Interview zu E-Health: „Wir müssen endlich die Wende schaffen“

04 März, 2019

Bei den Deutschen wachsen Zweifel, ob ihr Gesundheitssystem wirklich zu den Spitzenreitern zählt. Noch bewerten es 55 Prozent der Bürger als eines der drei besten Systeme der Welt, doch die Zustimmungswerte sinken kontinuierlich.

Das ist das Ergebnis des „Healthcare-Barometers 2019“, einer repräsentativen PwC-Umfrage unter 1.000 Bürgern. Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC, erklärt im Interview, worauf er diesen Abwärtstrend zurückführt.

Kinderärztin mit Patienten

Lange galt das deutsche Gesundheitssystem als eines der leistungsstärksten der Welt. Allmählich schwindet aber das Vertrauen bei den Bürgern, wie Ihre Studie zeigt. Wie erklären Sie sich das, Herr Burkhart?

Das deutsche Gesundheitssystem steht vor enormen Herausforderungen: die demografische Entwicklung, der Fachkräftemangel, die steigenden Kosten im Gesundheitswesen. Hinzu kommt, dass Patienten anspruchsvoller werden und sich eine individualisierte Behandlung auf medizinisch hohem Niveau wünschen. Doch gerade mit Letzterem, das zeigt unserer aktuelles Healthcare-Barometer, ist die deutsche Bevölkerung nicht zufrieden. Diese Herausforderungen könnten wir meistern, wenn wir endlich die große Wende bei der Digitalisierung schaffen. Deutschland ist in puncto E-Health im Vergleich zu vielen anderen EU-Ländern allerdings abgehängt: Während in unseren Nachbarstaaten digitale Rezepte, elektronische Patientenakten, Telemonitoring und Video-Sprechstunden längst zum medizinischen Alltag gehören, herrscht in Deutschland noch immer der Informationsaustausch über Papier vor. Digitale Technologien sind nicht im Alltag der Patienten angekommen. Unsere Umfrage zeigt, dass auch die Bevölkerung spürt, dass Deutschland hinterherhinkt: 2016 hielten noch 64 Prozent unserer Befragten das deutsche Gesundheitssystem für eines der Top 3 der Welt. Mittlerweile sind es nur noch 55 Prozent – ein Trend, der sich fortsetzen wird, wenn wir nicht handeln.

Welchen Ausweg sehen Sie aus dieser Situation?

Wir haben bereits vor fünf Jahren unter anderem mit unserem ersten Healthcare-Barometer darauf hingewiesen, dass wir in Deutschland vor den oben genannten Problemen im Gesundheitswesen stehen und dass wir diese durch eine digitale Transformation angehen müssen. Auch in unserer Studie aus dem Jahr 2012 „112 und niemand hilft“ haben wir schon aufgezeigt: Wenn wir so weitermachen wie bisher, fehlen uns 2030 rund 404.000 Fachkräfte im Gesundheits- und Pflegewesen. Und das ist erst der Anfang. Gerade bei diesem Thema hätten sich durch eine konsequente Umsetzung digitaler Angebote viele heutige Missstände vermeiden oder zumindest abmildern lassen. Die Digitalisierung unserer Medizin trägt dazu bei, dass wir die Sicherheit der Patienten erhöhen, die Qualität der Behandlung steigern und die Kosten senken können. Dieses Potenzial muss die Politik endlich erkennen, sodass wir über das Stadium der Grundlagenschaffung hinauskommen und digitale Technologien zum Nutzen von Patienten einsetzen können. Ein leistungsfähiges Gesundheitssystem zu erhalten wird eine der größten Zukunftsaufgaben unseres Staates sein. Dazu kann die Digitalisierung einen entscheidenden Beitrag leisten.

Einer der zentralen Kritikpunkte ist das Thema Zeitmangel bei niedergelassenen Ärzten. Ist das nur ein Symptom für eine allgemeine Unzufriedenheit?

