Mitte 2026 ist die globale PwC Studie „2026 mid-year outlook: Global M&A trends in energy, utilities, and resources“ erschienen. Welche Entwicklungen es in der deutschen Energiewirtschaft gibt und welche Trends sich abzeichnen, fragen wir PwC-Partner Steffen Apfel, Deals Leader Energiewirtschaft.
Herr Apfel, der „2026 Mid-Year Outlook“ von PwC zu den globalen Entwicklungen bei Unternehmensfusionen und -übernahmen nennt Versorgungssicherheit als relevanten Treiber für Transaktionen in der Energiewirtschaft. Gilt das auch für Deutschland?
Steffen Apfel: Versorgungssicherheit ist auch in Deutschland ein Riesenthema – gesamtgesellschaftlich und wirtschaftlich. Und ja, sie ist auch hierzulande ein spürbarer Treiber für Projekte, Partnerschaften und Transaktionen. Beispielsweise verändert der steigende Strombedarf durch KI und von Rechenzentren den Energiemarkt weltweit. Auch in Deutschland suchen Betreiber von Rechenzentren zunehmend Partnerschaften mit der Energiewirtschaft.
Wofür genau?
Apfel: Für die sichere Stromversorgung ihrer Rechenzentren und die Nutzung ihrer Abwärme. Das zeigt, wie strategisch bedeutend Versorgungssicherheit für die Wirtschaft ist. Aber auch der Staat spielt eine Rolle: Er muss die richtigen, insbesondere auch regulatorischen Rahmenbedingungen für maximale Versorgungssicherheit schaffen, gerade angesichts der aktuellen geopolitischen Herausforderungen.
Spielen Stadtwerke in diesem Kontext auch eine Rolle?
Apfel: Selbstverständlich. Für Stadtwerke ergeben sich Chancen, weil sie über wertvolle Standortvorteile verfügen: Sie besitzen Flächen mit Netzanschluss, oft auch eigene Netzinfrastruktur, haben umfassendes energiewirtschaftliches Know-how und können zum Beispiel Abwärme von Rechenzentren effizient in ihre Wärmeversorgung integrieren. So entstehen ganzheitliche und nachhaltige Energielösungen, die auch die lokale Versorgung stärken. Stadtwerke können sich also als attraktive Partner für Rechenzentrumbetreiber, aber auch andere energieintensive Kunden positionieren und neue Geschäftsfelder erschließen.
Die Autor:innen des „2026 Mid-Year Outlook“ von PwC bezeichnen Stromnetze als einen der wertvollsten Infrastrukturbausteine. Verändert dieser Wert den Blick der Stadtwerke auf ihre Netze?
Apfel: Stromnetze sind das Herzstück unserer Daseinsvorsorge. An dieser Tatsache wird sich auch nichts ändern. Was sich verändert, ist die Rolle der Netze. Sie entwickeln sich zunehmend hin zu digitalen Plattformen. In der Praxis heißt das, dass Prosumer auf diese Weise wirtschaftlich profitieren können. Doch das ist nicht die einzige Chance, die Stromnetze eröffnen: In den nächsten Jahren müssen umfangreiche und betraglich hohe Investitionen getätigt werden. Dies ist zum Beispiel ein guter Eintrittspunkt für privates Kapital und Investoren. Beides zusammen trägt dazu bei, dass die Energiewende gelingt, und kann Stadtwerken langfristig strategische Wettbewerbsvorteile sichern.
Stichwort privates Kapital: Weshalb interessieren sich private Investoren für die deutsche Energiewirtschaft?
Apfel: Weil die Energiewende hoher Investitionen bedarf und deshalb privates Kapital braucht. Und weil Investitionen in regulierte Infrastruktur ihre Geschäftsmodelle sinnvoll ergänzen und planbare, stabile Erträge ermöglichen.
Die meisten Investoren sind sowohl für bestehende Infrastruktur als auch für neue Projekte offen.
Interessieren sich private Investoren im deutschen Energiesektor eher für bestehende Infrastruktur oder eher für Neubauprojekte?
Apfel: Ich kenne Investoren mit beiden Schwerpunkten. Natürlich ist bestehende Infrastruktur schon da und bildet die Basis für die Energie- und Versorgungsstrukturen der Zukunft. Insbesondere bei kommunalen Strom-, Wärme- und Wassernetzen stehen milliardenschwere Investitionen in den Erhalt, den Ausbau und die Digitalisierung an. Etliche Kapitalanlagefonds haben hierfür Kapital gesammelt und sehen sich nach Möglichkeiten um, es sinnvoll zu investieren. Die meisten Investoren sind sowohl für bestehende Infrastruktur als auch für neue Projekte offen.
Und wie ist das Interesse in die andere Richtung? Interessieren sich kommunale Energieversorgungsunternehmen für privates Kapital aus Kapitalanlagefonds?
Apfel: Zunehmend. Denn gerade Stadtwerke haben die Chance, durch strategische Partnerschaften mit Investoren ihre Netzstrukturen zu stärken, notwendige Investitionen zu realisieren und von der Dynamik und dem Kapitalfluss in den Infrastruktursektor zu profitieren. Das kann bedeutend dazu beitragen, die Versorgungssicherheit weiter zu verbessern und langfristig Wettbewerbsvorteile zu sichern. Mittlerweile herrscht auf beiden Seiten eine große Offenheit für gemeinsame Projekte.
Private Kapitalgeber haben spezifische Anforderungen an Corporate Governance und Renditeerwartungen. Passt das immer mit den Vorstellungen kommunaler Energieversorger zusammen?
