Die Erstellung einer Verfassung ist weit mehr als ein politischer Akt. Sie ist auch ein Moment der Selbstvergewisserung: Wer sind wir? Welche Werte vertreten wir? Wie gestalten wir die Zukunft? Ähnlich wirken Verfassungen in Familienunternehmen. Auch sie stehen für Identität, Werte und Zukunftspläne. In den vergangenen 15 Jahren ist die Zahl der Familienunternehmen, die über eine Familienverfassung verfügen, von 25 auf 36 Prozent gestiegen, ein weiteres knappes Viertel plant die Erarbeitung dieses Governance-Instruments. Familienunternehmen verbinden damit vor allem das Ziel, ihre Inhaberschaft zu professionalisieren. Insbesondere ältere und größere Unternehmen mit einem verzweigten Gesellschafterkreis profitieren von der Erarbeitung einer Familienverfassung im Gesellschafterkreis.
Das sind wichtige Ergebnisse der Studie „In bester Verfassung – die Familienverfassung im Familienunternehmen“ der INTES Akademie für Familienunternehmen, der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland und der INTES Stiftungsprofessur für Unternehmerfamilien und Familienunternehmen an der Digital Business University of Applied Sciences (DBU). Für die Studie wurden 175 deutsche Familienunternehmen befragt.
„Eine Familienverfassung ist ein bewährtes Instrument, das zur Professionalisierung von Unternehmerfamilien beiträgt und den langfristigen Erfolg des Unternehmens sichert. Sie schafft Klarheit und bildet das Fundament für eine gute Zusammenarbeit – über Generationen hinweg.“
Familienverfassungen sind für viele Unternehmerfamilien fester Bestandteil einer guten Family Business Governance: Inzwischen verfügen 36 Prozent darüber. Zum Vergleich: Im Jahr 2011 waren es nur 25 Prozent. Weitere 23 Prozent planen, eine Verfassung zu erstellen.
Familienunternehmen, die darauf verzichten, geben an, dass sie keine Notwendigkeit sehen (53 Prozent) oder das Thema keine Priorität für sie hat (26 Prozent).
Deutliche Unterschiede zeichnen sich je nach Struktur des Unternehmens ab. In größeren und älteren Familienunternehmen mit verzweigten Gesellschafterkreisen hat sich das Governance-Instrument etabliert. Auch Familienunternehmen mit Fremdmanagement verfügen häufiger über eine Familienverfassung. Das ist sinnvoll, denn: Je komplexer die Beziehungen in Inhaberfamilien sind, desto wichtiger wird es, transparente Regeln für alle zu erstellen. Eine Familienverfassung hat zwar keine rechtliche, dafür aber eine starke moralische Verbindlichkeit.
Mit einer Familienverfassung verbinden Unternehmerfamilien in erster Linie das Ziel, ihre Inhaberschaft zur professionalisieren, wie 70 Prozent der Befragten angeben. Ebenso möchten sie damit Konflikten vorbeugen (57 Prozent) und den Generationswechsel vorbereiten (51 Prozent). Den Befragten ist bewusst, dass sich ein solches Dokument nicht eignet, um einen akuten Streit zu lösen. Sie messen ihm aber viel Bedeutung bei, wenn es darum geht, den Zusammenhalt zu stärken und den Frieden innerhalb der Familie zu sichern. Damit hat eine Familienverfassung vor allem einen emotionalen Mehrwert.
Auch wenn eine Familienverfassung individuell erarbeitet und maßgeschneidert auf die Familie sein muss – bestimmte Elemente sind in der Regel enthalten. Dazu zählen etwa Ziele und Werte für die Familie (97 Prozent) sowie für das Unternehmen (91 Prozent), die Mitgliedschaft (94 Prozent) und Rechte und Pflichten der Gesellschafter (86 Prozent).
Familienunternehmen ohne Familienverfassung verfügen zwar auch über Regelwerke zum Umgang mit der Familie und dem Unternehmen. Sie fokussieren sich dabei aber vor allem auf rechtliche und finanzielle Fragestellungen, insbesondere die Rechte und Pflichten der Gesellschafter (75 Prozent). Da diese Regelwerke aber nicht gemeinsam von der Inhaberfamilie erarbeitet wurden und sich auf formale Aspekte konzentrieren, haben sie weniger bindende Kraft – mit der Folge, dass die Verbundenheit zum Unternehmen und der Zusammenhalt in der Familie geringer sind. Hinzu kommt, dass Familienunternehmen ohne Verfassung in wesentlichen Punkten Änderungsbedarf sehen: Dazu zählt insbesondere die Frage, wie die Führungsnachfolge bei einem plötzlichen Notfall geregelt werden soll.
Regelungslücken zeigen sich allerdings auch bei Familienunternehmen mit einer Familienverfassung. Nachbesserungsbedarf sehen sie insbesondere bei der Verteilung des Gewinns und bei der Frage, wie mit dem Ausscheiden von Gesellschaftern umgegangen werden soll.
Das Aufsetzen einer Familienverfassung lohnt sich, wie 67 Prozent der Befragten bestätigen. Das gilt auch in wirtschaftlicher Hinsicht: Ein knappes Drittel der Unternehmen konnte einen gesteigerten ökonomischen Erfolg verzeichnen. Ebenso lässt sich beobachten, dass Familienunternehmen mit Familienverfassung etwas schneller wachsen als Familienunternehmen, die keine Verfassung haben: 47 versus 40 Prozent. Neben dem wirtschaftlichen Erfolg zahlt sich eine Familienverfassung auch in vielen weiteren Punkten aus, etwa durch einen stärkeren Familienzusammenhalt, einer bessere Führungs- und Kontrollstruktur und mehr Frieden und Stabilität.
„Das Geheimnis einer wirkmächtigen Familienverfassung liegt im Prozess ihrer Erarbeitung, nicht allein in dem Dokument. Im Prozess liegt der gruppendynamische Impact.“
Catharina Prym,Leiterin Family Governance Consulting und Inhaberstrategieberatung bei PwC Deutschland„Die Inhaberstrategie, dokumentiert in einer Familienverfassung, ist der wichtigste Streitschlichter jeder Unternehmerfamilie. Sie sorgt dafür, dass zukunftsweisende Strategien ohne zerstörende Konflikte vereinbart werden können.“
Prof. Dr. Alexander Koeberle-Schmid,INTES Stiftungsprofessur für Unternehmerfamilien und Familienunternehmen an der DBUPwC-Studie „In bester Verfassung – die Familienverfassung im Familienunternehmen“
Für die Studie „In bester Verfassung – die Familienverfassung im Familienunternehmen“ wurden 175 Familienunternehmen befragt, darunter 36 Prozent mit einer Familienverfassung. Die Studie wurde von der INTES Akademie für Familienunternehmen gemeinsam mit der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland und der INTES Stiftungsprofessur für Unternehmerfamilien und Familienunternehmen an der Digital Business University of Applied Sciences (DBU) herausgegeben.