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Ihr Experte für Fragen
Andree Simon Gerken
Partner Energiewende & Dekarbonisierung bei PwC Deutschland
Tel.: +49 1516 4530740
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Die europäische Stahlwirtschaft steckt in einer Strukturkrise: Weltweite Überkapazitäten und starker Importdruck treffen auf hohe Energie- und Produktionskosten. Die CO2-Bepreisung durch den EU-Emissionshandel und den Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) belasten die konventionelle Hochofenroute zusätzlich. Hinzu kommt die wachsende Konkurrenz beim emissionsarmen Stahl: In den Golfstaaten und in Indien entstehen neue Produktionskapazitäten, auch weil diese Länder auf günstige Energie zugreifen können und über Rohstoffe verfügen. Dagegen kommt von den angekündigten europäischen Green-Steel-Projekten annähernd die Hälfte nicht über die Planungsphase hinaus.
Auf Basis einer strukturellen Kostenanalyse legen wir die Entwicklungen und Risiken der Stahlproduktion offen, identifizieren tragfähige Geschäftsmodelle für die Transformation der europäischen Stahlwirtschaft und zeigen auf, wo Chancen liegen.
Hat die europäische Stahlwirtschaft eine Zukunft? In unserer Studie untersuchen wir drei Szenarien für die Transformation der Stahlwirtschaft.
Im Falle eines importgetriebenen Wandels kann Europa die Energiekosten nicht ausreichend senken. Die Primärstahlproduktion verlagert sich beispielsweise in die Golfstaaten und nach Indien, Deutschland behält nur Sekundärstahlkapazitäten. Beim ausgewogenen Übergang baut Europa dagegen eigene Kapazitäten in Skandinavien auf, ergänzt durch wachsende Importe ab 2035. Bei diesem zweiten Szenario entsteht ein Mix aus europäischem Sekundärstahl, skandinavischem grünem Primärstahl und selektiven Importen. Das ambitionierteste Szenario ist die europäische Eigenversorgung: Wettbewerbsfähige Industrieenergiepreise und starke Industriepolitik ermöglichen eine weitgehend europäische Produktion, Importe spielen nur eine Restrolle.
Allen Modellen ist gemein, dass die Hochofenroute, die Koks zur Stahlgewinnung nutzt, unwirtschaftlich wird. Denn die CO₂-Bepreisung verdoppelt die Kosten konventionellen Stahls bis 2045. Spätestens 2040 ist die klassische Route in keiner Region mehr die günstigste Option. Das ist keine Prognose, sondern Konsequenz bereits beschlossener Regulatorik.
Unsere Analyse zeigt, dass die europäische Stahlwirtschaft vor einem tiefgreifenden, aber notwendigem Strukturwandel steht. Er resultiert aus der steigenden CO₂-Bepreisung, einer dauerhaften Energiekostendifferenz zwischen Europa und rohstoffreichen Regionen sowie dem wachsenden technologischen Reifegrad CO₂-armer Produktionsrouten. Der CBAM gleicht dabei zwar CO2-Preise aus, schützt aber nicht vor dem strukturellen Energiekostenvorteil anderer Regionen.
Die günstigsten Standorte für CO₂-armen Primärstahl liegen außerhalb Europas. So haben beispielsweise die Golfstaaten und Indien einen strukturellen Vorteil bei grünem Stahl. Denn die Wettbewerber können Wasserstoff, den sie für die Direktreduktion verwenden, um aus Eisenerz Eisen herzustellen, mit Solarstrom deutlich günstiger produzieren. Schon 2030 wird die erdgasbasierte Direktreduktion in den Golfstaaten rund 30 Prozent günstiger sein als die Hochofenroute in Mitteleuropa. Grüner Stahl aus Indien, der mittels wasserstoffbasierter Direktreduktion hergestellt wird, liegt laut Studie im Jahr 2030 um 15 Prozent unter dem europäischen Hochofen-Preis. In Europa dagegen liegen die Produktionskosten für grünen Stahl noch deutlich über jenen der Hochofenroute. Allein Skandinavien erreicht unter optimistischen Annahmen konkurrenzfähige Primärstahlkosten. Für Mitteleuropa ergibt sich in keinem Szenario ein wettbewerbsfähiger Weg für die energieintensive Grundstoffproduktion.
„Das Fazit ist eindeutig: Die kohlebasierte Primärstahlproduktion hat in Deutschland keine Zukunft. Für die lokale metallverarbeitende Industrie ist es daher existenziell, sich frühzeitig hinsichtlich dieser Entwicklung in ihren Wertschöpfungsstufen neu aufzustellen.“
In Europa bietet Sekundärstahl, der aus Schrott gewonnen wird, die Chance einer wettbewerbsfähigen Nische. Die Schrottroute ist zugleich kostengünstig, nachhaltig und bietet Resilienzvorteile, denn Stahlschrott fällt in Europa in großen Mengen an. Allerdings kann Sekundärstahl die wegfallenden Primärkapazitäten nicht vollständig ersetzen.
Daraus leiten wir drei strategische Konsequenzen für die Transformation der europäischen Stahlwirtschaft ab. Erstens: Europäische Stahlunternehmen müssen die Verlagerung energieintensiver Produktionsstufen aktiv gestalten. Sei es als Technologiepartner, Betreiber von Anlagen außerhalb Europas oder über Lieferbeziehungen. Damit sichern sie sich Rohstoffzugänge und versorgen Europa langfristig mit CO2-armem Stahl zu planbaren Kosten.
