Kriege, Krisen, KI: Die Welt dreht sich immer schneller – bis aus zu viel Veränderung Überforderung wird. Der Organisationspsychologe Carl Naughton erklärt, wie Anpassungsfähigkeit über Erfolg oder Misserfolg entscheidet und wie wir sie trainieren können.
Es ist März 2020, Anfang der Corona-Pandemie. Carl Naughton, Transformationspsychologe und Keynote-Speaker, schaut auf einen leeren Kalender. 99 Prozent seiner Aufträge wurden storniert. Seine Frau betreibt ein Theater, das schließen muss. Finanziell wird es für Naughton und seine Familie eng. Statt mit der Situation zu hadern, sucht er nach Alternativen. Als Keynote-Speaker hat er über 4.500 Auftritte vor Publikum und vor der Kamera absolviert, aber Präsentationstrainings hat er noch nie gegeben – und genau das ist sein Ausweg aus der Krise. Wenige Wochen später hat er 82 Kameratrainings gehalten und hochrangige C-Level-Executives darin geschult, vor der Kamera professionell und überzeugend zu sprechen.
„Anpassungsfähigkeit ist nicht die Frage, ob man die Krise kommen sieht. Die sehen alle. Es ist die Frage, ob man im Moment der größten Anspannung den Blick vom Zentrum an den Rand lenkt – dorthin, wo etwas Neues möglich wird.“
„Anpassung ist eine Fähigkeit, man kann sie erlernen“, sagt Carl Naughton. Auf Grundlage seiner langjährigen Forschung im Bereich der Organisationspsychologie hat er dafür konkrete Tools entwickelt. In seinen Keynotes und Workshops zeigt er, wie man nicht ins Hadern verfällt, sondern ins Handeln kommt, wenn sich die Dinge ändern.
Die Welt ist hochkomplex und verändert sich sehr schnell. Kriege, Krisen oder die rasante Verbreitung von KI führen das nur zu gut vor Augen. Durch sie verändert sich auch die Art und Weise wie wir arbeiten grundlegend. Sich an diesen Wandel anzupassen ist wichtig, aber nicht einfach. Wer schon einmal eine neue Software im Unternehmen eingeführt hat, weiß, wie unwegsam solche Projekte und wie groß die Widerstände sein können. „Change“ und „Transformation“ klingen in Projektpräsentationen immer gut, sagen aber wenig darüber aus, wie man die Mühen der Umsetzung tatsächlich bewältigt.
Es hilft, den „blinden Flecken“ in der eigenen Wahrnehmung auf die Spur zu kommen und auf Dinge zu achten, die nicht im Fokus stehen, sondern eher am Rande liegen.
Die Fähigkeit, sich auf neue Anforderungen einzustellen, indem man die eigenen Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten richtig einschätzt.
Wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und bewerten, ist durch mentale Modelle geprägt – Erklärungsmuster und Weltbilder. Sie geben uns Stabilität, werden aber problematisch, wenn sich die Umwelt radikal verändert und wir an ihnen festhalten, anstatt uns zu verändern.
Jede Veränderung löst Emotionen aus – Unruhe, Anspannung, vielleicht sogar Angst. Diese Emotionen gilt es anzunehmen und zu reflektieren, um nicht überfordert oder übereilt zu handeln.
Die Fähigkeit, proaktiv und situationsorientiert zu handeln. Wenn wir emotional von der Veränderung überfordert sind, neigen wir dazu, zu hadern statt zu handeln.
Anpassung ist nicht nur eine notwendige Reaktion auf globale Krisen und den Wandel der Arbeitswelt. Sie verändert auch den Blick auf die Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten von Mitarbeitenden. „Früher galt der IQ als Maß aller Dinge“, sagt Naughton, „die Zahl war der vermeintliche Garant für gute Leistung und ein wichtiges Kriterium in vielen Einstellungstests.“
Doch Wissen und analytische Fähigkeiten kommen in der heutigen Welt schnell an ihre Grenzen. Aus Naughtons Sicht machen inzwischen Social Skills den Unterschied: Erfolgreich ist, wer ein Gespür für die konkrete Situation hat, seine Emotionen einordnen und die eigenen Handlungsmöglichkeiten richtig einschätzen kann.
