Interview: „Die Überlastung der Notaufnahmen zeigt sich nicht direkt in Qualitätseinbußen – noch nicht.“

17 Februar, 2022

Ein Interview mit Michael Burkhart und Sevilay Huesman-Koecke. Wie zufrieden sind die Deutschen mit ihrem Gesundheitswesen? Wie wirken sich zwei Jahre Pandemie auf ihre Bewertung aus? Wie beurteilen sie die Debatte um das Streitthema Impfen?

Um Antworten zu finden, hat PwC im „Healthcare-Barometer 2022“ 1.000 Bürger:innen nach ihrer Einschätzung gefragt. Wie sie die Ergebnisse werten, erklären Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft, und Sevilay Huesman-Koecke, bis 2022 Head of Business Development Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland.

Mit dem „Healthcare-Barometer 2022“ fragen Sie die Deutschen bereits zum achten Mal in Folge, wie sie ihr Gesundheitswesen beurteilen. Damit haben Sie einen – in der deutschen Gesundheitswirtschaft vermutlich einmaligen – Überblick über Stimmungen und Trends in der Bevölkerung. Was fällt Ihnen besonders auf?

Sevilay Huesman-Koecke: Wir beobachten über den gesamten Zeitverlauf hinweg, dass Frauen das deutsche Gesundheitswesen deutlich kritischer beurteilen als Männer. Das schlägt sich zum Beispiel in der Bewertung von Krankenhäusern nieder: So geben 69 Prozent der Männer, aber lediglich 57 Prozent der Frauen der Versorgung in Kliniken gute Noten. Einen ähnlichen Trend beobachten wir in der allgemeinen Einschätzung des deutschen Gesundheitswesens.

Wie erklären Sie sich die größere Skepsis der Frauen?

Huesman-Koecke: Es hat lange gedauert, bis der kleine Unterschied auch in der Medizin angekommen ist. Wir wissen heute, dass Frauen anders krank sind als Männer – und anders auf Medikamente reagieren. Das hat zur Entwicklung der Gender-Medizin geführt, die sich für eine gerechte und angemessene Versorgung aller Menschen einsetzt.

Noch immer werden Frauen in der Medizin aber benachteiligt: Sie sind in der klinischen Forschung unterrepräsentiert und haben ein größeres Komplikations- und Sterberisiko bei Operationen, wie eine kanadische Studie jüngst gezeigt hat. Daran müssen wir dringend arbeiten, indem wir Frauen stärker in den Blick nehmen. Es darf nicht sein, dass eine Hälfte der Bevölkerung so konsequent vernachlässigt wird.

Die Stimmung ist allerdings nicht nur unter den Patientinnen gesunken, insgesamt bewerten die Deutschen ihr Gesundheitswesen kritischer als im Vorjahr. Wie erklären Sie sich das?

Michael Burkhart: Das stimmt, wir stellen einen klaren Abwärtstrend fest. Während in der Vorjahresbefragung noch 72 Prozent der Deutschen ihr Gesundheitswesen zu den drei besten der Welt zählten, sind es aktuell nur noch 59 Prozent. Nach meiner Einschätzung war die euphorische Stimmung im vergangenen Jahr eine Art Ausreißer. Ich führe sie darauf zurück, dass es zunächst so schien, als würde Deutschland die COVID-19-Pandemie besser bewältigen als andere Länder. Inzwischen macht sich – mit dem Fortdauern der Krise – aber eine Art Ernüchterung breit. Das führt dazu, dass sich die Beurteilung unseres Gesundheitswesens wieder auf Normalniveau eingependelt hat. Denn die Probleme sind nach wie vor da, zum Beispiel der enorme Zeitdruck unter Ärzt:innen.

Lässt sich dieser Trend auch in der Einschätzung der einzelnen Sektoren ablesen?

Burkhart: Ja, ganz klar. Die Deutschen beurteilen die Versorgung in Krankenhäusern deutlich skeptischer als noch vor einem Jahr. Während in der Vorjahresbefragung noch 72 Prozent damit zufrieden waren, sind es aktuell nur noch 63 Prozent. In diesem Punkt schlägt sich sicherlich nieder, dass die Patient:innen in den Medien von der Überlastung der Krankenhäuser lesen und vielleicht auch selbst betroffen waren, etwa durch die Verschiebung von Operationen durch die Pandemie.

Mit der medizinischen Versorgung in Praxen sind die Deutschen vergleichsweise zufrieden, aber dort zeigt sich klar, dass die Erwartungen wachsen, etwa an Service, Flexibilität und Öffnungszeiten. Die Standards, die Verbraucher:innen aus anderen Branchen kennen, übertragen sie inzwischen auch auf das Gesundheitswesen.

Stichwort Service: In welche Richtung muss sich das deutsche Gesundheitswesen weiterentwickeln, damit es den Erwartungen der Versicherten gerecht wird?

