Mittelstand und Banken

Wie die Digitalisierung ihre Beziehung verändert

Digitalisierung im Mittelstand und die neue Rolle der Banken

Die Digitalisierung kommt allmählich im Mittelstand an. Wenn sich das Geschäft des Mittelstandes verändert, ändern sich auch die Anforderungen an die Finanzierung. Inwiefern betrifft dies Firmenkundenbanken? Wie muss sich ihre Rolle ändern, um mittelständische Unternehmen bei der Digitalisierung zu unterstützen? Und mit welchen innovativen Produkten und Dienstleistungen können sich Banken schon heute vom Wettbewerb absetzten?

Zu diesen und weiteren Aspekten hat die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) im Auftrag der HypoVereinsbank eine Online-Umfrage durchgeführt. Teilgenommen haben 250 Unternehmen: Mittelständler aller Industriesektoren, junge Tech-Unternehmen, Traditionsbetriebe und Gesellschaften mit nationalem und internationalem Fokus. Die Antworten der Unternehmen hat PwC anschließend in Interviews mit Bank-, Beratungs- und Industrieexperten sowie Professoren führender Universitäten vertieft und bewertet.

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Beratung, Netzwerkvermittler und Reflexionspartner

Nur noch 31 Prozent der befragten mittelständischen Unternehmen sehen ihre Hausbank als reinen Anbieter von Finanzprodukten. Dies ist eines der Kernergebnisse der Befragung. Stattdessen erwarten rund zwei Drittel (67 Prozent) der Mittelständler von Banken eine umfassende, unabhängige Beratung – auch über Finanzierungsfragen hinaus. Gut ein Drittel der Befragten (34 Prozent) schreibt den Banken eine Netzwerkrolle zu und wünscht sich zum Beispiel die Vermittlung zu interessanten Startups. 

„Banken haben durch die Digitalisierung des Mittelstands die Chance, sich von einem reinen Finanzdienstleister zu einem Netzwerkpartner und Intermediär zwischen ihren Firmenkunden zu entwickeln.“

Holger Junghanns,Partner, Leader Customer PwC Deutschland

19 Prozent der befragten Unternehmen wünschen sich von Banken neue Dienstleistungen, etwa über Partnerschaften mit FinTechs, die zum Beispiel Cloud Accounting Blockchain oder HR-Verwaltungstools für Klein- und Kleinstunternehmen anbieten. Banken sollen mehr und mehr zum Reflexionspartner der Firmenkunden werden, der bei neuen Kooperationen, Geschäftsmodellen und Prozessen als Bindeglied zwischen den Beteiligten fungiert.

Mittelständler erwarten erst mittelfristig Veränderungen ihrer Geschäftsmodelle

Erst in drei bis fünf Jahren werden sie ihre Geschäftsmodelle im Zuge der Digitalisierung verändern müssen – das meinen 66 Prozent der Unternehmen. Sie versprechen sich mittelfristig von Big-Data- und anderen digitalen Anwendungen vor allem einen optimierten Kundenservice (47 Prozent) sowie effizientere Produktionsprozesse (44 Prozent).  

Das aussichtsreichste Geschäftsmodell ist nach Meinung der Befragten die On-Demand-Produktion (kundenbezogene, maßgeschneiderte Produkte). 60 Prozent der Befragten äußerten sich so. Internetbasierte Plattform-Modelle halten 47 Prozent der Unternehmen für vielversprechend, gefolgt von nutzungsbasierten Vergütungsmodellen, z. B. Pay-per-Use (38 Prozent), und Sharing-Modellen (37 Prozent). Internetbasierte Asset-light-Modelle hingegen scheinen den wenigsten relevant zu sein (17 Prozent).

Neue Geschäftsmodelle führen zu veränderten Cash Flows. Welchen Modellen messen Sie eine besondere Bedeutung zu?

Unternehmen planen Investitionen in Technologie

Inzwischen investiert die Mehrheit der befragten Unternehmen (88 Prozent) in Digitalisierungsprojekte – wenn auch mit weniger als 250.000 Euro pro Jahr zumeist in kleinerem Umfang (58 Prozent). Größere Investitionen von mehr als einer Million Euro tätigen aktuell lediglich 11 Prozent.  

