EU plant Beschränkung von 10.000 PFAS

Das Aus für Ewigkeitschemikalien

Petrochemische Fabrik in der Dämmerung
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  • 15 Minuten Lesezeit
  • 08 Dez 2023

Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen – kurz PFAS – sind eine Gruppe von menschengemachten Industriechemikalien, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts hergestellt werden. Obwohl PFAS nachweislich gesundheits- und umweltgefährdend sind, macht ihre hohe gesamtwirtschaftliche Notwendigkeit ein Komplettverbot schwierig. Die ab 2027 startende Beschränkung von sogenannten Ewigkeitschemikalien hat weitreichende Konsequenzen für produzierende Unternehmen und erfordert rasches Handeln. Ursächlich hierfür sind die hohe aktuelle Bedeutung dieser Chemikalien und die langjährigen Innovationszyklen zu ihrer Substitution.

PFAS-Substitute werden in den ersten Jahren regelmäßig Nachteile gegenüber dem ursprünglich eingesetzten PFAS aufweisen: hohe Entwicklungskosten, langwierige Forschungsprozesse, die temporäre Nicht-Verfügbarkeit von bestimmten (Vor-)Produkten und verringerte Qualität im Endprodukt. Die PFAS-Beschränkungen können in der Produktentwicklung und -herstellung deshalb zu Dilemmata führen. Aus diesem Grund empfehlen wir, die PFAS-Konformität in das bestehende (Produkt) Compliance Management einzubetten.

Das Wichtigste in 30 Sekunden

PFAS sind thermisch und chemisch sehr stabil, sie wirken sowohl wasser-, als auch ölabweisend. Keine andere bekannte synthetische Substanz verbleibt aufgrund dieser Eigenschaften nach ihrer Freisetzung länger in der Umwelt, weshalb PFAS auch Ewigkeitschemikalien (forever chemicals) genannt werden. PFAS können weltweit in Gewässern, Böden, Pflanzen und Tieren nachgewiesen werden. Sie werden über die Atmosphäre auch in entlegene Gegenden wie der Arktis transportiert.

Durch diese einzigartigen Funktionsmerkmale finden PFAS in vielen Branchen breite Verwendung. Durch den Einsatz in Pumpen und Dichtungen ermöglichen sie hochreine Produktionsprozesse für sensible Produkte, z.B. für Medikamente. PFAS werden außerdem zur Herstellung vieler heute für uns alltäglicher Produkte (Kleidung, Kosmetik, Elektronik, Farben, Reinigungsmittel, Pflanzenschutzmittel und Biozide) verwendet. Die Europäische Kommission hat mehr als 200 Anwendungen der über 1.400 bekannten PFAS identifiziert. Wie viele der circa 10.000 existierenden Substanzen derzeit genau in Verwendung sind, ist jedoch nicht vollständig geklärt. Klar ist aber, dass beinahe jede Branche von der Beschränkung von PFAS betroffen sein wird.

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Dr. Mark Quambusch ist Global Chemicals Driver bei PwC Deutschland

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Global Chemicals Driver bei PwC Deutschland
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Aktuelle Regulierung

Nachdem in den letzten Jahren immer wieder einzelne Verbindungen verboten oder beschränkt wurden, nimmt die Europäische Chemikalienagentur ECHA nun die gesamte Gruppe der ca. 10.000 PFAS ins Visier. Die darin vorgesehenen Verbote und Beschränkungen könnten erstmals bereits 2027 gültig werden. Ausnahmen mit langen Übergangsfristen sind nur für einige wenige Anwendungen vorgesehen.

Auch wenn die Übergangsfrist ein zeitlicher Strohhalm ist, an dem man sich festhalten mag: Forschung und Entwicklung dauern häufig mehrere Jahre, in der Pharmaindustrie um die zehn Jahre. Demnach besteht heute schon die Notwendigkeit zum Handeln: Auch wenn der Verordnungstext noch nicht final abgestimmt ist, sollten betroffene Unternehmen das eigene Produkt- und Equipment-Portfolio durchleuchten, um konkrete Risiko- und Compliance-Szenarien abzuleiten.

