Start-ups in der Medienbranche

24 Oktober, 2019

Von Prof. Dr. Diane Robers. Die Umsätze in der Medien- und Unterhaltungsbranche steigen weiterhin an. Laut dem letztjährigen GEMO-Report von PwC wird das Volumen des deutschen Medienmarktes im Jahr 2019 bei rund 62,8 Milliarden Euro liegen und bis 2022 auf 66,2 Milliarden Euro wachsen. Zum Vergleich: 2013 lag das Umsatzvolumen noch bei rund 55 Milliarden Euro. Wir befinden uns also in einem attraktiven Markt. Eigentlich ideale Bedingungen für Start-ups – oder? Wir alle kennen die großen, innovativen und erfolgreichen Start-ups aus Deutschland: Celonis, FlixBus oder N26.

Doch wenn wir einen genaueren Blick auf die Medienbranche werfen, fällt auf, dass die ganz großen Namen nicht aus Deutschland, sondern, wie so oft, aus den Vereinigten Staaten kommen. Exemplarisch zu nennen sind hier VICE, BuzzFeed oder Vox Media. Denn obwohl sich auch in Deutschland in diesem Bereich in den letzten Jahren viel getan hat, bleiben die großen Erfolge (noch) aus. Studien bestätigen dies: Der Deutsche Startup Monitor 2018 beispielsweise attestiert der Medienbranche nur eine vergleichsweise  geringe Anzahl an Neugründungen. 3,6 Prozent der neu gegründeten Unternehmen entfallen auf diesen Sektor.

Der Start-up-Sektor  in Deutschland

Zum Vergleich: Die Branche der Informations- und Kommunikationstechnologie belegt den ersten Platz mit 31,6 Prozent. Ebenfalls 3,6 Prozent erreicht beispielsweise der Bildungssektor. Die Bedingungen für den Start-up-Sektor haben sich dabei insgesamt verbessert: Immerhin befindet sich Deutschland mit insgesamt elf Unicorns – Start-ups mit einer Unternehmensbewertung von über 1 Milliarde US-Dollar – derzeit auf Platz zwei im europäischen Ranking. England führt die Liste mit 27 Unicorns an, Schweden kommt mit acht auf den dritten Platz. Nun stellt sich die Frage, warum in Deutschland nur so wenige Medien-Start-ups gegründet werden – und warum die wenigen, die entstehen, den Durchbruch noch nicht schaffen. Die Bauhaus-Universität Weimar hat sich 2018 mit dieser Frage in einer Studie wissenschaftlich beschäftigt. Dafür wurden 15 Neugründungen untersucht – mit folgendem Ergebnis:

Obwohl Unternehmer und Gründer im Medienbereich mit viel Optimismus, tatkräftigem Elan und verantwortungsbewussten Absichten starten, scheitern sie meist an der „schwierigen Doppelrolle“ als Journalisten und Geschäftsführer. Die Unternehmer stammen schwerpunktmäßig aus der „ersten Gründergeneration im digitalen Journalismus“

Christopher Burschow, Die Neuordnung des Journalismus – Eine Studie zur Gründung neuer Medienorganisationen

Möglichkeiten für Support & Finanzierung

Mittlerweile wurden konkrete Schritte unternommen, um dem oben aufgezeigten Problem entgegenzuwirken. Zum einen erkennen etablierte Unternehmen das Potenzial von Start-ups und werden selbst als Investoren aktiv. In der Medienbranche ist hier besonders die ProSiebenSat.1 Media SE relevant, die ihre digitalen Investments seit 2018 in der Nucom Group bündelt. Unter anderem hält das Unternehmen Anteile an Amorelie, billiger-mietwagen.de, Flaconi, Jochen Schweizer, Parship und Verivox. Teil dieser Investments ist in der Regel neben finanzieller Unterstützung auch der Zugang zum Netzwerk, oftmals bestehend aus Experten aus den eigenen Reihen und potenziellen zukünftigen Kunden. Darüber hinaus stellen Investoren ihr betriebswirtschaftliches Know-how zur Verfügung, um Gründer bei ihren Wachstumsplänen zu unterstützen.