Das Patientenverhalten hat sich stark verändert. Der Patient versteht sich mittlerweile als aufgeklärter Verbraucher, der dem Arzt auf Augenhöhe gegenübertritt und sich eine ausführliche Beratung ebenso wie eine individuelle Behandlung wünscht. Dem steht die Zeitnot des Arztes entgegen – in Deutschland nehmen sich Ärzte im Schnitt rund sieben Minuten Zeit pro Patient. Das ist ausgesprochen wenig im internationalen Vergleich. Doch Patienten kritisieren nicht nur die Zeitknappheit, sondern auch unflexible Öffnungszeiten und das Gefühl, vom Arzt und seinen Angestellten nicht ernst genommen zu werden. Die Interaktion zwischen Arzt und Patient muss sich dringend verbessern. Niedergelassene Ärzte müssen wieder mehr Wert auf den Faktor Mensch legen. Das gelingt durch den ergänzenden Einsatz digitaler Technologien, die eine intensivere Kommunikation zwischen Arzt und Patient ermöglichen und den Mediziner bei Routineaufgaben entlasten.

Sie haben in Ihrer Studie festgestellt, dass die Zufriedenheit mit der eigenen Krankenkasse wieder steigt. Wie erklären Sie sich das?

Tatsächlich sagen 53 Prozent der Versicherten, dass sie mit ihrer Krankenkasse zufrieden sind, 33 Prozent bezeichnen sich selbst sogar als sehr zufrieden. Gegenüber den Vorjahren ist dieser Wert leicht gestiegen. Acht von zehn Deutschen sind überzeugt davon, dass ihnen alle Leistungen bewilligt werden, die sie für eine gute medizinische Versorgung brauchen. Ich führe diese positive Bewertung darauf zurück, dass gerade die gesetzlichen Krankenkassen hohe Finanzreserven angespart haben und im Wettbewerb um Versicherte mit Zusatzleistungen punkten können.

Pharmakonzerne gelten noch immer stärker als Gewinnmaximierer denn als Innovatoren, wie Ihre Studie belegt. Doch der Branche ist es gelungen, ihr Image kontinuierlich zu verbessern. Worauf führen Sie das zurück?

Pharmahersteller arbeiten im Spannungsfeld von Wirtschaftlichkeit, Gesundheit und hoher Kostensensibilität. Ihnen ist es in den vergangenen Jahren gelungen, Vertrauen in der Bevölkerung aufzubauen. Das führe ich darauf zurück, dass die Unternehmen große Fortschritte in der Forschung gemacht und zahlreiche neue Medikamente auf den Markt gebracht haben, beispielsweise im Bereich der Krebstherapie. Damit kommen sie den Erwartungen der Bürger entgegen, denn diese wünschen sich eher innovative Arzneimittel, die neue Heilungschancen eröffnen, als günstige Nachahmerprodukte, sogenannte Generika.

Beim Kauf von Arzneimitteln agieren viele Kunden aber sehr wohl preisbewusst: Zwei Drittel haben schon bei einer Online-Versandapotheke bestellt. Hat Sie dieses Ergebnis überrascht?

Ich habe nicht damit gerechnet, dass es tatsächlich schon so viele Menschen sind, die ihre Medikamente online bestellen. Aber eigentlich ist es nur folgerichtig, dass sie ihr sonstiges Konsumentenverhalten auch auf den Gesundheitsbereich übertragen – E-Commerce setzt sich in praktisch allen Produktkategorien durch. Gerade ältere Menschen bestellen ihre Medikamente häufig im Netz. Online-Apotheken haben Vorteile für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind oder sehr ländlich wohnen. Allerdings müssen wir auch die Bedenken der Verbraucher ernst nehmen: Jeder Zweite hat beim Versand aus dem EU-Ausland Angst vor gefälschten Medikamenten. In diesem Bereich muss noch mehr getan werden, um das Vertrauen der Verbraucher zu stärken.

Der PwC-Experte zum Thema

Michael Burkhart

Michael Burkhart ist Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland sowie Standortleiter Frankfurt. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung bei PwC. Seine Branchenexpertise umfasst das gesamte Gesundheitswesen – von Krankenhäusern über gesetzliche Krankenkassen, Pflegeheime, Diagnostikunternehmen, Medizinprodukte und Organisationen des öffentlichen Sektors.

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Michael Burkhart

Leiter Gesundheitswirtschaft und Managing Partner Region Mitte, PwC Germany

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