Securing Tomorrow: Global Perspectives on Modern Policing

Interview: Cybercrime in Deutschland

  • Interview
  • 4 Minuten Lesezeit
  • 21 Jan 2026

Die Key Takeaways eines Interviews mit Carsten Meywirth. Unsere Expertinnen und Experten des PwC Global Security & Defence Netzwerk haben Carsten Meywirth, Leiter der Abteilung Cybercrime im Bundeskriminalamt (BKA), zu den aktuellen Herausforderungen, Best Practices und effektiven Lösungsansätzen der Abteilung Cybercrime befragt.

Carsten Meywirth ist Leiter der Abteilung Cybercrime im BKA. Nach seiner Ausbildung bei der Schutzpolizei des Landes Niedersachsen trat er im Jahr 1987 in das BKA ein. Im Oktober 2019 wurde er mit der Leitung der Projektgruppe zur Gründung der Abteilung Cybercrime betraut, die zum 1. April 2020 offiziell im BKA eingerichtet wurde. Zudem führte er die Gruppe Cybercrime innerhalb der Abteilung Organisierte und Schwere Kriminalität und war ab 2016 verantwortlich für die Gruppe Zentrale Logistikaufgaben in der Abteilung Zentrale Verwaltung.

Key Takeaways

Herausforderungen

  • Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine verzeichnet Deutschland – ebenso wie andere europäische Länder – eine deutliche Zunahme gezielter Cyberangriffe, besonders durch russische Akteure und Ransomware-Gruppierungen mit Verbindungen nach Russland. Diese Angriffe zielen vor allem auf kritische Infrastrukturen wie Energieversorgung, Kommunikation und Transport und bedrohen die Sicherheit und Stabilität.
  • Die deutsche Sicherheitsarchitektur mit ihrer föderalen Struktur, geprägt von der Nachkriegszeit, führt zu einer redundanten Sicherheitsinfrastruktur. Im Vergleich zu zentralen Systemen anderer Länder ist sie oft weniger flexibel und schwerfälliger im Umgang mit komplexen Cyberbedrohungen. Die Fragmentierung erschwert schnellen Informationsaustausch und Zusammenarbeit zwischen Behörden.
  • In der deutschen Gesellschaft herrscht ein spürbarer Mangel an Vertrauen in technische Systeme, Zugangsbeschränkungen und den Umgang mit Daten. Dies führt zu Skepsis gegenüber Sicherheitsmaßnahmen und Innovationen, erhöht die Anfälligkeit für Cyberangriffe und mindert die Resilienz. Um dem entgegenzuwirken, sind neben technischen Schutzmaßnahmen vor allem transparente Kommunikation und Aufklärung nötig.

„Es gibt verschiedene Gruppierungen, die dafür bekannt sind, online ihre Angriffsziele in Deutschland anzukündigen und diese dann auch durchzuführen. Kritische Infrastrukturen sind dort natürlich an vorderster Stelle dabei, um größtmögliche Wirkung zu erzielen.“