Anpassung ist schwer, weil jeder von uns seinen eigenen Blick auf die Welt hat – ein „mentales Modell“, wie die Psychologie es nennt, das wie ein Rahmen die Wahrnehmungen ordnet und Wertungen begründet. Das macht das Umdenken schwierig. Wie kann es trotzdem gelingen? Naughton setzt auf ein Tool, dessen Ursprünge bis in die antike Philosophie zurückreichen: die Selbstreflexion. Der „sokratische Dialog“ hilft dabei, selbst die stabilsten Gewissheiten immer wieder neu auf die Probe zu stellen.
Denn wenn das festgefügte Weltbild im Kopf nicht mehr zu der sich rasant verändernden Welt da draußen passt, reagieren Menschen mit Aktionismus oder Schockstarre – statt mit Augenmaß. Die eigene Sicht immer wieder zu hinterfragen und offen für andere Sichtweisen zu sein, wird so zur entscheidenden Fähigkeit.
Dabei helfen auch Kollaboration und Perspektivwechsel. Denn wir können noch so viel über ein Problem wissen – lösen lässt es sich erst, wenn wir die blinden Flecken in unserer eigenen Sicht schließen. Und das gelingt nur, indem wir unseren Kolleg:innen zuhören und uns für ihre Sichtweisen interessieren.
„Anpassung“ – klingt das nicht nach Konformismus, ganz konträr zum Unternehmertum, das mit souveränen, großen Entscheidungen seiner Zeit voraus sein will, statt sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren?
Die globale Wirtschaft ist nicht nur von Krisen und massiven Kräfteverschiebungen geprägt, sondern auch von neuen Wertschöpfungsmodellen, die klassische Branchengrenzen überschreiten und aus Kooperationen entstehen. Erfolgreich werden darin die Unternehmen, die bereit sind, mit alten Überzeugungen zu brechen und sich durch kluge Anpassung neu zu erfinden.
Für die Führung bedeutet das einen Rollenwechsel. Klassische Führung lebte von Gewissheit und Entschlossenheit – davon, Antworten zu geben und die Richtung vorzugeben. Anpassungsfähige Führung lebt vom Gegenteil: davon, die richtigen Fragen zu stellen und die eigenen Gewissheiten immer wieder auf die Probe zu stellen.
„Die wichtigste Frage für Führungskräfte lautet heute nicht mehr: ‚Wie überzeuge ich andere von meiner Sicht?‘, sondern: ‚Was übersehe ich gerade, und was sieht mein Team?‘“
Anpassungsfähigkeit lässt sich nicht verordnen. Eine Führungskraft kann sie nur ermöglichen, indem sie einen Rahmen schafft, in dem andere Perspektiven Platz haben, Fehler erlaubt sind und der Mut zum Umdenken belohnt wird.
Dr. Carl Naughton, Forscher und Transformationspsychologe, begleitet die Learn & Grow Season bei PwC Deutschland mit wertvollen Impulsen. Mit dem Programm stärkt PwC im Rahmen des globalen Arbeitgeberversprechens „Grow here. Go further.” gezielt die Entwicklung der Mitarbeitenden und eine Kultur der Zusammenarbeit.
Im Fokus stehen Future Skills wie Adaptability, Critical Thinking, Learning Agility sowie Cooperation & Co-Creation. Ziel ist es, diese Kompetenzen zu fördern und Lernen fest im Arbeitsalltag zu verankern – als kontinuierlicher Bestandteil der täglichen Arbeit.
Seine Impulse sind dabei sehr wertvoll, denn als Organisation hat PwC einen klaren Auftrag: Die Fähigkeiten der Mitarbeitenden müssen mit den Anforderungen der Kunden Schritt halten. Anpassungsfähigkeit und kontinuierliches Lernen entscheiden dabei über den gemeinsamen Erfolg.
Carl Naughtons aktuelles Buch „AQ – Warum Anpassungsfähigkeit die wichtigste Zukunftskompetenz ist“ ist 2022 im GABAL Verlag erschienen.