Wie Tech-Giganten den Gesundheitsmarkt revolutionieren

04 Mai, 2018

Im Gespräch mit Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswesen & Pharma bei PwC

Porträt Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswesens & Pharma, PwC

Digital Health hat sich für die großen Technologie-Unternehmen als ein lukrativer Geschäftszweig herausgestellt. Unternehmen wie Amazon, Google oder Apple gründen Krankenkassen für Mitarbeiter, bauen Krankenhäuser oder verändern Therapie und Diagnostik durch Künstliche Intelligenz und andere digitale Technologien. Welchen Einfluss haben diese Aktivitäten auf das deutsche Gesundheitswesen? Diese Frage beantwortet Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswesen & Pharma bei PwC, im Interview.

Große Tech-Unternehmen wie Apple, Google, Amazon und Microsoft drängen mit digitalen Technologien in das Gesundheitswesen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Michael Burkhart: Ich bin davon überzeugt, dass die großen Wettbewerber von außen den Gesundheitsmarkt bereichern und die Digitalisierung des Gesundheitswesens vorantreiben können – gerade in Deutschland, das in puncto Digitalisierung und Vernetzung im Vergleich zu den USA oder China noch am Anfang steht. Ein Schritt nach vorn wurde sicherlich auf dem deutschen Ärztetag im Mai 2018 gemacht. Dort wurde beschlossen, dass Beratungen und Behandlungen von Patienten künftig auch ausschließlich über elektronische Kommunikationswege erfolgen können, sofern dies ärztlich vertretbar ist. Eine Fernbehandlung ist somit in ausgewählten Fällen möglich.

Darüber hinaus können neue digitale Technologien auch dazu beitragen, dass Krankheiten früher erkannt, bessere Therapien und passgenaue Medikamente entwickelt werden. Das entlastet auch den Arzt in seiner Arbeit. Insgesamt hat die digitale Transformation des Gesundheitsmarktes das Potenzial, für ein kostengünstigeres und effizienteres Gesundheitssystem zu sorgen. Das setzt aber voraus, dass die privatwirtschaftlichen Tech-Unternehmen mit ihren digitalen Technologien und die öffentlichen Träger im deutschen Gesundheitswesen wirklich im Dienste des Patienten zusammenarbeiten. Dazu gehört auch, verantwortungsvoll mit seinen Daten umzugehen. Maßstab aller digitalen Aktivitäten muss sein, inwieweit der Patient im Mittelpunkt steht. Denn letztlich entscheidet die Gesellschaft, ob die neuen Technologien auch in Deutschland erfolgreich sein werden.

In welchen Bereichen sehen Sie sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für die digitalen Innovationen, die von den Tech-Giganten entwickelt werden?

Burkhart: Zum Beispiel kann der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) dazu beitragen, dass Ärzte durch die Digitalisierung eine verlässlichere Grundlage für die Diagnostik und Therapieentscheidung haben, etwa durch die Auswertung aktueller Studiendaten. Smartwatches werden künftig nicht mehr nur Herz und Pulsschlag eines Patienten messen, sondern ihn digital auch vor Herzrhythmusstörungen warnen. In der Krebsmedizin wird die Auswertung großer digitaler Datenmengen künftig dazu beitragen, dass eine personalisierte und damit erfolgversprechendere Therapie möglich sein wird. Das ist eine Innovation, der die Bürger in Deutschland sehr offen gegenüberstehen, wie unsere PwC Studie gezeigt hat. Aber das sind nur einzelne Beispiele; jede digitale Anwendung wie beispielsweise auch die Elektronische Patientenakte beruht auf innovativer Technologie.

Warum hat das Gesundheitswesen solch eine große Anziehungskraft auf die Tech-Giganten?

Burkhart: Der Gesundheitsmarkt bietet ein enormes wirtschaftliches Potenzial; die Kosten für Gesundheit steigen stetig. Allein in Deutschland wurde im Jahr 2017 eine Milliarde Euro ausgegeben – täglich. Insgesamt belaufen sich die Ausgaben auf rund 370 Milliarden Euro für das vergangene Jahr. Durch den demografischen Wandel in den Industrienationen können die großen Tech-Unternehmen wie Amazon, Google oder Apple davon ausgehen, dass der Markt noch weiter wachsen wird. Doch hinter dem Interesse an der Healthcare-Industrie steckt noch ein weiterer Grund: Amazon hat beispielsweise eine eigene Krankenversicherung für die Mitarbeiter angekündigt – gerade in den USA kann das ein guter Grund sein, um Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden.

Wo sehen Sie die Risiken, wenn große privatwirtschaftliche Technologie-Unternehmen wie Amazon oder Apple in den eher traditionell geprägten deutschen Gesundheitsmarkt drängen?

Burkhart: Daten sind die Geschäftsgrundlage der Digitalisierung und der Tech-Giganten. Daher besteht grundsätzlich immer die Gefahr, dass der Patient die Kontrolle über seine eigenen Daten verliert. Der aktuelle Datenskandal rund um Facebook und Cambridge Analytica hat das Vertrauen vieler Nutzer erschüttert. Das zeigt, dass diese Sorge nicht unbegründet ist. Konzerne und Ärzte müssen daher transparent machen, wie sie die digitalen Daten von Patienten verwenden, wer darauf Zugriff hat und was sie für deren Schutz tun. Ich denke auch, dass wir in Deutschland ein Gesundheitswesen von hoher Qualität haben. Das müssen wir unbedingt erhalten – auch wenn privatwirtschaftliche Anbieter den Markt durch digitale Technologien und neue Geschäftsmodelle deutlich verändern werden.

Wie verändert sich nach Ihrer Einschätzung die Rolle des Patienten durch neue digitale Technologien?

Burkhart: Die Tech-Giganten nehmen ihn als mündigen Verbraucher wahr. Er wird zum Manager seiner eigenen Gesundheit – zum Beispiel durch Apps, die nach Auswertung der digitalen Daten vor Krankheiten warnen und den Besuch beim Arzt empfehlen können. Grundsätzlich halte ich es für eine gute Entwicklung, wenn die Stakeholder im Gesundheitswesen auf den mündigen Patienten setzen. Digitale Technologien verlangen aber auch ein hohes Maß an Gesundheitskompetenz. Das wird ein Prozess der Umgewöhnung sein, den Patienten aber bewältigen können, wenn sie vertrauensvoll mit ihrem Arzt zusammenarbeiten. Die Technologie kann es dann ermöglichen, dass letztlich mehr Zeit für das persönliche Verhältnis zwischen Arzt und Patient bleibt.

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Sevilay Huesman-Koecke

Head of Business Development Gesundheitswirtschaft, PwC Germany

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