Start-ups – frischer Wind und neuer Wettbewerb in der Logistik

19 Juni, 2017

Die Transport- und Logistikindustrie erlebt eine Phase radikaler Transformation. Die vier wesentlichen Treiber des Wandels sind neue Kundenanforderungen, neue Technologien, neue Marktteilnehmer sowie neue, kollaborative Geschäftsmodelle. Für die Branche bedeutet dies Unsicherheit und Chancen zugleich.

Zu den neuen Marktteilnehmern gehören nicht nur Logistik-Start-ups, sondern oft auch Kunden von Logistikunternehmen, die Supply-Chain-Management und Logistik zunehmend als Kernkompetenz verstehen. Start-ups wiederum finden unter diesen Industrie- und Handelsunternehmen geeignete Kooperationspartner, um ihre Lösungen zu vermarkten. Angestammte Logistiker müssen sich gegen diese neuen Wettbewerber behaupten und neu positionieren.

Im Gespräch mit Dietmar Prümm, Partner im Bereich Transport und Logistik bei PwC Deutschland und Dr. Peter Kauschke, Director im Bereich Transport und Logistik

Sie identifizieren neue Technologien als wesentlichen Treiber für die aktuelle Transformation der Transport- und Logistikbranche. Wie fit sind die Unternehmen der Branche in Sachen Technologie?

Dietmar Prümm: Bei unserem Global Industry 4.0 Survey bescheinigten nur 28 Prozent der Logistiker ihrem eigenen Unternehmen einen hohen Digitalisierungsgrad. Viele traditionelle Logistiker investieren zudem zu wenig in neue Systeme. Oft wird argumentiert, dass die Kunden keine besonderen Ansprüche an die technologische Ausstattung ihrer Carrier hätten. Wir kommen allerdings zu einer ganz anderen Einschätzung.

Wie sieht denn Ihre Einschätzung aus?
Dietmar Prümm:
Die Kunden haben höhere Anforderungen, als so mancher Logistiker vielleicht glauben mag, und sie achten besonders auf deren technologische Fitness. Gleichzeitig nehmen viele Branchenakteure neue Technologien noch nicht konsequent an, sodass zwischen manchen Carriern und ihren Kunden eine immer größer werdende Kluft hinsichtlich des Digitalisierungsgrads entsteht. Die Kunden erwarten Transparenz über Logistikprozesse in Echtzeit – das können die Logistiker nur mit ausreichender technologischer Fitness bieten.

Als weitere Triebfeder der Transformation sehen Sie den Eintritt neuer Marktteilnehmer, die zum Teil auch von außerhalb der Branche kommen. Wie charakterisieren Sie diese neuen Wettbewerber?

Dietmar Prümm: Diese sogenannten „New Entrants“ sind zum einen ehemalige Kunden von Logistikern und kommen zum Beispiel aus dem Handel, zum anderen sind es Start-ups aus der Logistikszene. Neue Wettbewerber wie Amazon denken Logistik aus der Sicht ihrer Kunden und richten ihre Lösungen konsequent nach deren Bedarf aus. Außerdem haben sie es verstanden, Bedarfe da zu kreieren, wo momentan vielleicht noch keine sind, zum Beispiel durch Service-Innovationen. Viele von ihnen sind Plattformanbieter, eigene Assets sind hingegen bei den Newcomern in der Regel nicht gefragt.

Im Wesentlichen betrachten wir zwölf Kategorien. Wie man an unserer Grafik gut erkennen kann, dringen viele Start-ups mit ihren innovativen Angeboten in die Geschäftsmodelle traditioneller Logistiker vor:


Wie gefährlich sind diese neuen Marktteilnehmer für traditionelle Logistiker?

