Ein Interview mit Hendrik Reese, Responsible AI Leader bei PwC Deutschland.
Hendrik Reese ist Partner bei PwC Deutschland und Responsible AI Lead. Er unterstützt Unternehmen dabei, KI verantwortungsvoll, sicher und skalierbar in ihre Wertschöpfung zu integrieren. Sein Schwerpunkt liegt auf Governance-Architekturen, die Innovation ermöglichen – von Agentic AI und Operating Models über Data & Model Trust bis hin zur Umsetzung regulatorischer Anforderungen wie dem EU AI Act.
Der EU AI Act ist seit August 2024 in Kraft. Knapp zwei Jahre später: Wie fällt die Zwischenbilanz aus?
Hendrik Reese: 2024 war die zentrale Frage: „Wie schaffen wir Regulierungssicherheit?“ Heute ist die Regulierung Realität, die Verbote sind seit Februar 2025 scharf gestellt, die Pflichten für General Purpose AI seit August 2025, und im August 2026 greifen die Transparenzpflichten samt Durchsetzungsbefugnissen. Der viel diskutierte „Big Bang“ für Hochrisiko-KI ist durch den „Digital Omnibus“ verschoben worden, von August 2026 auf Dezember 2027. Das verschafft Unternehmen Luft, ist aber ausdrücklich kein Grund, das Thema zu pausieren.
Was hat sich durch den „Digital Omnibus“ konkret geändert?
Reese: Der Omnibus ist die größte Anpassung des AI Act seit Inkrafttreten. Einige Dinge haben sich geändert, drei nicht. Standalone-Hochrisiko-Systeme (Annex III) haben jetzt bis 2. Dezember 2027 Zeit, eingebettete Systeme (Annex I) bis August 2028. Nicht geändert haben sich die Verbote, die GPAI-Pflichten und, ganz wichtig, die Transparenzpflichten nach Artikel 50 zum 2. August 2026.
Ist der Aufschub eine Entwarnung?
Reese: Im Gegenteil. Eine Konformitätsbewertung, ein Qualitätsmanagementsystem, die technische Dokumentation und die Neuverhandlung von Lieferantenverträgen brauchen realistisch mindestens 12 Monate. Wer die zusätzliche Zeit als Pausenknopf missversteht, läuft 2027 in genau die Engstelle, die er eigentlich vermeiden wollte. Ich würde es so formulieren:
Der Omnibus verschiebt die Deadline, ändert aber nicht die Aufgabe.
Wo stehen die Unternehmen heute beim Reifegrad ihrer AI Governance?
Reese: Wenn ich unsere Projekte quer über die Branchen betrachte, sehe ich drei klar unterscheidbare Reifestufen:
Fast die Hälfte der Unternehmen befinden sich noch in der Foundational-Phase: KI wird überwiegend zugekauft, es gibt wenig Eigenentwicklung, kein operationalisiertes Framework, häufig kümmert sich eine einzelne Person oder ein bestehendes Team nebenbei darum. Der Fokus liegt schlicht darauf, ein Register aufzubauen und den Anforderungen des AI Acts Genüge zu tun.
Eine ähnlich große Gruppe ist in der Operationalizing-Phase: Erste Agenten-Use-Cases, eigene KI-Produkte, erste Governance-Workflows, die aber noch weitgehend manuell sind. Diese Unternehmen haben dafür dediziertes Governance-Personal eingestellt bzw. tun es noch.
Und dann gibt es die wenigen Unternehmen, die schon skalieren: produktiver Rollout, mehrere agentische Plattformen, ein eigenes Team mit Ressourcen und Tooling und dem klaren Ziel „Governance by Design“ statt nachträglicher Kontrolle.
Die entscheidende Bewegung: Governance verschiebt sich von „Register aufbauen und Policies schreiben“ hin zu „Prozesse tatsächlich operationalisieren“. Genau an dieser Schwelle steckt heute die Mehrheit.
Was treibt die Unternehmen aktuell am meisten um, wo liegen die Fokusthemen und größten Herausforderungen?
Reese: Das sind gleich mehrere große Themenblöcke, die aber thematisch zusammenhängen:
Erschwerend kommt hinzu, dass diese Themen auf eine deutliche Kompetenzlücke am Markt treffen: Es gibt bislang nur wenige verfügbare Experten und kaum erprobtes, praxiserprobtes Fachwissen.
Welche Fähigkeiten versuchen Unternehmen gerade konkret aufzubauen, um genau diese Themen zu bewältigen?
Reese: Aus den Herausforderungen lassen sich sehr gut konkrete Fähigkeiten ableiten, an denen Unternehmen aktuell arbeiten:
Was unterscheidet die Unternehmen, die das gut machen und bleibt Ihre These, dass der AI Act kein Innovationskiller ist?
Reese: Über alle Reifegrade hinweg sehe ich fünf wiederkehrende Erfolgsmuster:
Und ja, meine These von 2024 gilt weiter:
Innovation entsteht dort, wo Governance nicht bremst, sondern den einfachsten Weg zum konformen Einsatz ebnet.