„PFAS sind Fluch und Segen zugleich. Ihre hervorragenden chemischen Eigenschaften, ohne die eine moderne Welt kaum vorstellbar ist, sind zugleich auch ihr größtes Problem.“

Dr. Mark Quambusch,Global Chemicals Driver bei PwC Deutschland

Die weite Verbreitung, die nicht greifbare Zahl an Verbindungen und Anwendungen sowie die zunehmenden Nachweise gesundheitsschädlicher Wirkungen veranlassten die Europäische Chemikalienagentur ECHA, ein Beschränkungsvorhaben für PFAS anzustoßen.

Seit 2006 wurden in der EU immer wieder einzelne PFAS-Verbindungen beschränkt oder verboten. Bereits beschlossene Verbote werden bis 2036 schrittweise für verschiedene Produkte gültig. 2019 und 2020 wurden die beiden PFAS-Untergruppen PFOA und PFOS EU-weit nach dem Stockholmer Übereinkommen beschränkt oder verboten. PFOA und PFOS machen etwa 90 % der im menschlichen Blut nachweisbaren PFAS-Verbindungen aus. Auswertungen der Umweltprobenbank des Bundes belegen, dass die Belastung junger Erwachsener mit diesen beiden Stoffen in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen hat. Dieser Trend soll nun auch mit den verbleibenden PFAS fortgesetzt werden, weshalb ein striktes Verbot sehr wahrscheinlich wird.

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PFAS-Substitute werden in den ersten Jahren regelmäßig eine nachteilige Bilanz gegenüber den ursprünglich eingesetzten PFAS aufweisen:

  • Negative Kostenbilanz: Finanzmittel, welche Unternehmen sonst in Innovation investieren, muss nun eingesetzt werden, um Substitute für PFAS zu entwickeln. Sie amortisieren sich im schlimmsten Fall erst über die Jahre. Hinzukommt, dass die Entwicklungskosten für diese Stoffe mit gleichen Eigenschaften nicht unbedingt an Kunden und Abnehmer weitergegeben werden können.
  • Negative Zeitbilanz: Die Entwicklung von Substituten für PFAS ist oft langwierig. Eine weitere große Herausforderung kann zudem eine temporäre Nicht-Verfügbarkeit von bestimmten (Vor-)Produkten sein, falls Substitute noch nicht marktreif sind, wenn Beschränkungen und Verbote greifen. Es gilt, bereits jetzt zu handeln.
  • Negative Qualitätsbilanz: Substitute haben möglicherweise keine vergleichbare Haltbarkeit wie PFAS. Dies kann z. B. zu einem höheren Wartungsaufwand führen. Substitute können aber auch zu einer verringerten Qualität des Endprodukts führen. So werden beispielsweise für die Fertigung von Silicium-basierten Solarzellen PFAS-haltige High-Performance Kunststoffpumpen benötigt. Mit PFAS-freien Alternativen kann es zu Verunreinigungen und damit zu einem geringeren Wirkungsgrad des Endprodukts kommen.

Die Einhaltung der PFAS-Beschränkungen wird in der Produktentwicklung und -herstellung deshalb zu Dilemmata führen.

Wir unterstützen Unternehmen dabei, schon jetzt den Reifegrad ihrer Produkt-Compliance-Strukturen zu bestimmen, um für die Identifizierung und Bewertung von PFAS-Risiken sowie die daraus folgende Ableitung von Gegenmaßnahmen gut aufgestellt zu sein.

Unternehmen müssen ihre Gegenmaßnahmen frühzeitig aufsetzen. Entscheidend ist eine sorgfältige Bewertung des Produktportfolios und des Produktionsnetzwerks. Darüber hinaus ist die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette von entscheidender Bedeutung, um zukünftig die Produktion aufrechterhalten zu können. Dies schließt eine Prozessoptimierung in Forschung & Entwicklung, Einkauf und Compliance ein, um eine Einhaltung der produktbezogenen Vorschriften umfassend zu gewährleisten.

Wir stehen bereit, Sie zu unterstützen, damit Sie die Herausforderungen der PFAS-Beschränkungen meistern können.

Unsere Services im Bereich PFAS

Analyse und Bewertung des Produktportfolios und des Produktionsnetzwerks

Analyse der Widerstandsfähigkeit der Lieferkette

Bewertung des Reifegrades der Compliance

Entwicklung von Gegenmaßnahmen

Prozessoptimierung in der Forschung & Entwicklung

Produkt-Compliance Managementsysteme

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