Am 4. Juli jährt sich die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika zum 250. Mal. Ein Grund zur Freude, mit Sicherheit – aber angesichts der Turbulenzen im transatlantischen Verhältnis auch Anlass für eine grundsätzliche Frage: Wie können Europa und die USA ihre Beziehungen künftig so gestalten, dass beide Seiten davon profitieren?
von Dr. Tobias Lindner
Beginnen sollten wir mit einem ehrlichen Blick darauf, unter welchen Vorzeichen die Vereinigten Staaten seit 1945 Allianzen eingegangen sind. Wer glaubt, die USA hätten dies vorrangig getan, um ihr Gesellschafts- oder Wertemodell zu exportieren, irrt. Mindestens in gleichem Maße waren Bündnisse immer auch Mittel zum Zweck. Man erinnere sich an den dem ersten NATO-Generalsekretär zugeschriebenen Ausspruch, das Bündnis sei gegründet worden, um die Amerikaner drinnen, die Russen draußen und die Deutschen klein zu halten. Auch Konditionalität und Nützlichkeit galten seit jeher: Der Preis für Adenauers Westbindung – und damit die NATO-Mitgliedschaft Deutschlands – war die zugesagte Bereitstellung von zwölf deutschen Divisionen für das Bündnis.
Dieses Bündnisverständnis, das schon in der Vergangenheit zweckgetrieben war, befindet sich nun in einem weiteren Wandel. Die USA entfernen sich zunehmend von einer durch Institutionen und Regeln verankerten Ordnungspolitik – hin zu einem Allianzverständnis, das sich durch fünf Merkmale auszeichnet:
Unsere Antwort darauf darf nicht nostalgisch ausfallen. Das transatlantische Verhältnis lässt sich nicht länger allein über gemeinsame Werte begründen, und Europa kann sich auf seine historisch gewachsene Sonderstellung nicht mehr verlassen. Wir müssen lernen, die USA so zu verstehen, wie sie sind – nicht, wie wir sie uns wünschen. Das transatlantische Verhältnis, wie wir es kannten, wird nicht zurückkehren – auch nicht nach Trump. Und wir sollten erkennen: Viele der politischen Entscheidungen, die derzeit für Irritationen sorgen – sei es in der Handelspolitik, beim Pivot to Asia oder bei den Forderungen nach höheren europäischen Verteidigungsausgaben –, mögen in Ton und Stil die Handschrift Donald Trumps tragen. In der Sache aber werden sie in den USA breit, über Parteigrenzen hinweg, geteilt.
Damit Europa für die USA auch künftig von Bedeutung bleibt, muss es seine Relevanz für amerikanische Interessen unter Beweis stellen. Das bedeutet einerseits, einen konkreten strategischen Mehrwert für die Durchsetzung amerikanischer Ziele zu bieten. Doch Relevanz erschöpft sich nicht in reiner Interessenkongruenz: Europa sollte seine Souveränität so weit stärken, dass seine Position – ob unterstützend oder abweichend – zu einem Faktor wird, den Washington nicht ignorieren kann und deshalb respektiert.
Für beide hat Europa Grundlagen, auf die es aufbauen kann:
Der Mehrwert dieser Vorschläge liegt darin, dass sie in beiden denkbaren Szenarien tragen: sowohl in einer Welt, in der das transatlantische Verhältnis mehr europäische Eigenständigkeit erzwingt, als auch in einer, in der sich die Kooperation wieder vertieft. Eine Strategie für mehr europäische Souveränität hält das Verhältnis reparabel.
Pragmatisch statt nostalgisch: Der Blick nach vorn
Wir blicken in diesen Tagen viel auf 250 Jahre Amerika und auf die Geschichte unserer Beziehungen zurück. Richten wir den Blick nach vorne, so wissen wir nicht, in welche Richtung sich unsere Beziehungen in den kommenden 10, 20 oder 50 Jahren entwickeln werden. Genau darauf müssen wir uns vorbereiten: auf verschiedene Szenarien, ohne Nostalgie, pragmatisch und selbstbewusst.