„Mit mehr Frauen an der Spitze wäre die Gesundheitswirtschaft erfolgreicher.“

26 Oktober, 2020

Ein Interview mit Sevilay Huesman-Koecke und Corinna Friedl. Geht es um leitende Positionen, sind Frauen von einer angemessenen Teilhabe in allen Branchen weit entfernt. In der Gesundheitswirtschaft ist das Missverhältnis besonders groß. Schließlich stellen Frauen dort drei Viertel der Beschäftigten. Mit der aktuellen Studie "Frauen in der Gesundheitswirtschaft 2020" dokumentiert PwC Deutschland zum zweiten Mal nach 2015 den Anteil von Frauen in den

Führungspositionen der Branche – mit ernüchternden Ergebnissen. Im Gespräch mit den Initiatorinnen des Frauennetzwerkes „women&healthcare“ Sevilay Huesman-Koecke (International Director und Head of Business Development im Bereich Gesundheitswirtschaft bei PwC) und Corinna Friedl (Director Assurance Healthcare Services bei PwC).   

Wie hat sich die Frauenquote in den Führungspositionen der Gesundheitswirtschaft in den vergangenen Jahren entwickelt?

Sevilay Huesman-Koecke: Wir waren durch die Vorgängerstudie vor fünf Jahren schon auf einiges gefasst: Damals betrug der Anteil von Frauen an leitender Stelle nur 33 Prozent. Aktuell liegt diese Quote nur noch bei 29 Prozent. Ich muss zugeben: Mit dieser Entwicklung hatten wir nicht gerechnet.

Warum überrascht Sie das so?

Corinna Friedl: Es entspricht so gar nicht dem gesellschaftlichen Konsens. 2015 trat das Gesetz zur gleichberechtigten Teilhabe von Frauen und Männern in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst in Kraft. Natürlich war nicht zu erwarten, dass die Frauenquote deswegen innerhalb von fünf Jahren in die Höhe schnellt. Aber wir sind schon davon ausgegangen, dass es eine Tendenz nach oben geben würde. Stattdessen ist die Gesundheitswirtschaft in diesem Punkt keinen Schritt vorangekommen, sie hat sogar den Rückwärtsgang eingelegt.

Sevilay Huesman-Koecke: Ausgerechnet im öffentlichen Dienst ist der Anteil weiblicher Führungskräfte regelrecht eingebrochen. In Ministerien und Behörden auf Bundes- und Länderebene ist der Anteil von 44 Prozent auf 31 Prozent deutlich gesunken. Das gilt auch für ostdeutsche Bundesländer, die sonst bessere Zahlen aufweisen, wenn es um die Teilhabe von Frauen am Berufsleben geht.

Stimmt, Sie haben die Daten der Studie auch nach Branchen und Regionen ausgewertet. Welche Ergebnisse halten Sie in dieser Hinsicht noch für besonders interessant?

Corinna Friedl: Hier würde ich gerne auf den Krankenhaussektor eingehen. Da haben wir in den östlichen Bundesländern eine Quote an weiblichen Führungskräften, die zwischen 42 und 44 Prozent liegt. In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sind es nur 30 Prozent. Ein regelrechtes Ost-West-Gefälle: Es gibt im Westen beim Thema Gleichstellung offensichtlich einen Nachholbedarf, dem sich die Verantwortlichen stellen sollten. Letztlich geht es darum, die Personalentwicklung und Führungskultur innerhalb eines Unternehmens zu hinterfragen und gegebenenfalls zu professionalisieren. Ich bin überzeugt: Mit mehr Frauen an der Spitze wäre die Gesundheitswirtschaft wesentlich erfolgreicher.

Sevilay Huesman-Koecke: Zum Glück gibt es aber auch den ein oder anderen Lichtblick. Vor allem Pharmaunternehmen haben sich positiv entwickelt. Inzwischen ist dort jeder fünfte Chef eine Chefin. Bei der Vorgängerstudie lag der Anteil weiblicher Führungskräfte bei 15 Prozent. Auf Vorstandsebene ist der Anteil von Frauen in diesem Zeitraum von niedrigen fünf Prozent auf aktuell 21 Prozent gestiegen. Das hat nach meiner Einschätzung auch damit zu tun, dass die mittlere Führungsebene in der Pharmaindustrie zu 55 Prozent weiblich besetzt ist. Das garantiert, dass es einen großen Pool qualifizierter Kandidatinnen für Spitzenpositionen gibt. Bei Krankenhäusern hoffen wir übrigens auf eine ähnliche Entwicklung. Denn auch dort sind Frauen im mittleren Management immerhin heute mit 49 Prozent gut vertreten.

