Interview: „Risiken im Blick behalten, ESG-Fraud vorbeugen“

  • Interview
  • 4 Minuten Lesezeit
  • 22 Jun 2023

Ein Interview mit Gunter Lescher und Tatewik Kunzmann. Mit steigenden Nachhaltigkeitsanforderungen und strengeren Regularien nimmt auch der Betrug im ESG-Umfeld zu – mit teils gravierenden Folgen für betroffene Unternehmen. Gunter Lescher, Partner im Bereich Risk & Regulatory sowie Forensic Services und Director Tatewik Kunzmann erklären, wie sich Unternehmen schützen können.

Gunter Lescher und Tatewik Kunzmann

Mit der wachsenden Bedeutung von Nachhaltigkeit fällt immer häufiger der Begriff ESG-Fraud. Was genau ist damit gemeint?

Gunter Lescher: Unter dem Begriff versteht man im weitesten Sinne Verstöße gegen Gesetze, Richtlinien und allgemeine Verhaltensregeln im Zusammenhang mit ESG-Kriterien. Dabei geht es beispielsweise um Betrug, Korruptionsfälle oder auch Verstöße in Bezug auf Arbeitsbedingungen.

Tatewik Kunzmann: Solche Vorfälle haben für alle Beteiligten weitreichende Folgen. Sie führen zu Reputationsschäden, Vertrauensverlust, finanziellen Schäden durch mögliche Strafzahlungen und/oder Renditeverlust und Sanktionen – erst recht, wenn Investoren auf Basis vorgetäuschter Tatsachen falsche Entscheidungen treffen.

Aber auch der gesellschaftliche Schaden ist nicht zu vernachlässigen, da solche Betrugsfälle das allgemeine Vertrauen in die nachhaltige Transformation schwächen.

Welche Formen nimmt ESG-Fraud in der Praxis an? Können Sie Beispiele nennen?

Lescher: ESG-Fraud zeigt sich in ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Am bekanntesten ist das Greenwashing – eine Praktik, bei der Unternehmen beispielsweise irreführende Informationen über ihren ökologischen Fußabdruck veröffentlichen, um sich umweltfreundlicher darzustellen, als sie eigentlich sind. Ein Phänomen, das man in den vergangenen Jahren besonders häufig in der Modeindustrie beobachten konnte. Aber auch andere Branchen wie Automotive, Konsumgüter oder Energie sind betroffen.

Kunzmann: Wenn Unternehmen Daten manipulieren, etwa um ihre ESG-Berichterstattung in ein besseres Licht zu rücken oder spezielle Zertifikate zu erschleichen, fällt das in eine ähnliche Kategorie – genau wie bewusst in Kauf genommene Verstöße gegen ESG-Vorschriften. Solche Praktiken müssen sich nicht zwingend auf die Umwelt beziehen, sondern können auch soziale Aspekte wie beispielsweise Arbeitsbedingungen in Fabriken oder Aspekte der guten Governance betreffen.

Welche Intentionen stecken hinter solchen Betrugsversuchen?

Kunzmann: Das ist im Detail hochindividuell, oft geht es aber darum, die eigene Wettbewerbsposition zu stärken oder finanzielle Vorteile zu erlangen, wenn beispielsweise die Incentivierung an gewisse ESG-Ziele geknüpft ist. Manche Unternehmen verschleiern ihre ESG-Risiken, um Nachteile am Kapitalmarkt zu vermeiden. Andere täuschen wiederum falsche Tatsachen vor, um Prüfungen von Auftraggebern standzuhalten und somit lukrative Kunden zu halten. 

Lescher: ESG-Verstöße können natürlich auch unbeabsichtigt stattfinden, insbesondere wenn man die regulatorischen Vorgaben nicht kennt. Unwissenheit schützt aber nicht vor Strafe.

Das regulatorische Umfeld ist derzeit hochdynamisch und komplex – wer das Management der bestehenden Risiken vor diesem Hintergrund nicht genau im Blick behält, kann auch schnell unwissentlich gegen Vorgaben verstoßen.

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Wie reduzieren Unternehmen dieses Risiko?

Lescher: Zunächst einmal liegt die Herausforderung darin, sich konsistent und vorausschauend mit dem Thema – insbesondere neuen Anforderungen – auseinanderzusetzen. Dabei hilft ein integrierter Projektansatz, der von der Strategie bis zur Umsetzung reicht. Dazu gehört es unter anderem, interne Kontrollen und Compliance-Mechanismen einzurichten. Diese stellen sicher, dass die ESG-Berichterstattung korrekt und transparent ist.

Kunzmann: Darüber hinaus können interne Überprüfungen, Audits und Schulungen dabei helfen, irreführende Angaben zu vermeiden. Ein standardisierter ESG-Berichterstattungsrahmen wie die Global Reporting Initiative (GRI) oder das Sustainability Accounting Standards Board (SASB) haben sich in diesem Kontext ebenfalls bewährt.

Wie gehen Unternehmen am besten damit um, wenn es konkrete Hinweise auf Verstöße gibt?

Kunzmann: In solchen Fällen ist es wichtig, schnell und strategisch vorausschauend zu handeln. Unternehmen sollten dabei zunächst eine umfassende Untersuchung einleiten, um die Vorwürfe zu prüfen und den Umfang der Verstöße zu ermitteln.

Lescher: In diesem Zusammenhang ist eine gerichtsfeste Aufklärung und die Quantifizierung des möglichen Schadens für Unternehmen unabdingbar – nicht nur, um für Transparenz zu sorgen, sondern auch um weiteren Schaden vom Unternehmen und Haftungsrisiken für die Organe abzuwenden.

Wie unterstützt PwC andere Unternehmen im Umgang mit ESG-Fraud?

Lescher: Wir helfen Unternehmen mit einem ganzheitlichen Ansatz dabei, die komplexen Zusammenhänge zwischen Geschäft, ESG-Kriterien und Berichterstattung besser zu verstehen – ein ganz wesentlicher Punkt, um Verstöße zu vermeiden. Dafür schauen wir uns zunächst die unternehmensspezifischen Einflussfaktoren und Handlungstreiber an, die auf die Wechselwirkung von Geschäft und ESG-Vorgaben einwirken. Nur so können wir herausfinden, welche Geschäftsbereiche von welchen Risiken betroffen sind. Es geht im Zuge dieses ESG-Assessments darum, den Ist-Zustand transparent abzubilden. Auf dieser Analyse können wir schließlich aufbauen und gemeinsam mit dem Kunden eine Strategie entwickeln. Diese begleiten wir dann bis in die konkrete Umsetzung.

Kunzmann: Wir sind für die Durchführung von Sonderuntersuchungen speziell ausgebildet. Mit Hilfe von Digital Forensics sowie ESG-Fraud-Analytics können wir Massendaten auf wertvolle Hinweise untersuchen und etwaige Verdachtsmomente zuverlässig prüfen. Unsere Analysetools reichen von klassischer Mustererkennung bis hin zu komplexen KI-basierten Methoden. Das bietet wertvolle Chancen, um potenziell geschäftskritische Vorfälle zu erkennen und Mitigationsmaßnahmen zu ergreifen, bevor sie einen größeren Schaden anrichten können. In vielen Fällen unterstützt zusätzlich die ESG Open Source Intelligence bei der Erkennung und Bewertung von Integritätsrisiken, insbesondere im Rahmen von beabsichtigten Transaktionen.

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Tatewik Kunzmann

Tatewik Kunzmann

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