin der Online-Therapieplattform Selfapy, die psychisch Erkrankten digitale Soforthilfe bietet. Sie lebte lange Zeit in Australien, wo sie als Teil des Gründungsteams von Groupon und als General Manager von Airtasker (Sydney/NYC) arbeitete. Sie gründete außerdem Sydneys größten Co-Working Space TSL, der heute mehr als 400 Unternehmen hosted. Farina hat einen M.Sc. in Betriebswirtschaft und wurde 2017 in Forbes'„Top 30 under 30“-Liste gewählt.

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Jörg-Henning Grimm

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