Ein Interview mit Dr. Matthias Schlemmer. Das Potenzial von KI für die Konsumgüterbranche ist riesig. Eine Studie von PwC und Strategy& hat errechnet, dass Unternehmen ihre Margen durch KI um bis zu 50 Prozent steigern können.
Im Interview spricht PwC-Experte Matthias Schlemmer darüber, in welchen Bereichen das größte Potenzial schlummert, worauf Unternehmen bei der Umsetzung achten sollten und wieso mit Agentic KI bereits die nächste Revolution in den Startlöchern steht.
Matthias Schlemmer ist Partner bei Strategy& in Österreich und leitet Europas Data- und AI-Practice bei Strategy& sowie global AI für Consumer Markets bei PwC. Mit Sitz in Wien berät er Kunden branchen- und länderübergreifend zu Data- und AI-Strategie, Operating Model und Innovation.
Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen der Konsumgüterbranche derzeit – und wie kann KI dazu beitragen, diese zu adressieren?
Matthias Schlemmer: Der Druck auf die Konsumgüterbranche ist hoch: Die Rohstoffpreise steigen und Störungen in den globalen Lieferketten infolge von Naturkatastrophen und geopolitische Konflikte nehmen zu. KI kann helfen, diese Herausforderungen zu bewältigen, Risiken frühzeitig zu erkennen und operative Entscheidungen datenbasiert zu optimieren.
Lässt sich dieses Potenzial auch beziffern?
Schlemmer: Wir haben für unsere Studie errechnet, dass Unternehmen der Konsumgüterindustrie ihre Margen durch den Einsatz von KI um bis zu 50 Prozent steigern können. Das entspricht einem zusätzlichen operativen Gewinn von 235 Milliarden US-Dollar. KI verschafft Unternehmen also einen klaren Wettbewerbsvorteil.
Im Umkehrschluss lässt sich aber auch festhalten: Unternehmen, die KI nicht einsetzen, werden von effizienteren Wettbewerbern verdrängt.
In welchen Bereichen sehen Sie das größte Potenzial?
„Besonders vielversprechend sind KI-Anwendungsfälle in der Produktion und der Lieferkette. Durch Predictive Maintenance und die Optimierung der Fertigungsprozesse lassen sich hohe Einsparungen erzielen.“
Aber auch der Vertrieb profitiert stark vom Einsatz von KI, etwa durch eine intelligentere Preisgestaltung, verbesserte Kundeninteraktionen und eine präzisere Nachfrageplanung.
Wo stehen Konsumgüterunternehmen beim Einsatz von KI?
Schlemmer: Der Reifegrad unterscheidet sich deutlich – abhängig vom Geschäftsmodell, der Produktkategorie und der Kanalstrategie. Globale Marken mit starken Direct to Consumer-Fähigkeiten haben KI deutlich schneller übernommen. Unternehmen wie Mondelez, Danone, PepsiCo und Coca-Cola haben KI längst fest in ihrer strategischen Agenda verankert und priorisierte Anwendungsfälle umgesetzt. Sie sind Vorreiter, die sich das finanzielle Risiko früher Investitionen in KI leisten können. Der dadurch entstandene Wettbewerbsvorteil setzt traditionellere, stärker produktionsorientierte Unternehmen unter Druck, aufzuholen.
Wo sehen Sie noch Schwächen bei der Umsetzung?
„Wir beobachten, dass sich viele Unternehmen noch immer auf die Optimierung einzelner Prozessschritte konzentrieren. Dabei wäre es wichtig, eine übergreifende Strategie zu definieren.“
Dazu gehört eine durchdachte Governance mit klaren Verantwortlichkeiten, um KI ganzheitlich anzugehen und vollständig in die Unternehmensstrategie zu integrieren.
Sehen Sie dabei auch regionale Unterschiede?
Schlemmer: Die regionalen Unterschiede sind in der Tat groß. Konsumgüterunternehmen aus China haben die neuen Technologien schnell übernommen und KI Anwendungsfälle entlang der gesamten Wertschöpfungskette integriert. Das liegt auch daran, dass Datenschutz und Datensicherheit dort weit weniger streng reguliert sind. Europäische Konsumgüterunternehmen zählen eher zu den „Fast Followern“, die erst dann in eine breitere Einführung von KI einsteigen, wenn Pilotprojekte erfolgreich waren.