Dr. Peter Kauschke: Die innovativen Konzepte der neuen Marktteilnehmer sind für die Weiterentwicklung der Logistik generell förderlich. Sie geben frische Impulse, bieten Alternativen und steigern die Effizienz der Prozesse. Einige Start-ups bieten Produktinnovationen an, zum Beispiel Lösungen zur Echtzeitüberwachung von Transportketten, mit denen Logistiker sich zukunftsfähiger aufstellen können. Allerdings muss man ganz klar sagen, dass die meisten der Start-ups, die wir in den zwölf Kategorien erfasst haben, in den direkten Wettbewerb mit klassischen Logistikern gehen. Diese könnten wiederum mit Start-ups kooperieren oder diese akquirieren, um sich so in puncto Innovation und technologische Kompetenz schnell wieder einen Marktvorteil zu verschaffen. Wir beobachten derzeit einen Trend in Richtung neuer Kooperationsmöglichkeiten.

Wie sieht das konkret aus?

Dr. Peter Kauschke: Die Digitalisierung ist ein entscheidender Faktor. Die Marktteilnehmer in der Logistik setzen verstärkt auf Onlinemarktplätze und cloudbasierte Plattformen. Diese Plattformen arbeiten partnerschaftlich mit FCL-, LCL- und Luftfrachtanbietern zusammen. Durch automatisierte Preisermittlung, Angebotserstellung und Rechnungslegung sinkt der administrative Aufwand erheblich. Allerdings setzt die erhöhte Preistransparenz die Frachtraten weiter unter Druck. Plattformlösungen sind besonders gewinnbringend für Onlinespeditionen und können verschiedenste, auch kleine Logistikpartner zusammenbringen und so wettbewerbsfähig machen.

Was zeichnet Plattformen für Industrie und Handel aber auch für Kurierdienste aus?

Dr. Peter Kauschke: Cloudbasierte Plattformen dringen auch in die Kontraktlogistik vor. So entstehen Onlinemarktplätze, die das traditionelle Speditionsgeschäft direkt angreifen. Auf diesen Onlinemarktplätzen werden logistische Wertketten end-to-end zusammengestellt: Die E-Fulfillment-Anbieter erfassen Lagerbestände in Echtzeit und synchronisieren die Prozesse zwischen den Touchpoints der Hersteller, Verlader, Händler und Konsumenten. Besonders für Kurierdienste machen diese Plattformen die teure letzte Meile schneller und flexibler, da sie Kuriere und Lieferaufträge zusammenbringen. Neue, kleinere Anbieter können so Nischen besetzen und sich zum Beispiel auf bestimmte Produktgruppen spezialisieren, ihr Geschäft auf städtische Regionen beschränken oder ihr Lieferangebot auf Formate wie Sameday Delivery konzentrieren. Manche Anbieter setzen auf Crowd Delivery, also netzwerkunabhängige Kuriere oder Privatpersonen.

Logistik 4.0 ist eines der großen Schlagwörter. Sehen Sie dieses Ziel erreicht beziehungsweise wie sieht die aktuelle Umsetzung aus?

Dietmar Prümm: Einige Automobilhersteller, aber auch große Handelsunternehmen entwickeln als „New Entrants“ eigene Logistikplattformen, um alle Supply-Chain-Partner über ein einheitliches System zu vernetzten. Einheitliche Applikationen mit Prognosefunktion steigern die Transparenz für alle Beteiligten und helfen, die logistischen Prozesse zu optimieren. So wird Logistik 4.0 Realität.

Was würden Sie traditionellen Unternehmen der Logistikbranche abschließend als Rat mitgeben?

Dietmar Prümm: Wir beobachten, dass die Vorreiter, die wirklich innovativen Unternehmen, oft nicht aus der Logistik kommen. Einige große Kunden von Logistikunternehmen hinterfragen die klassische Arbeitsteilung und entwickeln eigene Logistiklösungen. Diese Unternehmen aus Industrie und Handel, aber auch die Start-ups aus dem Technologiesegment bringen eine hohe technologische Fitness mit. Außerdem haben sie verstanden, dass die Analyse von Kundenbedarfen und -wünschen ein Schlüssel zum Erfolg ist. Angestammte Logistiker sollten diese Entwicklungen als alarmierendes Signal verstehen, um sich mit den von uns identifizierten Treibern auseinander zu setzen. Sie sollten das eigene Geschäftsmodell kritisch durchleuchten und sich gezielt in diesem neuen Wettbewerbsmarkt positionieren.  

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Partner im Bereich Transport und Logistik, PwC Germany

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