Carsten Meywirth,Leiter der Abteilung Cybercrime im BKA

Lösungsansätze

  • Enge Vernetzung und Kooperation zwischen staatlichen Sicherheitsbehörden und dem privaten Sicherheitssektor sind im Bereich Cyberkriminalität essenziell. Viele kritische Infrastrukturen und Technologien befinden sich in privater Hand. Das BKA fördert gezielt Partnerschaften, um die Sicherheitsarchitektur ganzheitlich zu stärken.
  • Die grenzüberschreitende Natur von Cyberkriminalität erfordert eine vertrauensvolle Zusammenarbeit internationaler Strafverfolgungsbehörden. Informationsaustausch und koordinierte Ermittlungen sind entscheidend, um Cybercrime nachhaltig einzudämmen.
  • Das BKA verfolgt zudem eine Strategie der „disruptiven Kommunikation“ gegen Täter: Videos und Inhalte mit Informationen über nichtidentifizierbare Täter sollen abschrecken und das Vertrauen in kriminelle Netzwerke zerstören. Dies verringert die Handlungsfähigkeit der Cyberkriminellen und erzeugt psychologischen Druck.
  • Aufgrund der komplexen Herausforderungen setzt das BKA auf interdisziplinäre Teams mit Experten aus IT, Juristik und Kommunikation. Diese Vernetzung erlaubt die Entwicklung innovativer Strategien und verbessert die Anpassungsfähigkeit der Behörde an sich wandelnde Bedrohungen.
  • Der Fachkräftemangel im IT-Bereich wird durch ein verkürztes Studium beim BKA adressiert: IT-Spezialisten können in 20 statt 36 Monaten einen Bachelorabschluss erwerben und werden sowohl als Polizeibeamte als auch Cyberkriminalisten eingesetzt, was die personellen Kapazitäten stärkt.
  • Ein bedeutender Ansatz ist die gezielte Analyse und Bekämpfung der Infrastruktur von Ransomware-Gruppierungen, die in Russland oft als „Safe Haven“ agieren und durch russische Behörden geschützt sind, solange sie keine Angriffe im Inland ausführen. Das BKA konzentriert sich auf den Schutz- und Schwächungsansatz dieser Rückzugsorte, um kriminelle Aktivitäten einzuschränken.

„Ab diesem Zeitpunkt treffen sich die Ermittler aus den Ländern in den Field Offices oder bei Europol. Die Ermittler kommen zusammen, jeder legt seine Erkenntnisse auf den Tisch und dann wird das Puzzle zusammengefügt.“

Carsten Meywirth,Leiter der Abteilung Cybercrime im BKA

„Deswegen haben wir den Infrastrukturansatz entwickelt: Wir versuchen, [kriminelle] Infrastrukturen aufzuklären und uns den Zugang zu diesen Infrastrukturen zu verschaffen, um diese zu zerstören.“

Carsten Meywirth,Leiter der Abteilung Cybercrime im BKA

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Weitere Best Practices

  • Eine gezielte und spezialisierte Ausrichtung von Cybercrime-Behörden ist essenziell, um digitale Kriminalität wirksam zu begegnen. Fachkompetenzen werden gebündelt und spezialisierte Abteilungen aufgebaut, sodass schnell und präzise auf neue Bedrohungen reagiert werden kann.
  • Innovative Kommunikationswege wie Videos oder Zeichentrick-Clips von erfolgreichen Einsätzen ermöglichen dem BKA den direkten Kontakt zur Öffentlichkeit und zu Cyberkriminellen. Dabei werden informative Einblicke geteilt und die Reaktionen der Täter überwacht.
  • Authentisches Foto- und Videomaterial sowie die aktive Kommunikation über Erfolge schaffen in Gesellschaft und Politik Aufmerksamkeit, stärken das Bewusstsein für die Bedrohung und fördern die Legitimität sowie ausreichende Ressourcenzuweisung zur Cybercrime-Bekämpfung.
  • Der spezialisierte Aufbau von Kapazitäten mit Fachkräften aus IT, Forensik, Informationstechnischer Überwachung, Cyberanalyse und Kriminalistik erfolgt in interdisziplinären Teams. Vertrauen und transparenter Informationsfluss unter Kollegen sind für den Erfolg entscheidend.
  • Der konsequente Einsatz von operativen Maßnahmen wie Durchsuchungen und Haftbefehlen erzeugt dauerhaften Druck auf kriminelle Strukturen und verhindert ihren Wiederaufbau.
  • Vor knapp drei Jahren entwickelte das BKA eine datengetriebene Service Toolbox zur Ermittlungsunterstützung im Cybercrime-Bereich, die moderne Analysetools bündelt und schnellere Erkenntnisgewinnung sowie zielgerichtete Ermittlungen ermöglicht.

„Wir speichern Spuren, die Täter im Internet hinterlassen und sind daher in der Lage, diese miteinander zu vergleichen und abzugleichen mit den Spuren, die wir in einem konkreten Ermittlungsverfahren sicherstellen.“

Carsten Meywirth,Leiter der Abteilung Cybercrime im BKA

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