„Viele europäische Unternehmen haben KI noch nicht vollständig in ihre operativen Prozesse eingebettet. Insbesondere mittelgroße Unternehmen müssen hier noch aufholen. Zumal mit Agentic KI bereits die nächste Transformationswelle vor der Tür steht.“
Was unterscheidet Agentic KI von der „normalen“ KI?
Schlemmer: Agentic KI ist der nächste evolutionäre Schritt der Künstlichen Intelligenz. Sie geht deutlich über bloße Automatisierungen hinaus. Agentic KI führt nicht mehr nur statisch aus, sondern ist in der Lage, Probleme dynamisch und selbstgesteuert zu lösen. Agentic KI kann beispielsweise adaptiv schlussfolgern, mit mehreren KI-Agenten zusammenarbeiten und kontinuierliche Feedback Schleifen umsetzen. Bereits umgesetzte Anwendungsfälle zeigen, dass Agentic KI die Reaktionszeiten gegenüber Kunden um 40 Prozent reduzieren und Konversionsraten um 15 Prozent steigern kann. Dadurch steigt der ROI um 20 Prozent.
Worauf kommt es bei der Umsetzung aus Ihrer Sicht besonders an?
„Um die Potenziale von (Agentic) KI voll auszuschöpfen, genügt es nicht, ein oder zwei Pilotprojekte umzusetzen. Es geht vielmehr darum, KI tief in der gesamten Wertschöpfungskette zu verankern und sowohl das Geschäftsmodell als auch die Organisation entsprechend umzugestalten.“
Besonders Augenmerk sollten Unternehmen auf die Datenqualität legen: Ohne qualitativ hochwertige Daten können selbst fortschrittliche KI-Anwendungen keine aussagekräftigen und präzisen Erkenntnisse liefern. Zudem müssen Unternehmen regulatorische und ethische Fragen proaktiv adressieren und die Akzeptanz in der Belegschaft aktiv fördern.
Begegnen die Beschäftigten dem Thema eher mit Sorge oder mit Vorfreude?
Schlemmer: Verständlicherweise gibt es viele Fragen und Ängste bei den Mitarbeitenden, weil KI die Rollen und Arbeitsweisen verändert. Umso wichtiger ist es, diese Bedenken zu adressieren – durch klare Top down Kommunikation und Trainingsprogramme. Diese sollten nicht nur die bevorstehenden Veränderungen erklären, sondern auch die Vorteile für die Mitarbeitenden hervorheben – etwa die Chance, sich auf anspruchsvollere Aufgaben zu konzentrieren, während KI die Routineaufgaben übernimmt.
Wie lange dauert es, bis die Vorteile von KI spürbar werden?
Schlemmer: Bis ein signifikanter ROI und echte Skalierbarkeit sichtbar werden, vergehen in der Regel mehrere Jahre.
Umso wichtiger ist es, dass Konsumgüterunternehmen jetzt starten und ihre KI-Transformation mit Hochdruck vorantreiben. Denn die Branche ist stark umkämpft.
„Wer seine Position im Wettbewerb sichern will, muss insbesondere bei Produkt- und Preisgestaltung sowie der Kundeninteraktion innovativ sein.“
Das Tempo muss aber natürlich zur Strategie und zum Risikoprofil des jeweiligen Unternehmens passen.
Dabei gilt: Die Vorreiter, die bereits heute stark investieren, werden voraussichtlich größere Vorteile realisieren. Sie gehen jedoch auch höhere Risiken ein. Nachahmer riskieren weniger, erzielen jedoch in der Regel auch einen geringeren Mehrwert.
Dr. Matthias Schlemmer gibt im Gespräch einen Einblick, was die KI-getriebene Innovationswelle für den Handel bedeutet und was Unternehmen tun müssen, um sich in der Ära des Agentic Commerce zu behaupten.