Ab 2027 wird die Registermodernisierung in der Breite spürbar.

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  • 01 Jun 2026

Ein Interview mit Michael Pfleger, Gesamtleitung NOOTS bei der Föderalen IT-Kooperation (FITKO)

Michael Pfleger ist Gesamtleiter NOOTS (Nationales Once-Only-Technical-System) und war zuvor Gesamtprogrammleiter der Registermodernisierung. Zuvor hat er in verschiedenen Rollen auf Bundesebene die Verwaltungsdigitalisierung vorangebracht. Von 2007 bis 2019 diente er als Offizier in der Bundeswehr. Anschließend wechselte er 2020 in die zivile Berufswelt und war bis 2023 als Manager bei PD – Berater der öffentlichen Hand GmbH tätig, wo er sich auf die Beratung im öffentlichen Sektor spezialisierte.

Seit Herbst 2023 war er als Gesamtprogrammleiter für das Programm zur Gesamtsteuerung der Registermodernisierung (RegMo) tätig, wo er für die Leitung und Koordination des Projektes verantwortlich zeichnete. Mit dem Übergang des Programms in den Dauerbetrieb wurde er im Juni 2025 vom IT-Planungsrat zum Gesamtleiter NOOTS bestellt.

Michael Pfleger

Herr Pfleger, die Registermodernisierung ist eines der zentralen föderalen Vorhaben der Verwaltungsdigitalisierung in Deutschland. Welche Rolle spielt das NOOTS für die Registermodernisierung?

Michael Pfleger: NOOTS steht für Nationales Once Only Technical System. Es ist die technische Infrastruktur, mit der die öffentliche Verwaltung das Once-Only-Prinzip künftig umsetzen wird. Die Idee des Once-Only-Prinzips ist es, dass die Behörden Daten aus verschiedenen Registern – Handelsregister, Fahrzeugregister und so weiter – nach Zustimmung der Betroffenen automatisiert abrufen. Bürger:innen und Unternehmen müssen künftig Informationen, die verschiedene Behörden benötigen, nicht mehr selbst beibringen. 

Wie weit ist die Umsetzung des NOOTS fortgeschritten?

Der IT-Planungsrat hat die NOOTS-Umsetzungsorganisation erst im Sommer 2025 eingerichtet. Diese hat das NOOTS inzwischen als Minimal Viable Product, als MVP, umgesetzt – also eine funktionierende erste Version. Ende 2025 ist das Ratifikationsgesetz zum NOOTS-Staatsvertrag im Bundesgesetzblatt veröffentlicht worden. Kurz darauf, Anfang 2026, hat die öffentliche Verwaltung das NOOTS erstmals produktiv eingesetzt. Beides, MVP und produktiver Ersteinsatz, waren wichtige Meilensteine! 

Welche Rolle spielt das NOOTS im Gesamtportfolio des IT-Planungsrats?  
Es ist eine sehr wichtige technische Komponente. 

„Mit dem NOOTS und dem damit verbundenen Datenmanagement werden wir den Übergang von einer prozess- zu einer datengetriebenen Verwaltung vollziehen – nicht nur als Absichtserklärung, sondern gesetzlich verankert.“

Das NOOTS ist auch die technische Voraussetzung dafür, um weitere Aspekte der föderalen Digitalstrategie umzusetzen.  

Welche zum Beispiel?

Ein prominentes Vorhaben ist „Gründen in 24 Stunden“. Es soll Firmengründungen, die in Deutschland bisher durchschnittlich acht Tage dauern, deutlich beschleunigen. Das NOOTS steht dabei nicht allein, sondern ist Teil des sogenannten Deutschland-Stacks, also des gemeinsamen Baukastens digitaler Basiskomponenten von Bund und Ländern für die Verwaltung. Dazu gehören die EUDI-Wallet, dank der die Bürger:innen amtliche Nachweise digital auf ihrem Smartphone speichern können, und Fit-Connect. Das ist eine einheitliche Schnittstelle, um Online-Antragsdienste an die korrespondierenden Fachverfahren anzubinden. 

Der automatisierte Datenabruf über NOOTS soll den Zeitaufwand für Behördengänge deutlich senken. Können Sie den Zeitgewinn beziffern?