Apfel: Unterschiedliche Vorstellungen am Anfang eines Projekts sind normal. Es gilt, die verschiedenen Interessen der Partner zu vereinen und gemeinsam ein ausgewogenes Modell zu entwickeln.
In der Diskussion sind – schon länger – Kooperationen, Beteiligungsmodelle und gemeinsame Gesellschaften auch zwischen kommunalen Versorgern. Bleiben diese ein Thema?
Apfel: Unbedingt. Ich glaube, dass auch da in den nächsten Jahren deutlich mehr passiert. Denn kommunale Versorger müssen viel investieren, aber ihre finanziellen Mittel sind begrenzt. Kooperationen, Beteiligungsmodelle und gemeinsame Gesellschaften bringen vor allem kleinen und mittelgroßen Stadtwerken Skalierungseffekte und bessere Chancen auf attraktive Finanzierungsquellen.
Es gibt bereits erfolgreiche Partnerschaften, die zeigen, wie Zusammenschlüsse erfolgreich funktionieren können.
Welche Bereiche eignen sich für gemeinsame Gesellschaften?
Apfel: Beispielsweise solche, die stark standardisiert sind, wie die Beschaffung, der IT-Bereich und die Abrechnung. Denn hier lassen sich vergleichsweise leicht Synergien realisieren. Es gibt bereits Partnerschaften, die zeigen, wie das erfolgreich funktionieren kann. Zudem können Infrastrukturbereiche verschiedener Stadtwerke durch Bündelung eine relevante Größe erreichen und damit für Kapitalgeber interessant werden, wodurch sich neue Kapitalquellen für die Finanzierung ergeben.
Früher standen Zusammenschlüsse in der Energiewirtschaft vor allem für Synergien und Wachstum. Heute scheinen Versorgungssicherheit und Resilienz wichtiger als pure Größe zu sein. Ist das richtig?
Apfel: Ich möchte die Aspekte nicht trennen, denn alle vier Aspekte spielen wichtige Rollen: Übernahmen sind nach wie vor ein wichtiges Mittel für Synergien und Wachstum. Und Versorgungssicherheit sowie Resilienz gehören aus meiner Sicht untrennbar zu einer nachhaltigen Wachstumsstrategie dazu. Für Stadtwerke bedeutet das: Investitionen und Kooperationen, welche Netzausbau, Digitalisierung und Resilienz fördern und den Ausbau nachhaltiger, dezentraler Energie vorantreiben, schaffen Wachstum und stärken zugleich die Versorgungssicherheit.
Welche Eigenschaften machen ein Stadtwerk aus Sicht potenzieller Investoren oder Kooperationspartner besonders attraktiv?
Apfel: Stadtwerke überzeugen mit ihrem stabilen Geschäftsmodell, das von einem hohen Anteil an reguliertem Geschäft geprägt ist. Sie bieten verlässliche Rahmenbedingungen – dank ihrer engen, vertrauensvollen Beziehungen zu den kommunalen Stakeholdern. Und sie genießen hohes Vertrauen bei der breiten Kundenbasis in ihrer Region. Hinzu kommt, dass sie transformationserfahren sind.
Gibt es Bereiche, die in der Energiewirtschaft aktuell unterschätzt werden?
Apfel: Unterschätzt würde ich es nicht nennen, aber derzeit wird die Aufmerksamkeit für bestimmte Bereiche größer. Beispielsweise dafür, technische, regulatorische und sicherheitsrelevante Anforderungen aktiv zu gestalten – besonders im Netz- und IT-Bereich. Diese Entwicklungen und der Fachkräftemangel infolge des demografischen Wandels sind ebenfalls relevante Treiber für Kooperationen und Transaktionen – mitunter sind sie sogar noch relevanter als der Kapitalbedarf.
Der „2026 Mid-Year Outlook“ von PwC stellt auch die Frage: Wer bezahlt den massiven Ausbau der Energieinfrastruktur letztlich? Die Energieverbraucher, oder?
Apfel: Das ist richtig. Ob in Form von Entgelten, Energiepreisen oder Steuermitteln – die Kosten für den Ausbau der Energieinfrastruktur werden letztendlich von der Gesellschaft getragen. Umso wichtiger ist es daher, dass die Investitionen wirtschaftlich tragfähig sind und die Belastungen für die Endverbraucher:innen und Unternehmen maßvoll bleiben. Der Staat kann durch Förderungen zwar Impulse geben, eine dauerhafte Subventionierung wäre jedoch keine nachhaltige Lösung.
Blicken wir zehn Jahre nach vorne: Wie schätzen Sie die Position der Stadtwerke im Rahmen der energiewirtschaftlichen und digitalen Transformation ein? Halten Sie es für wahrscheinlich, dass Akteure wie Technologieunternehmen eine bedeutendere Rolle einnehmen werden?
Apfel: Ich gehe davon aus, dass Stadtwerke auch in zehn Jahren fest als innovative Lösungsanbieter und verlässliche kommunale Infrastrukturdienstleister etabliert sein werden. Ihre strategischen Ausrichtungen werden individueller und vielfältiger – insbesondere durch die energiewirtschaftliche und digitale Transformation. Technologieunternehmen werden sicher auch eine bedeutende Rolle spielen, jedoch bleiben Stadtwerke wichtige Partner der Kommunen. Sie treiben die Energiewende vor Ort voran und werden weiterhin attraktive Arbeitgeber sein.
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