Eine andere Möglichkeit für Gründer besteht in der Bewerbung bei einem Accelerator. Accelerators sind Institutionen, die Start-ups innerhalb eines festgelegten Zeitraums durch intensives Coaching unterstützen und so den Entwicklungsprozess stark beschleunigen und vorantreiben können. Sie agieren oftmals im Rahmen einer Art Bootcamp für Start-ups, denen sie sowohl mit Wissen als auch mit Ressourcen unter die Arme greifen. Im Rahmen dieser Programme werden unter anderem auch finanz- und betriebswirtschaftliche Kenntnisse vermittelt. Prominente Beispiele im Medienbereich sind das Media Lab Bayern, der Next Media Accelerator sowie der ProSiebenSat.1 Accelerator.

Exemplarisch sei das Media Lab Bayern herausgegriffen, das 2015 gegründet wurde. Der Accelerator mit Sitz in München ist ein Kooperations- und Gründerzentrum für Start-up-Unternehmen und konzentriert sich auf die Förderung des digitalen Journalismus sowie die Entwicklung von Medienprojekten. Potenzielle Unternehmer werden von der ersten Idee bis hin zur Gründung unterstützt und gefördert. Das Media Lab Bayern ist dem Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, das den größten Teil der Mittel für ihre Projekte bereitstellt, sowie der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien angeschlossen. Es richtet sich sowohl  an  Studenten als auch an Fachleute aus den Bereichen Medien, Journalismus, Informationstechnologie und Design. Das Media Lab verfolgt eine Vielzahl von Ansätzen  zur Förderung und Entwicklung von Ideen für Medien-innovationen von der Gründung bis zur Markteinführung, wobei der Schwerpunkt auf Design Thinking und Lean Development liegt.

Start-ups werden nach erfolgreicher Bewerbung Teil der Media Startup Fellowship. Hierbei erhalten die Unternehmen bis zu 40.000 Euro Prototyping-Budget sowie weitere 10.000 Euro in Form von Beratungs- und Medialeistungen.

Darüber hinaus gibt es Zugang zu Kontakten und dem Netzwerk des Media Labs, das eine Reihe von Medienhäusern beinhaltet. Ein kostenfreier Platz in einem Coworking Space wird ebenfalls bereitgestellt, um Kooperationspotenziale zwischen den Start-ups zu nutzen und deren Kollaboration zu fördern. Mentorings und Coachings durch erfahrene Experten runden das Programm ab. Im fünften Batch, das aus acht Start-ups besteht, finden sich einige vielversprechende Ideen, von künstlicher Intelligenz (KI) über Kuration bis hin zu einer Social-Media-Plattform für Gamer. In einem „Batch“ werden Start-ups, die bei der Bewerbung erfolgreich waren, zusammengefasst, ähnlich einer Schulklasse. Beispielhaft kann hier für den fünften Batch Luminovo genannt werden. Das Unternehmen entwickelt eine Plattform, die Menschen bei der Kuration von Videos, Texten oder Bildern mit KI unterstützen soll. Dieses Modell reflektiert einen vom Reuters Institute for the Study of Journalism (RISJ) identifizierten Trend für 2019: KI.

Ein Ausblick in die Zukunft

Mehrfach jährlich gibt das RISJ in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford den Digital News Report heraus, der die Entwicklung und Stimmung in der Medienbranche beleuchtet. Für die Studie werden 200 Chefredakteure, CEOs und Digitalmanager aus 29 Ländern interviewt. Die interessanten Erkenntnisse des Ausblicks auf 2019 liegen in der Bewertung von neuen Zukunftsperspektiven. So rechnen 78 Prozent der Befragten damit, dass größere Investments in KI nötig sein werden, um in Zukunft gut aufgestellt zu sein – allerdings nicht als Ersatz für menschliche Arbeitskräfte. Die Umfrage zeigt, dass die Befragten der Meinung sind, dass auch mehr Journalisten (85 Prozent) erforderlich sind, um zukünftige Herausforderungen zu meistern. Letztes Jahr gaben 72 Prozent der Verlage an, mit KI zu experimentieren und in diesem Jahr können wir mehr Praxiseinsatz erwarten. Hier wird in drei Hauptkategorien unterschieden:

1. Verwendung von Machine Learning zur Personalisierung von Inhalten und zur Erstellung besserer Empfehlungen für das Publikum

2. Automatisierung von Stories und Inhalten (sog. Robojournalismus)

3. Bereitstellung von Tools zur Unterstützung von Journalisten bei der Bewältigung der Informationsflut

Diese Entwicklung bietet ein großes Potenzial für Start-ups. Ein Beispiel für ein Start-up, das mit künstlicher Intelligenz in der Medienbranche arbeitet, ist aiconix. Das Unternehmen aus Hamburg wurde von Eugen Gross, Aleksander Koleski und Sarah Luisa Thiele offiziell im Jahre 2018 gegründet, die Idee entstand jedoch bereits 2016. Das Geschäftsmodell von aiconix beschäftigt sich mit Videos, die zu einem immer wichtigeren Medium sowohl für Marketing als auch für das Newsgeschäft werden. Ein Beispiel hierfür ist ein Unicorn aus den USA: Buzzfeed. Die am schnellsten wachsende Sparte von Buzzfeed ist Tasty. Tasty ist ein extrem erfolgreicher Kanal für Kochvideos, der sowohl Wissen als auch Reichweite an große Unternehmen verkauft. Zum Beispiel gibt Tasty Empfehlungen zu Videolänge und Inhalt. aiconix bietet ein ähnliches Angebot, jedoch basierend auf Machine Learning. Genauer gesagt gibt das Start-up bereits im Produktionsprozess eine Prognose für die Performance des Videos ab, basierend auf der Analyse von Metadaten. So sollen vor allem Filmemacher im Wettbewerb um mehr Reichweite und besseres Engagement gezielt unterstützt werden.

Darüber hinaus liefert das Unternehmen zielgruppengerechte Optimierungsvorschläge. Interessanterweise war aiconix im Juni 2018 Teil des Next Media Accelerator, der ebenfalls in Hamburg sitzt. In anderen Branchen hat sich gezeigt, dass, um wirklich bahnbrechende Erfolge zu erzielen, besonders eins benötigt wird: Kapital.

Im Bereich des Early-Stage Funding (zu Beginn eines Start-ups) ist Deutschland recht gut aufgestellt, gerade auch durch die bereits erwähnten Accelerators oder Early-Stage-Venture-Capital-Investoren. Doch in der mittleren Phase, nach dem ersten Wachstum und vor einem möglichen Börsengang, herrscht weiterhin Knappheit.

Gerade an dieser Stelle bestände die Möglichkeit für größere Unternehmen, aktiv zu werden und, neben Kapital, mit anderen kritischen Ressourcen zu unterstützen. Jedoch haben wir viele Medienunternehmen, die sich in den letzten 20 Jahren bis auf ein Onlineangebot nicht bedeutend geändert haben. Für eine nachhaltige Veränderung in Richtung Innovation und Technologie bedarf es jedoch Organisationen mit Kultur und Prozessen, die es Mitarbeitern ermöglichen, ihr Publikum zu verstehen und sich anzupassen – dazu gehört ein ständiges Experimentieren mit neuen Technologien. Um Zugriff auf diese neuen Technologien zu erhalten und nicht hinter dem exponentiell stattfindenden Fortschritt zurückzufallen, bieten sogenannte Corporate- Venture-Capital-Einheiten ein bewährtes Konzept. Um die Bedingungen für junge Medienunternehmen nachhaltig zu verbessern, bräuchte es davon mehr in Deutschland. Es bleibt abzuwarten, ob wir diese Entwicklung beobachten werden und ob bestehendes Potenzial so zukünftig besser genutzt wird.

Diane Robers

Über die Autorin

Prof. Dr. Diane Robers ist Forschungsdirektorin Entrepreneurship und stellvertretende Leiterin des SITE-Instituts (Strascheg Institute for Innovation, Transformation & Entrepreneurship) der EBS Universität für Wirtschaft und Recht, Wiesbaden.



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