Der Normenkontrollrat hat schon im Jahr 2017 berechnet, dass die Registermodernisierung, deren Teil das NOOTS ist, die Zeit für Behördengänge – für Bürger:innen und Unternehmen gleichermaßen – um etwa die Hälfte reduziert. Für die Verwaltung selbst beträgt die Zeitersparnis sogar etwa 60 Prozent. 

Was bedeutet das in finanzieller Hinsicht?  

Mögliche Einsparungen von knapp vier Milliarden Euro pro Jahr! Aber diese Einsparung kommt nicht von selbst.

„Es braucht dafür Investitionen in Technik, ebenso notwendig sind geeignete Steuerungsstrukturen beim Bund, den Ländern und in den Fachressorts.“

Wie stellen die Beteiligten die zugrundeliegende Datenqualität sicher? 

Zwei wichtige flankierende Maßnahmen sind die ID-Nummer und die bundeseinheitliche Wirtschaftsnummer, die das Bundesverwaltungsamt beziehungsweise das Statistische Bundesamt eingeführt haben. Diese Maßnahmen erhöhen die Datenqualität in den jeweiligen Registern unmittelbar. 

Gehen wir noch etwas ins Detail: Wie funktioniert die Anbindung von Onlinediensten, Registern und Fachverfahren an das NOOTS genau?

Über den sogenannten Sicheren Anschlussknoten, kurz SAK. Das Bundesverwaltungsamt stellt ihn als Container bereit, also als standardisierte Softwarekomponente. Die jeweiligen Behörden betreiben ihn dann in ihrer eigenen IT-Infrastruktur. Behörden können den SAK schon heute auf noots.gov.de herunterladen und auf einer Testumgebung erproben. Wir verlassen uns aber nicht nur auf die Eigeninitiative der Behörden, sondern werden  die verschiedenen Komponenten gezielt flächendeckend ausrollen. 

Wie wollen Sie die Registermodernisierung auf den Ebenen Bund, Länder und Kommunen orchestrieren?

„Register sind durch das ihnen zugrundeliegende Fachrecht definiert. Hauptverantwortlich sind deshalb die Fachressorts beim Bund und bei den Ländern.“

Sie müssen die rechtlichen, fachlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen zur Anbindung an das NOOTS definieren. Die Kommunen müssen die Anbindung der Register dann nur noch technisch umsetzen. Das reduziert die Komplexität erheblich, weil die Ressorts die – teilweise sehr komplexen – rechtlichen und fachlichen Fragen nur einmal je Register beantworten müssen. 

Wie geschieht das konkret? 

Wir haben hierzu neue Rollen mit klar differenzierten Aufgaben definiert: die sogenannten Registertypverantwortlichen – für das Melderegister beispielsweise ein Landesinnenministerium. Die Registertypverantwortlichen klären die fachrechtlichen und technischen Voraussetzungen für die Anbindung ihres Registertyps an das NOOTS – einmalig und verbindlich für alle Stellen, die diesen Registertyp führen. Bei zentralen Registern ist die Aufgabenzuordnung einfach. Bei den föderalen Registern arbeiten wir gut mit den Fachministerkonferenzen zusammen, um in deren Bund-Länder-Gremien die fachliche und technische Umsetzung zu gestalten.  

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Wie weit ist die Umsetzung?

Die ersten Projekte sind im Frühjahr 2026 gestartet. In dem Flächenrolloutkonzept hat der IT-Planungsrat im November 2025 festgelegt, dass für jedes föderale Register ein sogenanntes initiales Anschlussvorhaben umgesetzt wird. Jedes Anschlussvorhaben gibt dem jeweils zuständigen Fachressort einen Rahmen vor, um die notwendigen rechtlichen und fachlichen Entscheidungen zu treffen. Diese Projekte hat der IT-Planungsrat bereits auf die Länder aufgeteilt.  

Welche Rolle spielen dabei die öffentlichen IT-Dienstleister?

Sie übernehmen den technischen Part und sind daher essenziell. Nur wenn sie reaktionsfähig und ihre Betriebsstrukturen performant sind, kann die Registermodernisierung ein Erfolg werden. Wir differenzieren die bei der Registermodernisierung anfallenden Aufgaben klar: Nicht jede fachlich zuständige Stelle muss die technische Dokumentation des SAK kennen. Umgekehrt müssen technische Experten die fachliche Governance nicht durchdrungen haben.  

Wie stellen Sie sicher, dass alle Beteiligten ihre Aufgaben erledigen können?

