Europas Staaten investieren wieder massiv in ihre Verteidigung. Doch zusätzliche Mittel allein schaffen noch keine einsatzbereiten Streitkräfte. Während die europäischen NATO-Partner gemeinsam für Abschreckung und Verteidigung sorgen, planen und beschaffen sie militärische Ausrüstung weiterhin überwiegend national. Unterschiedliche Anforderungen, parallele Entwicklungen und fragmentierte Lieferketten kosten Zeit, Geld und operative Wirkung.
Die Studie „Forging Ahead – Practical paths for European defense cooperation“ unseres Defense & Security Institutes untersucht, warum multinationale Rüstungsprogramme trotz gemeinsamer Interessen oft hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben – und unter welchen Bedingungen Zusammenarbeit gelingt. Auf Basis europäischer Fallstudien entwickelt sie mit dem European Capability Coalition Model (ECCM) einen praxisorientierten Ansatz: gemeinsame Fähigkeiten zuerst planen, politische und industrielle Konflikte früh regeln und für jede Fähigkeit den passenden Kooperationsweg wählen.
„Europäische Rüstungskooperation ist dann erfolgreich, wenn daraus echte Verteidigungsfähigkeit entsteht. Entscheidend ist, dass gemeinsame Rüstung schnell und wirksam zu unserer Sicherheit beiträgt.“
Die Weichen werden schon vor der ersten Bestellung gestellt. Die Studie vergleicht NH90, Eurofighter, Boxer, Eurodrone, CAVS, MMCM und die MRTT-Tankerflotte. Ihr Befund: Kooperation ist weder automatisch besser noch schlechter als nationale Beschaffung. Entscheidend sind gemeinsame militärische Anforderungen, belastbare Entscheidungsregeln und eine Umsetzung, die zum jeweiligen System passt.
Der Boxer zeigt, wie sich ein gemeinsamer technischer Kern mit nationalen Ausstattungsvarianten verbinden lässt. CAVS verbindet nationale Industriebeteiligung mit einer gemeinsamen Plattform. Die MRTT-Flotte zeigt, wie Staaten Fähigkeiten nutzen können, ohne eigene Flugzeuge vorzuhalten. NH90, Eurodrone und FCAS verdeutlichen Risiken abweichender Anforderungen und ungeklärter Industrieinteressen.
Als Antwort schlägt die Studie das European Capability Coalition Model (ECCM) vor. Es setzt nicht auf eine neue europäische Beschaffungsbehörde, sondern auf einen wiederholbaren Entscheidungsprozess. Zunächst wird ein konkreter militärischer Fähigkeitsbedarf bestimmt und geprüft, ob Kooperation gegenüber nationaler Beschaffung oder Import tatsächlich Vorteile bietet. Anschließend bildet sich eine handlungsfähige Koalition kompatibler Partner.
Vor größeren Investitionen verständigen sich die Beteiligten auf verbindliche Regeln: gemeinsame Kernanforderungen, Finanzierung, Risikoverteilung, industrielle Zuständigkeiten, Datenrechte, Exportverfahren sowie Betrieb und Modernisierung. Erst danach wählen sie einen von vier Umsetzungswegen: gemeinsame Beschaffung, gemeinsame Entwicklung, Pooling und Sharing oder ein innovationsorientiertes, wettbewerbliches Ökosystem. Sie lassen sich kombinieren.
Wie das funktionieren kann, zeigt die Studie anhand zweier Vorschläge. Für das Transportflugzeug A400M könnte eine Koalition zunächst Ersatzteilversorgung, Wartung, Ausbildung und verlässliche Nutzungsrechte koordinieren, statt sofort eine neue gemeinsame Flotte aufzubauen. In der Drohnenabwehr wäre ein anderer Ansatz sinnvoll: Staaten definieren gemeinsame Einsatzszenarien, testen konkurrierende Lösungen an mehreren Standorten und beschaffen erfolgreiche Systeme schrittweise. Dabei können Startups und etablierte Hersteller kooperieren.
Der nächste Schritt wäre ein verbindliches, mehrjähriges Fähigkeitsportfolio einer kleinen Gruppe williger Staaten. Erfolg zeigt sich nicht an Abkommen, sondern daran, ob die Fähigkeiten rechtzeitig, interoperabel und in ausreichender Zahl verfügbar sind.
Sind militärische Systeme bereits entwickelt und technisch ausgereift, können Staaten ihre Nachfrage bündeln und gemeinsam beschaffen. Gemeinsame Kernanforderungen und abgestimmte Wartung können Interoperabilität und Lieferketten stärken. Das CAVS-Programm mit dem Patria 6×6 zeigt, wie eine gemeinsame Plattform mit nationaler Fertigung und begrenzten Varianten kombiniert werden kann – ohne die technischen Grundlagen zu zersplittern.
Fehlt eine geeignete marktverfügbare Lösung, kann die gemeinsame Entwicklung komplexer Systeme sinnvoll sein. Partner teilen Risiken und Entwicklungsaufwand, müssen aber Zuständigkeiten, Finanzierung und Anforderungen früh verbindlich regeln. Gestufte Reifeprüfungen helfen, Fehlentwicklungen vor der Serienproduktion zu erkennen. Eurofighter und das maritime Minenabwehrprogramm MMCM zeigen unterschiedliche Wege, gemeinsame Technologieentwicklung institutionell zu organisieren.
Nicht jede militärische Fähigkeit muss jedem Staat selbst gehören. Beim Pooling werden Ressourcen zusammengeführt; beim Sharing stellen Partner einander Leistungen oder Kapazitäten bereit. Entscheidend sind verlässliche Zugangsrechte, Nutzungsprioritäten und gemeinsame Regeln für Betrieb und Instandhaltung. Die MRTT-Tankerflotte zeigt das Prinzip: Staaten erwerben Ansprüche auf Flugstunden und damit Zugang zu gemeinsam bereitgestellten Fähigkeiten.
Bei Drohnen, Software und KI verändern sich Technologien oft schneller als klassische Beschaffungszyklen. Deshalb definiert eine Koalition zunächst das gemeinsame Einsatzproblem und prüft mehrere Lösungen in kurzen Test- und Entwicklungsphasen. Offene oder kontrollierte Schnittstellen sichern die Integration; wiederholte Beschaffungsentscheidungen ermöglichen rasche Anpassungen. Startups und etablierte Hersteller können in wechselnden Teams zusammenarbeiten.
Studie „Forging Ahead: Practical path for European defense cooperation“
Kontaktieren Sie unsere Expert:innen
Die Studie untersucht europäische Rüstungsprogramme qualitativ und mechanismenorientiert. Im Fokus stehen NH90, Eurofighter, Boxer, Eurodrone, CAVS, MMCM und MRTT; weitere Programme ergänzen den Vergleich. Grundlage sind öffentliche Dokumente, Fachliteratur und ergänzende Hintergrundgespräche mit zentralen Akteuren.
Analysiert werden Anforderungen, Governance, industrielle Arbeitsteilung und Lebenszyklusmanagement. Relevant sind Lieferzeit, Kosten, Interoperabilität, Verfügbarkeit und Anpassungsfähigkeit. Eine statistische Erfolgsrangliste ist wegen Datenlücken nicht möglich. Das ECCM ist ein aus den Befunden entwickelter Modellvorschlag.