Verpasst die Bauindustrie den Anschluss?

Interview: Baustelle Digitalisierung

  • Interview
  • 10 Minuten Lesezeit
  • 03 Apr 2024

Ein Interview mit Dr. Martin Nicklis. Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) hat die Entscheider:innen der deutschen Bauindustrie nach ihrem Umgang mit aktuellen Herausforderungen in der Branche gefragt. Abgedeckt wurden die Themenschwerpunkte Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Im Gespräch erläutert Dr. Martin Nicklis, PwC-Experte im Bereich Bau und Großanlagenbau, die wichtigsten Ergebnisse.

Martin Nicklis ist Engineering & Construction Leader bei PwC Deutschland. Seine berufliche Laufbahn ist durch die Prüfung und Beratung von Unternehmen im Bau und in baunahen Bereichen geprägt. Zudem ist er Mitglied von Ausschüssen bei der IHK in Karlsruhe, der ZIA und dem Wirtschaftsrat. Seit zwei Jahren ist er Beiratsmitglied eines großen mittelständischen Bauunternehmens in Süddeutschland.

Dr. Martin Nicklis, Experte Bau und Großanlagenbau, PwC Deutschland

Die Bauindustrie erlebt derzeit das Ende ihres Booms. Wie wirken sich die aktuellen Entwicklungen auf die Geschäftsaktivitäten der Unternehmen aus?

Martin Nicklis: Die Baubranche muss sich derzeit gegen multiple Krisen stemmen. Kostendruck, Ressourcenknappheit und der Wegfall von Projekten stellen sie vor große Schwierigkeiten und fordern nachhaltige Lösungen. In unserer neuen Studie “Die Bauindustrie in Krisenzeiten” beleuchten wir konkret, mit welchen Herausforderungen Bauunternehmen derzeit konfrontiert sind. Nicht zuletzt stellt der Fachkräftemangel die Bauindustrie vor erhebliche Herausforderungen. Unternehmen in der Branche haben zunehmend Schwierigkeiten, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden, um ihre Projekte erfolgreich umzusetzen.

Bis zum Jahr 2030 werden rund 300.000 Arbeitskräfte im Baugewerbe in Deutschland fehlen. Die Auswirkungen dieses Mangels sind klar: Projekte können gar nicht realisiert werden, Bauzeiten verlängern sich, Kosten steigen und die Qualität der Arbeit sinkt. Im Hinblick auf die allgemeine Wohnungsnot und den Nachholbedarf bei Infrastrukturprojekten ist dies aber nicht nur ein Branchenproblem, sondern betrifft die gesamte Volkswirtschaft.

Wie begegnet die Branche dem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften?

Nicklis: Um diesem Problem entgegenzuwirken, sind Maßnahmen wie die Förderung von Ausbildungsprogrammen, die Verbesserung der Attraktivität des Bauwesens als Berufswahl und die verstärkte Nutzung von digitalen Technologien zur Effizienzsteigerung erforderlich. Dies wird auch nicht ohne die Öffnung hin zu einer digitalen Kultur funktionieren. Neben Schaufel und Bagger müssen auch Tablet und Drohnen zukünftig noch viel stärker zur Baustelle gehören.

Stichwort digitale Technologien: Warum verzeichnet die Bauindustrie einen langsamen Fortschritt bei der Digitalisierung im Vergleich zu anderen Branchen?

Nicklis: Bauprojekte sind oft sehr komplex und einzigartig. Zudem ist die Branche stark fragmentiert, was eine Zusammenarbeit und den Austausch von Informationen über viele verschiedene Akteure wie Auftragnehmern, Architekten, Ingenieuren und Subunternehmer/Lieferanten hinweg erfordert. Im Umkehrschluss: Jedes Projekt benötigt eine individuelle Planung und Anpassung, was die Implementierung von digitalen Technologien erschwert. Nicht außer Acht zu lassen ist die Schwierigkeit, ein Unternehmen schrittweise an die Digitalisierung heranzuführen. Bauunternehmen müssen ihr gesamtes Unternehmen digitalisieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben und den Anforderungen des digitalen Zeitalters gerecht zu werden. Dies erfordert eine umfassende Transformation, bei der alle Bereiche des Unternehmens in den Digitalisierungsprozess einbezogen werden. Das kann gerade in Anbetracht der multiplen Krisen ein Bremsfaktor sein, da in der Krisenzeit, vermeintlich, die Ressourcen zur Transformation fehlen.

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Sie erwähnen in der Studie, dass die Bedeutung von Lösungen für Building Information Modeling (BIM) an Relevanz verloren hat. Warum sollten Unternehmen die Bedeutung von BIM dennoch nicht außer Acht lassen?

Nicklis: Der Einfluss von BIM auf die Baubranche ist nicht zu unterschätzen. Ich habe die starke Fragmentierung in der Bauindustrie bereits angesprochen: Um die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren eines Bauprojekts zu verbessern, spielt BIM eine zentrale Rolle. Durch den gemeinsamen Zugriff auf ein zentrales BIM-Modell können alle Beteiligten in Echtzeit Informationen austauschen und Änderungen verfolgen, was zu einer effizienteren Zusammenarbeit führt. Zweifellos ermöglicht BIM darüber hinaus eine bessere Kostenkontrolle und -prognose, da alle relevanten Informationen in einem zentralen Modell zusammengeführt werden. Wir lernen aber auch, dass sich die Branche oft erst bewegt, wenn es der Gesetzgeber vorschreibt. Konkret: lediglich 17 % der öffentlichen Ausschreibungen waren mit obligatorischem Einsatz von BIM versehen.

Während die Digitalisierung in der Branche nur schleppend voran geht, zeigen sich Fortschritte im Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit. Wird ESG zum entscheidenden Treiber für die Zukunft?

Nicklis: Hier ist im Gegensatz zu BIM der regulatorische Einfluss zu spüren: Die Zukunft der Bauindustrie wird stark von der Fähigkeit der Unternehmen beeinflusst sein, ESG-Prinzipien zu implementieren und nachhaltige Lösungen anzubieten, die den Bedürfnissen der Gesellschaft und der Umwelt gerecht werden. Unternehmen in diesem Sektor erkennen immer mehr die Notwendigkeit, ihre Aktivitäten und Projekte im Einklang mit ökologischen, sozialen und governancebezogenen Kriterien zu gestalten. Besonders entscheidend: Die Bedeutung sozialer Kriterien im Bauwesen. Bauunternehmen setzen verstärkt auf soziale Verantwortung, indem sie sich für sichere Arbeitsbedingungen, faire Löhne und Chancengleichheit einsetzen. Unfallkennzahlen sind ein wichtiger Indikator für die Sicherheit und den Gesundheitsschutz in Bauunternehmen. Sichere Baustellen sind ein ganz wichtiger Faktor für den Erfolg eines Projektes.

Die Bedeutung des ESG Themas wird auch daran deutlich, dass darauf basierende Kennzahlen auf allen Ebenen vergütungsrelevanter werden.

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Dr. Martin Nicklis

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PwC-Experte Bau und Großanlagenbau, PwC Germany

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