Zweitens: Die in Deutschland verbleibende Wertschöpfung muss sich auf wissensintensive Produkte fokussieren. Zukunftsfähig sind in Deutschland jene Produkte und Fertigungsschritte, bei denen der Know-how-Anteil am Produktwert den Materialanteil übersteigt, also durch Konstruktion, Fertigungspräzision, Systemintegration, Zertifizierung oder Software. Deutschlands Stärke liegt darin, aus einer Kundenanforderung ein zertifiziertes Produkt zu formen.
Drittens: Wissensintensive Fertigung braucht konkrete Orte. Solche Cluster für die Stahlproduktion lassen sich nicht verordnen, aber mit Rahmenbedingungen begünstigen. Dazu gehören beschleunigte Genehmigungsverfahren, Zugang zu günstiger Energie, Hafeninfrastruktur für den Import von Vorprodukten und die strukturelle Verzahnung zwischen Hochschulen und industriellen Akteuren. Geeignete Cluster wären in Deutschland die Region Rhein-Ruhr, die Küstenregion sowie das Dreieck Hannover-Braunschweig-Wolfsburg.
„Die Verlagerung der energieintensiven Grundstoffproduktion ins Ausland ist keine Deindustrialisierung, wenn an ihre Stelle eine Wertschöpfung tritt, die auf Wissen, Spezialisierung und Systemkompetenz basiert.“
Auch mittelständische Stahlverarbeiter müssen sich den Zugang zu CO2-armem Stahl zu wettbewerbsfähigen Preisen sichern. Dazu eignen sich Servicecenter als Intermediäre oder Einkaufskooperationen, in denen mehrere Mittelständler langfristige Lieferverträge bündeln. Auf der Produktseite steht eine Portfolioentscheidung an: Weniger Tonnage, mehr Komplexität. Was bleibt, muss sich durch Konstruktion, Zertifizierung oder Systemintegration abheben.
Riskiert Europa mit der Verlagerung energieintensiver Produktionsschritte seine Unabhängigkeit im Krisenfall? Wir erwarten keine neuen Abhängigkeiten, sie verschieben sich nur. Heute importiert Europa Eisenerz und Kokskohle fast vollständig, etwa aus Brasilien und Australien. Künftig ist entscheidend, die Lieferquellen für grünen Stahl über mehrere Standorte und Korridore zu diversifizieren. Zusätzliche Resilienz entsteht durch die Schrottroute, da Schrott in Europa selbst anfällt.
Mit steigenden Verteidigungsausgaben in Europa wächst die Nachfrage nach Spezial- und Schutzstählen mit hohen Anforderungen an Material, Zertifizierung und Rückverfolgbarkeit. Für Stahlverarbeiter kann Rüstung als Brücke dienen, die Hochpräzisionsfertigung finanziert und sich auf zivile Bereiche wie Energie- oder Medizintechnik übertragen lässt. Allerdings sind Rüstungsaufträge politisch volatil und der Marktzugang begrenzt. Mittelständische Unternehmen werden daher nur selektiv profitieren.
Die Transformation der Stahlwertschöpfungskette erfordert Entscheidungen, die ineinandergreifen: Beschaffungsstrategie, Standortwahl, Technologieauswahl, Partnerschaftsmodelle und regulatorische Absicherung. Wir begleiten Stahlproduzenten, Verarbeiter und Abnehmer entlang dieser Schnittstellen – von der Szenario-Modellierung über die Bewertung von Investitionspfaden bis zur Strukturierung internationaler Kooperationen.
Unternehmen, die warten, bis sich der Markt für grünen Stahl etabliert hat, werden sich in einem Wettbewerb um knappe Mengen wiederfinden. Frühzeitige Lieferbeziehungen zu internationalen Produzenten sichern Zugang und Preisvorteile. Wer zu spät kommt, zahlt mehr oder geht leer aus. Die großen Abnahme-Verträge werden jetzt geschlossen: So haben sich erste europäische Unternehmen bereits Kapazitäten in Duqm, der Sonderwirtschaftszone im Oman, gesichert.
„Die Stahlwelt von 2040 wird eine grundlegend andere sein als die heutige. Die Hochofenroute wird unwirtschaftlich, die Geografie der Primärproduktion verschiebt sich und der Wert europäischer Stahlverarbeitung wird sich zunehmend am Wissen messen lassen müssen, das im Produkt steckt, nicht am Material selbst.“
Andree Simon Gerken,Partner Energiewende & Dekarbonisierung bei PwC DeutschlandLesen Sie die umfangreichen Ergebnisse unserer Veröffentlichung
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Die Studie basiert auf einer strukturellen Kostenanalyse. Wir haben dazu die Stahlgestehungskosten verschiedener konventioneller und emissionsarmer Produktionsrouten an unterschiedlichen Standorten weltweit analysiert. In diesen Vergleich sind neben den Produktionskosten auch CO₂-Kosten in Form des EU Emissions Trading System (EU-ETS) oder des Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) eingeflossen. Zudem haben wir die Transportkosten nach Zentraleuropa berücksichtigt. Die Analyse erfolgte für drei Szenarien.