Allerdings planen derzeit mehr Mittelständler, in den nächsten drei bis fünf Jahren in die Digitalisierung zu investieren (92 Prozent). Auch bei den Investitionsvolumina rechnen sie mit einem Anstieg. 28 Prozent der Befragten sehen Ausgaben zwischen 250.000 und einer Million Euro vor (aktuell: 19 Prozent). Den größten Finanzierungsbedarf sehen Unternehmen aller Branchen und Größen mittelfristig bei Investitionen in Technologie (43 Prozent). Aktuell konzentrieren sie sich vorwiegend auf den Aufbau von IT-Kompetenzen (36 Prozent) – ein Indikator dafür, dass in vielen Unternehmen die für die Digitalisierung notwendigen Fähigkeiten noch fehlen.  

Um die Digitalisierung erfolgreich zu bewältigen, sollte nach Einschätzung von PwC allerdings von einem jährlichen Investitionsvolumen von 2 bis 5 % des Umsatzes ausgegangen werden.

Immaterielles Kapital und neue Finanzierungsformen

Mit fortschreitender Digitalisierung nimmt der Anteil immateriellen Kapitals gegenüber Sachwerten zu. Eine Herausforderung für die Banken ist es dabei, immaterielle Vermögenswerte zu bewerten. Dazu müssen auch sie sich verändern und ein breiteres Spektrum an flexiblen Finanzierungslösungen anbieten. 

Während die Unternehmen aktuell mehrheitlich (58 Prozent) auf traditionelle Finanzierungsformen für Digitalisierungsprojekte zurückgreifen, rechnen sie mittelfristig mit einer Zunahme der Auftrags- und Projektfinanzierung (39 Prozent) sowie der Innenfinanzierung (22 Prozent). Zudem erwarten sie neue Marktteilnehmer (Crowdfunding, Private Equity, Debt Fonds) sowie öffentliche Fördermittel – insbesondere der KfW Bankengruppe, der Landwirtschaftlichen Rentenbank oder der Förderbanken auf Landesebene, die bei der Finanzierung von Digitalisierungs- und Innovationsvorhaben unterstützen. Dazu gehören neben Sachinvestitionen die Finanzierung von Schulungen, der Aufbau digitaler Plattformen oder die Analyse großer Datenmengen. 

„Die Kundenbedürfnisse bei der Finanzierung von "digitalen Investitionen" werden sich grundlegend wandeln. Banken benötigen heute neue Kompetenzen bei der Bewertung digitaler Geschäftsmodelle und Investitionen sowie innovative Finanzierungslösungen. Klassische Besicherungsformen greifen in diesem Bereich nicht mehr.“

Christian Feldmann,Senior Manager, Finanzierungsexperte PwC Deutschland

Echtzeitdaten gegen Vorteile tauschen

Die mittelständischen Unternehmen sind durchaus bereit, ihrer Bank in größerem Umfang Echtzeitdaten zur Verfügung zu stellen – allerdings nur, wenn sie dadurch einen Mehrwert erzielen. Dazu zählen an erster Stelle ein verbessertes Rating bzw. geringere Finanzierungskosten (57 Prozent), gefolgt von einem schnelleren Service (38 Prozent) und einer umfassenderen Prüfung der eigenen Anliegen bzw. eine bessere Beratung (36 Prozent). 

Um Echtzeitdaten zu verarbeiten, müssen die Banken ihrerseits in puncto Datenerfassung und -analyse nachrüsten, damit sie zum Beispiel Jahresabschlüsse und Unternehmensplanungen automatisiert auslesen oder Ratings in Echtzeit erstellen können. 

Banken als zentrale Schnittstelle

Banken werden sich allerdings noch in anderer Hinsicht verändern müssen, um die Digitalisierung ihrer (mittelständischen) Kunden wirkungsvoll zu begleiten. Ihre zentrale Schnittstellenfunktion im Markt erlaubt es ihnen beispielsweise, Kernprozesse ihrer Kunden zu unterstützen, etwa indem sie Marketingabteilungen anonymisierte Wettbewerbsdaten zur Verfügung stellen oder passende Leistungen für die Kunden ihrer Kunden entwickeln und vertreiben. 

Da Banken die gesamte Wertschöpfungskette vom Rohstofflieferanten zum Endverbraucher überblicken, können sie auf Grundlage der verfügbaren Daten neue Finanzierungs-, Absicherungs- und Anlageprodukte entwickeln – oder gleich selbst als Partner der Unternehmen investieren oder neue Geschäftsmodelle aufbauen.

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Patrick Ziechmann

Patrick Ziechmann

Partner Transactions / Retail & Consumer Goods, PwC Germany

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