Mit einem Rollenmodell für die Registermodernisierung. Einen nach diesem Modell aufgebauten Anschlussleitfaden erstellen wir derzeit. 

„Auf noots.gov.de sind aber schon alle Informationen zu finden, die Behörden brauchen, um sich auf das NOOTS vorzubereiten.“

Was können öffentliche IT-Dienstleister tun, um die Verwaltung bei ihren Aufgaben zu unterstützen?

Sie können die Behörden an die NOOTS-Testumgebung anbinden und mit dem SAK Funktionen testen. Uns ist wichtig, dass alle späteren Nutzer:innen möglichst früh Erfahrungen mit dem NOOTS sammeln können.  

Wie wirkt sich die Registermodernisierung auf die Fachverfahren aus?

Die Fachverfahren sind essenziell für die Funktionsweise der kommunalen Verwaltung. Doch sie waren in den vergangenen Jahrzehnten nicht an den Anforderungen des synchronen Datenaustausches oder an zentralen Identifikatoren ausgerichtet. Das holen wir jetzt nach.  

Welche Rolle spielen externe Dienstleister dabei? 

Die öffentlichen IT-Dienstleister nehmen insbesondere den SAK in Betrieb. Die externen Fachverfahrenshersteller müssen die REST-API des SAK, also seine Programmierschnittstelle, an die bestehenden Behördensysteme anbinden. Daher tauschen wir uns eng mit dem DATABUND, dem Bundesverband der Fachverfahrenshersteller, aus und haben eine Arbeitsgruppe mit Mitgliedern des DATABUND und der VITAKO, der Bundes-Arbeitsgemeinschaft der kommunalen IT-Dienstleister, gegründet.  

Gibt es für die Registermodernisierung Lerneffekte aus der Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes, des OZG? 

Ja, die gibt es. Die wichtigste Erkenntnis steckt schon im NOOTS-Staatsvertrag: Eine zentrale Organisation muss sich um die Technik, aber auch um die Abstimmung und die Begleitung der Nutzung kümmern. Auch in den Governance-Prozessen des NOOTS steckt viel Erfahrung aus dem OZG: Alles, was komplex ist, muss zentral erledigt werden, entweder in der NOOTS-Umsetzungsorganisation oder in den Strukturen der Fachressorts. 

„Die notwendige Komplexitätsverlagerung – weg von einzelnen Stellen, hin zu zentral verantwortlichen Stellen – ist meine größte Lehre aus dem OZG.“

Was sind die größten Hürden, um die Registermodernisierung zeitnah umzusetzen? 

Der Wechsel von einer prozess- zu einer datengetriebenen Verwaltung ist kein rein technisches Thema, sondern mit einem Mentalitätswechsel für alle Beteiligten verbunden. Technik wird zentral bereitgestellt und dezentral eingesetzt. Fachrecht muss unmittelbar automatisiert ausführbar sein. Das heißt: Wenn eine Behörde beispielsweise den Anspruch auf Wohngeld prüft, müssen die Anspruchskriterien im Fachrecht so formuliert sein, dass das System die Prüfung automatisch durchführen kann. Dafür müssen die Fachressorts Entscheidungen für einen automatisierbaren Vollzug treffen. Das ist grundlegend anders als bisher.  

Und diesen Mentalitätswechsel müssen die Beteiligten nicht nur für das NOOTS vollziehen … 

… sondern für die gesamte Verwaltungsdigitalisierung. Es ist zwar mitunter ein steiniger Weg, für die Registermodernisierung die passenden Strukturen zu etablieren. Doch er wird sich langfristig lohnen, weil die etablierten Strukturen alle weiteren Digitalisierungsmaßnahmen erleichtern werden. 

Wann wird die Registermodernisierung für die Bürger:innen spürbar – und wann für die Verwaltung, insbesondere für die Kommunen? 

Mit dem für 2027 geplanten Flächenrollout werden Bürger:innen, Unternehmen und die Verwaltung selbst die Vorteile bemerken. Einige Pilotprojekte laufen bereits, etwa die Gewerbeanmeldung in Nordrhein-Westfalen. Noch im laufenden Jahr werden wir weitere Anwendungsfälle umsetzen. Ich schaue daher sehr optimistisch auf die kommenden zwei Jahre – weil die Strukturen stehen und der erste produktive Einsatz zeigt, dass das NOOTS funktioniert. 

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Mischa  Kosmehl

Mischa Kosmehl

Partner, PwC Germany

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