Warum halten Sie es für wichtig, dass Frauen auf Führungsebene paritätisch vertreten sind?

Sevilay Huesman-Koecke: Da geht es zum einen natürlich um Geschlechtergerechtigkeit, aber auch um wirtschaftliche Aspekte.

Die Expertise, die Frauen gerade im Gesundheitsbereich mitbringen, wird viel zu wenig genutzt. Da lassen Unternehmen ein großes Potenzial brachliegen. Eine Studie von Global Digital Women zeigt zum Beispiel auch, dass mehr Frauen in der Führung positive Abstrahleffekte haben. So werden Unternehmen mit vielen Frauen in Führungspositionen als digital kompetenter eingestuft.

Corinna Friedl: Man sollte nicht unterschätzen, wie wichtig Frauen an der Spitze  einer Branche sind – zum Beispiel auch als Role Model für potenzielle Mitarbeiterinnen. Angesichts des Fachkräftemangels tut die Gesundheitswirtschaft gut daran, sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren, der Frauen Aufstiegschancen bietet und ein berufliches Umfeld darstellt, indem sie gefördert werden. Es reicht aber natürlich nicht, nur die Unternehmen bei diesem Thema in die Verantwortung zu nehmen. Ganz klar, ihr Engagement spielt eine wichtige Rolle, aber Frauen, die Karriere machen möchten, müssen auch selbst Initiative ergreifen.

Welche Möglichkeiten können Frauen hierfür nutzen?

Sevilay Huesman-Koecke: Aus unserer Sicht machen berufliche Netzwerke einen entscheidenden Unterschied. Machen wir uns nichts vor: Viele Aufstiegsmöglichkeiten ergeben sich durch den direkten Austausch und persönliche Gespräche untereinander. Natürlich muss in letzter Instanz die Kompetenz entscheiden, wer eine Spitzenposition erhält. Netzwerke schaffen aber einen wichtigen Informationsvorsprung. Gute Kontakte können mich für die Besetzung von Vakanzen überhaupt erst  ins Spiel bringen. So wird sozusagen ein Einfallstor für einen Karrieresprung geschaffen.

Corinna Friedl: Wir finden, Frauen können hier mutiger werden. Einerseits geht es darum, den großen Mehrwert eines starken beruflichen Netzwerks zu erkennen und seine eigenen Beziehungen auf- und auszubauen. Andererseits gehört es natürlich auch dazu, selbst ein vertrauenswürdiger Netzwerkpartner zu sein und anderen Frauen bei ihrer Karriere unter die Arme zu greifen.

Unser Eindruck ist, dass Männer diesen Netzwerkgedanken derzeit noch stärker leben als Frauen. Mit unserem women&healthcare Netzwerk, das wir 2015 ins Leben gerufen haben, möchten wir genau hier ansetzen und eine Austauschplattform schaffen, durch die Frauen in gleicher Weise profitieren können.

Wie wird der Netzwerkgedanke bei women&healthcare gelebt?

Sevilay Huesman-Koecke: Bei den regelmäßigen Treffen lernen sich  Entscheiderinnen aus allen Bereichen der Gesundheitswirtschaft kennen, bilden sich fachlich weiter, diskutieren innovative Themen. Auf diesem Weg entstehen Freundschaften, die es erlauben, sich auch im Berufsalltag auf kurzem Weg auszutauschen. Es gibt inzwischen in der Gesundheitswirtschaft übrigens eine ganze Reihe weiterer Frauennetzwerke, darunter auch solche, die Mentorinnen-Projekte für Berufseinsteigerinnen anbieten. Also liebe Frauen: Nutzt diese Plattformen und lasst uns gemeinsam endlich eine Trendwende herbeiführen!

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