Wenn von KI-Agenten die Rede ist, denken viele sofort an die großen Würfe: autonome Systeme, die komplexe Analysen erstellen oder strategische Entscheidungen treffen. Doch die Anwendungen, die schon heute funktionieren, sind oft die unscheinbaren, repetitive Recherchen, Standardanfragen, Routineprüfungen.
Parallel dazu verschiebt sich, was Menschen leisten können: Mit Vibe Coding erstellen auch Nicht-Entwickler:innen funktionierende Anwendungen und verändern damit nicht nur einzelne Workflows, sondern ganze Organisationsmodelle.
An der Spitze dieser Veränderungen steht Malte Ubl. Der langjährige Engineering Director für Google Search ist heute CTO von Vercel – dem Cloud-Anbieter hinter der weit verbreiteten gleichnamigen Frontend-Plattform sowie dem Vibe-Coding-Tool v0.
Im Gespräch mit Vikas Agarwal, US and Global Advisory Commercial Technology & Innovation Leader bei PwC, erklärt Ubl, warum die besten KI-Projekte mit einer einfachen Frage an Mitarbeitende beginnen, weshalb die Intuition bei der Einschätzung von KI-Fähigkeiten trügt und warum Vibe Coding nicht nur ein technisches Werkzeug ist, sondern eine neue Form der Kommunikation.
Ein Gespräch über KI, die sich nie langweilt, professionalisierten Wildwuchs und die Frage, was Mitarbeitende an ihrem Job am wenigsten mögen.
Vikas Agarwal: Malte, aktuell werde ich oft gefragt, worauf Vorstände achten sollten, wenn sie die KI-Adoption bewerten. Welche Signale sind entscheidend?
Malte Ubl: Ich empfehle immer, sich auf Aufgaben mit hoher Frequenz und niedriger kognitiver Last zu konzentrieren, die man heute mit KI gut automatisieren kann. Wir nutzen KI, für den Umgang mit Verstößen auf unserer Plattform, zu denen wir als großer Cloud-Anbieter viele Meldungen bekommen. KI-Agenten sind großartig darin, uns eine erste Einschätzung zu geben. Die finale Entscheidung darüber, was zu tun ist, treffen aber nach wie vor Menschen.
Also nicht die völlige Automatisierung, sondern nur Vorarbeit?
Genau. In jedem Unternehmen gibt es Prozesse, bei denen Menschen erst recherchieren müssen, bevor sie handeln – eine Verstoßmeldung, eine Retoure, eine Support-Anfrage. Ich spreche von wiederkehrenden Prozessen. KI muss hier keine vollautomatische Antwort liefern, sondern kann die Vorrecherche übernehmen und dem Menschen sagen: Hier, die Recherche ist erledigt, du musst es noch einmal überdenken und Entscheidungen treffen. Kein Googeln, kein Suchen in internen Systemen. Das Problem ist: Viele Unternehmen nehmen sich zu ambitionierte Projekte vor und scheitern dann.
Was bedeutet zu ambitioniert? Woran scheitern sie?
Meine These ist, dass unsere Intuition uns aktuell trügt – gerade als Entwickler:innen. Programmieren funktioniert mit KI unglaublich gut. Man arbeitet in Cursor, Claude Code oder unserem Vibe-Coding-Tool v0 und hat dieses absolut magische Erlebnis, dass es perfekt funktioniert. Plötzlich traut man der Maschine alles zu. Aber was steckt dahinter? Programmcode ist nach logischen Regeln aufgebaut. Ob Code funktioniert, lässt sich automatisiert überprüfen – und genau diese Eigenschaft ermöglicht es, eine KI darauf zu trainieren, Programme zu schreiben, die tatsächlich laufen.
Und das lässt sich nicht auf andere Bereiche anwenden?
In fast keinem anderen Bereich ist die Überprüfbarkeit so hoch. Im Silicon Valley wird gerade viel an skalierten Reinforcement-Learning-Labs gearbeitet, aber das ist eher Zukunftsmusik. Heute gilt: Wirklich neuartige agentische Entscheidungen wie etwa die Erstellung eines Finanzberichts zu einem Fall, den es so noch nie gab, funktionieren im großen Maßstab noch nicht zuverlässig. Was funktioniert, sind Aufgaben, die man früher nicht trivial mit ein paar If-Statements im Code lösen, aber den Lösungsraum noch überblicken konnte. Darüber hinaus ist es aktuell noch schwierig.
Was rätst du also Unternehmen, um mit KI-Agenten sinnvoll zu starten?
Fangt mit Interviews an. Geht zu den Personen, die eure Frontline-Arbeit machen – je nach Unternehmensgröße habt ihr 10, 100 oder 1.000 davon in ähnlichen Rollen. Wählt einige der Besten aus und fragt sie: Was magst du an deinem Job am wenigsten? Was würdest du am liebsten nie wieder machen müssen? Die Magie dieser Frage liegt darin, dass die Antworten genau den Sweet Spot treffen: Menschen mögen diese Aufgaben nicht, weil sie sich dabei langweilen. KI langweilt sich nie. Zudem handelt es sich meist um Tätigkeiten, die nicht die volle Gehirnleistung erfordern – also genau das, was KI-Agenten heute bereits leisten können. Gleichzeitig haben diese Aufgaben einen hohen Impact, weil sie so häufig anfallen.
Lass uns über Vibe Coding sprechen. Was siehst du als größtes Versprechen dieser Technologie im Unternehmenskontext?
Man versteht diese Anwendungen immer als Coding- oder Building-Tool und das ist auch korrekt. Aber ich sehe sie inzwischen vor allem als Kommunikationsmittel. Die Idee ist: Ich gehe ins Meeting und bringe ein Demo mit, kein Dokument. Dadurch verlasse ich mich nicht mehr auf die Vorstellungskraft der Beteiligten. Stattdessen bringe ich etwas mit, das vielleicht nicht in jedem Detail ausgearbeitet ist, aber im Kern das Produkt zeigt. Dadurch wissen alle sofort, worum es geht. Das minimiert das Risiko und eliminiert den Bedarf an zukünftiger Kommunikation. In meiner Erfahrung geht in Softwareprojekten genau dafür die meiste Zeit drauf. Genau hier liegen die Effizienzgewinne.
Gleichzeitig entsteht ein neues Problem: Wenn jede Person Apps bauen kann, bekommen wir eine Explosion von Shadow-IT. Ist das zu viel Wildwuchs oder die Welt der Hyperpersonalisierung, an die wir uns gewöhnen müssen?
Wir bereiten uns auf eine Zukunft vor, in der wir den Wildwuchs professionalisieren, weil er sich nicht aufhalten lässt. Wir nennen das „Secure Vibe Coding“: Anwendungen, die von Coding-Laien gebaut werden, müssen trotzdem sicher sein. Nicht weil die Vibe-Coder böswillig wären, aber ich kann nicht darauf vertrauen, dass sie selbst beurteilen können, ob sie alles richtig gemacht haben. Also muss die Plattform das sicherstellen.
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