Huesman-Koecke: Die Erwartungen steigen, daher muss sich der deutsche Gesundheitsmarkt dringend für Innovationen öffnen – so wie es andere Länder längst tun. Das Thema RPM, kurz für remote patient monitoring, nimmt international stark an Fahrt auf und immer mehr Player aus dem Konsum- und Technologiebereich drängen mit entsprechenden Lösungen auf den Markt. Und gerade die großen Technologieanbieter punkten zusätzlich mit teils sehr ausgereiften Ökosystemen. Um Patienten auch zukünftig gut zu betreuen, brauchen wir daher eine kluge Verzahnung von nutzerfreundlichen digitalen Gesundheitsangeboten mit der persönlichen Versorgung durch Ärzt:innen oder andere Health Professionals, die auf finanziell und regulatorisch auf sicheren Füßen steht. Förderprogramme wie das KHZG leisten hier einen wichtigen Beitrag.

Die Digitalisierung bietet gerade beim Self-Monitoring, bei der Selbstorganisation, zum Beispiel dem Buchen von Arztterminen, und bei der Suche nach Gesundheitsinformationen enorme Chancen. Damit könnten wir den Service im Gesundheitswesen stärken.

Inzwischen dauert die Pandemie zwei Jahre an. Gibt es auch Bereiche des Gesundheitswesens, die Chancen nutzen und davon profitieren?

Burkhart: Wir stellen fest, dass die Deutschen mit der Arbeit der Krankenkassen ausgesprochen zufrieden sind, wie 88 Prozent bestätigen. Dieses Ergebnis ist aber unabhängig von der Pandemie. Verändert hat sich durch Corona allerdings die Wahrnehmung der Pharmabranche.

Die Wertschätzung von Pharmakonzernen als innovative Unternehmen ist im vergangenen Jahr sprunghaft angestiegen und verweilt noch immer auf vergleichsweise hohem Niveau. Das ist sicher auf die Erfolge Deutschlands in der Pandemiebekämpfung durch Impfstoffe zurückzuführen.

Das Thema Impfen bewegt die Deutschen derzeit stark. Wie ist die Stimmung dazu – welchen Weg sehen die Bürger:innen aus der Krise?

Burkhart: Verschiedene Wissenschaftler, Politiker und Institutionen haben den Vorschlag eingebracht, dass Ungeimpfte im Falle einer Corona-Erkrankung an den Kosten beteiligt werden sollen. Das ist ein Gedanke, den die Deutschen durchaus unterstützen: 66 Prozent können sich eine Kostenübernahme oder zumindest -beteiligung vorstellen. Unter den Menschen, die bislang ungeimpft sind, ist dieser Zustimmungswert erwartungsgemäß mit elf Prozent deutlich geringer. Insgesamt müssen wir feststellen, dass Ungeimpfte deutlich kritischer mit dem deutschen Gesundheitswesen umgehen – lediglich 27 Prozent zählen es zu den Top 3 der Welt.

Bitte wagen Sie einen Ausblick: Welchen Aufgaben und Veränderungen muss sich das deutsche Gesundheitswesen in den kommenden Jahren stellen?

Burkhart: Wenn wir die Pandemie hoffentlich bald überstanden haben, werden wir uns wieder verstärkt mit den großen Herausforderungen beschäftigen müssen, auf die Corona zum Teil den Blick gelenkt hat: den gravierenden Fachkräftemangel in der Pflege, die Einbindung von digitalen Gesundheitsangeboten in die Regelversorgung und die Überwindung der Sektorengrenzen, die noch immer eine ganzheitliche Behandlung für Patient:innen erschweren. Auch bei der  Digitalisierung gibt es nach wie vor noch einiges zu tun. Mit ihr werden im Kern zwei für das Gesundheitswesen ganz wesentliche Ziele verfolgt: Auf der einen Seite steht die Verbesserung der medizinischen Behandlungsqualität, beispielsweise in der Diagnostik oder durch personalisierte Behandlungen. Andererseits geht es um einen verbesserten Service-Standard , den wir eben schon angeschnitten haben und bei dem digitale Angebote einen großen Mehrwert leisten können.

Michael Burkhart

Michael Burkhart ist Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland sowie Standortleiter Frankfurt. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung bei PwC. Seine Branchenexpertise umfasst das gesamte Gesundheitswesen – von Krankenhäusern über gesetzliche Krankenkassen, Pflegeheime, Diagnostikunternehmen, Medizinprodukte und Organisationen des öffentlichen Sektors.

Sevilay Huesman-Koecke

Sevilay Huesman-Koecke war bis 2022 Senior Managerin und Head of Business Development im Bereich Gesundheitswirtschaft bei PwC. Außerdem ist die Expertin Initiatorin des externen PwC-Frauennetzwerkes women&healthcare.

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Leiter Gesundheitswirtschaft und Managing Partner Region Mitte, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-1268

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