250 Jahre USA: Bündnispolitik in Zeiten des Umbruchs

Amerika Flagge vor Gebäude
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  • 03 Jul 2026

Am 4. Juli jährt sich die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika zum 250. Mal. Ein Grund zur Freude, mit Sicherheit – aber angesichts der Turbulenzen im transatlantischen Verhältnis auch Anlass für eine grundsätzliche Frage: Wie können Europa und die USA ihre Beziehungen künftig so gestalten, dass beide Seiten davon profitieren? 

von Dr. Tobias Lindner 


Bündnisse waren nie reine Wertegemeinschaften 

Beginnen sollten wir mit einem ehrlichen Blick darauf, unter welchen Vorzeichen die Vereinigten Staaten seit 1945 Allianzen eingegangen sind. Wer glaubt, die USA hätten dies vorrangig getan, um ihr Gesellschafts- oder Wertemodell zu exportieren, irrt. Mindestens in gleichem Maße waren Bündnisse immer auch Mittel zum Zweck. Man erinnere sich an den dem ersten NATO-Generalsekretär zugeschriebenen Ausspruch, das Bündnis sei gegründet worden, um die Amerikaner drinnen, die Russen draußen und die Deutschen klein zu halten. Auch Konditionalität und Nützlichkeit galten seit jeher: Der Preis für Adenauers Westbindung – und damit die NATO-Mitgliedschaft Deutschlands – war die zugesagte Bereitstellung von zwölf deutschen Divisionen für das Bündnis. 

Fünf Merkmale des neuen US-Allianzverständnisses

Dieses Bündnisverständnis, das schon in der Vergangenheit zweckgetrieben war, befindet sich nun in einem weiteren Wandel. Die USA entfernen sich zunehmend von einer durch Institutionen und Regeln verankerten Ordnungspolitik – hin zu einem Allianzverständnis, das sich durch fünf Merkmale auszeichnet:

  • Transaktional: Bündnisse werden an konkreten Ergebnissen und Beiträgen gemessen – Verteidigungsausgaben, Marktzugang, politische Unterstützung.
  • Konditioniert: Sicherheitszusagen sind nicht mehr selbstverständlich, sondern an Gegenleistungen geknüpft.
  • Bilateral bevorzugt: Die direkte Beziehung zwischen Washington und einzelnen Hauptstädten genießt Vorrang vor multilateralen Institutionen.
  • Anlassbezogen: Formate und Teilnehmerkreise sind flexibel, themenspezifisch und zeitlich begrenzt.
  • US-Indopazifisch priorisiert: Die Nationale Sicherheitsstrategie der USA definiert die westliche Hemisphäre und den Indopazifik als klare Schwerpunkte. Europa bleibt wichtig – aber es steht nicht mehr im Zentrum.

Unsere Antwort darauf darf nicht nostalgisch ausfallen. Das transatlantische Verhältnis lässt sich nicht länger allein über gemeinsame Werte begründen, und Europa kann sich auf seine historisch gewachsene Sonderstellung nicht mehr verlassen. Wir müssen lernen, die USA so zu verstehen, wie sie sind – nicht, wie wir sie uns wünschen. Das transatlantische Verhältnis, wie wir es kannten, wird nicht zurückkehren – auch nicht nach Trump. Und wir sollten erkennen: Viele der politischen Entscheidungen, die derzeit für Irritationen sorgen – sei es in der Handelspolitik, beim Pivot to Asia oder bei den Forderungen nach höheren europäischen Verteidigungsausgaben –, mögen in Ton und Stil die Handschrift Donald Trumps tragen. In der Sache aber werden sie in den USA breit, über Parteigrenzen hinweg, geteilt. 

Europas Grundlagen: Worauf wir aufbauen können

Damit Europa für die USA auch künftig von Bedeutung bleibt, muss es seine Relevanz für amerikanische Interessen unter Beweis stellen. Das bedeutet einerseits, einen konkreten strategischen Mehrwert für die Durchsetzung amerikanischer Ziele zu bieten. Doch Relevanz erschöpft sich nicht in reiner Interessenkongruenz: Europa sollte seine Souveränität so weit stärken, dass seine Position – ob unterstützend oder abweichend – zu einem Faktor wird, den Washington nicht ignorieren kann und deshalb respektiert.

Für beide hat Europa Grundlagen, auf die es aufbauen kann:

  • Wirtschaftliche Stärke: Die Europäische Union ist der größte Binnenmarkt der Welt. Das verschafft ihr nicht nur erhebliche Nachfragemacht, sondern auch regulatorischen Einfluss – man denke an den Digital Services Act oder den AI Act. Europäische Normen haben sich in manchen Bereichen bereits zu globalen De-facto-Standards entwickelt.
  • Technologische Anwendungskompetenz: Ob Europa seinen Rückstand bei großen Sprachmodellen der künstlichen Intelligenz aufholen kann, ist eine offene Frage. Doch bei der industriellen Anwendung von KI-Modellen könnte sich ein entscheidender Wettbewerbsvorteil ergeben: Europäische Unternehmen sind weltweit führend im Maschinenbau und bei automatisierten Produktionsverfahren. Gelingt die Integration von KI in diese Branchen, stärkt das bestehende „hidden champions“ und kann neue hervorbringen.
  • Verteidigungsindustrielle Komplementarität: Europäische Unternehmen produzieren Rüstungsgüter – in den Bereichen Raketenabwehr, maritime Sicherheit, Cyber –, die für das amerikanische Fähigkeitsprofil von hoher Relevanz sind. Die Strategie sollte Komplementarität zu US-Systemen sein, nicht deren Duplikation.
  • Koproduktion als Modell: Bei Systemen wie der F-35 oder Patriot findet bereits eine Koproduktion mit europäischen Firmen statt. Diesen Ansatz gilt es auszuweiten: Er stärkt Europas (rüstungs-)industrielle Basis und verbessert zugleich die Verfügbarkeit dieser Systeme für die US-Streitkräfte.
  • Ein stärkerer europäischer NATO-Pfeiler: Europa muss im Bündnis mehr Gewicht übernehmen – durch eigene Fähigkeiten, aber auch durch mehr europäische Offiziere in NATO-Stäben und in Führungspositionen. Das ist einerseits die logische Konsequenz der amerikanischen Neuausrichtung, andererseits steigert es Europas Bedeutung innerhalb der Allianz.

Der Mehrwert dieser Vorschläge liegt darin, dass sie in beiden denkbaren Szenarien tragen: sowohl in einer Welt, in der das transatlantische Verhältnis mehr europäische Eigenständigkeit erzwingt, als auch in einer, in der sich die Kooperation wieder vertieft. Eine Strategie für mehr europäische Souveränität hält das Verhältnis reparabel.

Pragmatisch statt nostalgisch: Der Blick nach vorn

Wir blicken in diesen Tagen viel auf 250 Jahre Amerika und auf die Geschichte unserer Beziehungen zurück. Richten wir den Blick nach vorne, so wissen wir nicht, in welche Richtung sich unsere Beziehungen in den kommenden 10, 20 oder 50 Jahren entwickeln werden. Genau darauf müssen wir uns vorbereiten: auf verschiedene Szenarien, ohne Nostalgie, pragmatisch und selbstbewusst.

Der Autor

Dr. Tobias Lindner
Dr. Tobias Lindner

Director, Senior Executive Advisor, Public Sector Defence & Security, PwC Germany

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