Notaufnahmen in Not?

Eine Studie zur Notfallversorgung in Deutschland 2019

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Michael Burkhart
Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland
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Überlastung der Notaufnahmen

Viele der Notaufnahmen in deutschen Krankenhäusern könnten inzwischen selbst einen Notruf absetzen – die Notfallambulanzen der Kliniken sind oftmals überlaufen, sodass Patienten, die dringend Hilfe brauchen, mit langen Wartezeiten rechnen müssen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat daher eine Reform der medizinischen Notfallversorgung angekündigt, die 2020 in Kraft treten soll.

Wie beurteilen die Deutschen die aktuelle Situation? Wie gelingt nach Einschätzung der Bürger eine bessere Steuerung der Patienten im Notfall? Wovor haben sie am meisten Angst, wenn sie selbst Hilfe benötigen?

Diesen Fragen widmet sich eine Studie zu Notaufnahmen in deutschen Krankenhäusern, für die PwC 2.000 Bürger befragt hat.

Download Studie (PDF, 580 KB)

Die Studie im Überblick:

Die Deutschen haben die Dramatik der Situation erkannt

Überlaufene Notfallambulanzen, lange Wartezeiten, gestresste Ärzte – für die Bürger ist das ein realistisches Szenario: 94 Prozent der Deutschen sind davon überzeugt, dass die Notaufnahmen an deutschen Krankenhäusern überlastet sind. In der Gruppe der Menschen über 60 Jahre, die bereits häufiger Erfahrungen mit Notaufnahmen gemacht haben, liegt dieser Wert sogar bei 98 Prozent. Hauptgrund für die Überlastung ist nach Einschätzung der Bürger die Personalknappheit in der Notfallversorgung. So halten 57 Prozent vor allem Ärztinnen und Ärzte für überlastet. 74 Prozent äußern die Sorge, dass sie in Folge der Krankenhaus-Strukturreform im Notfall nicht schnell genug versorgt werden könnten.

Überraschenderweise fühlen sich die Befragten aber in guten Händen, wenn sie tatsächlich selbst Hilfe brauchen – 77 Prozent finden, dass sie von Ärzten wie von dem übrigen medizinischen Personal gut betreut wurden.

Infografik zur Studie zur Notfallversorgung von PwC

Ambulanz statt Hausarzt: Falsche Erwartungen an den Notdienst

Ärztinnen und Ärzte in Notfallambulanzen beklagen immer wieder, dass Patienten mit vergleichsweise harmlosen Symptomen zu ihnen kommen, die auch von einem Haus- oder Facharzt behandelt werden könnten. Dahinter steckt insbesondere bei jüngeren Menschen die Fehleinschätzung, dass die Notaufnahme den Besuch bei einem niedergelassenen Arzt ersetzen kann. So sind 34 Prozent der 18- bis 29-Jährigen der Überzeugung, dass die Behandlungsmöglichkeiten in den Notaufnahmen besser sind, weil dort qualifizierte Fachärzte arbeiten und es höherwertige medizinische Geräte gibt. Daher überrascht es nicht, dass ein Drittel der Versicherten dieser Altersgruppe in den vergangenen fünf Jahren mehr als dreimal in der Notaufnahme war. Das ist der höchste Wert unter allen Altersklassen. Insgesamt sind die Erwartungen an den medizinischen Service in dieser Generation hoch. Umso wichtiger ist es, die Patienten über die eigentliche Aufgabe der medizinischen Notfallversorgung zu informieren.

„Die Notfallversorgung an deutschen Kliniken kann nur dann entlastet werden, wenn es uns gelingt, Patienten besser zu steuern. Daher brauchen wir dringend eine zentrale erste Anlaufstelle, die Versicherte in Notfällen an den richtigen Ansprechpartner vermittelt.“

Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC
Infografik zur Studie zur Notfallversorgung von PwC

Die Notfallversorgung im Überblick

Der zentrale Notruf

Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist rund um die Uhr bundesweit unter der Rufnummer 116117 erreichbar. Er hilft dann, wenn die Arztpraxen geschlossen sind und eine Behandlung nicht bis zum nächsten Tag warten kann. Bei lebensbedrohlichen Notfällen gilt bundesweit die Notrufnummer 112.

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Die Notfallversorgung in Zahlen

Die Zahl der Patienten, die Notfallambulanzen aufsuchen, steigt: Die Versichertenzahlen haben sich von 2005 bis 2015 auf rund 25 Millionen jährlich verdoppelt. (Quelle: Bundesärztekammer)

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Die Behandlungspflicht der Ärzte

In einem Notfall sind Ärzte dazu verpflichtet, einen Patienten zu behandeln. Allerdings müssen sie nur solche Maßnahmen ergreifen, die unaufschiebbar sind.

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Die Akteure der Notfallversorgung

Die Notfallversorgung ist in Deutschland in drei zentrale Bereiche gegliedert, zu denen die Notaufnahmen der Krankenhäuser, der Rettungsdienst und der ärztliche Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung zählen.

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Die Reform der Notfallversorgung

Das Bundesgesundheitsministerium will die Notfallversorgung reformieren, um schnellere Hilfe zu gewährleisten. Kernelement sind gemeinsame Notfallleitstellen, die Patienten an die richtige Versorgungsebene vermitteln.

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Die Bürger sind offen für eine Reform der Notfallversorgung

Wie können die Notaufnahmen entlastet werden? Reformvorschlägen, wie sie auch das Bundesgesundheitsministerium vorsieht, stehen die Deutschen durchaus offen gegenüber. So können sich 92 Prozent eine gemeinsame Notfallleitstelle vorstellen, die Patienten in medizinischen Notsituationen an die richtige Stelle lotst – entweder an den Rettungsdienst, ein integriertes Notfallzentrum (INZ) oder eine Arztpraxis. Integrierte Notfallzentren, die bei einem Krankenhaus angesiedelt sind und sowohl eine Ersteinschätzung als auch eine Erstbehandlung bieten, halten 89 Prozent der Befragten für sinnvoll. Ähnlich hoch ist die Zustimmung zu Portalpraxen, die direkt an Notaufnahmen von Kliniken angegliedert und rund um die Uhr geöffnet sind: 91 Prozent glauben, dass sie die Notaufnahmen entlasten können.

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Bürger stehen telemedizinischen Lösungen skeptisch gegenüber

Können telemedizinische Lösungen die Notfallversorgung sinnvoll ergänzen? Das sieht die Mehrheit der Studienteilnehmer skeptisch: 58 Prozent lehnen diesen Vorschlag ab, während 42 Prozent sich eine Erstberatung per Video-Sprechstunde mit einer Teleklinik vorstellen können. Ähnlich groß ist die Skepsis bei Apps, die Vorab-Diagnosen erstellen können und den Patienten dann an die richtige Stelle weiterleiten – lediglich 37 Prozent halten solch eine App für eine geeignete Lösung.

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Große Unsicherheit beim Thema Erste Hilfe

Eine entscheidende Rolle kommt bei der Notfallversorgung dem Ersthelfer vor Ort zu. Doch beim Thema Erste Hilfe agieren die meisten Deutschen ausgesprochen unsicher – auch aufgrund von mangelnder Kompetenz: Bei 38 Prozent der Befragten liegt der letzte Erste-Hilfe-Kurs zwischen drei und 20 Jahren zurück, bei mehr als einem Viertel sogar mehr als 20 Jahre, und elf Prozent haben noch nie einen solchen Kurs besucht. Umso aufgeschlossener stehen die Bürger Notfall- und Erste-Hilfe-Apps gegenüber. Zwar haben lediglich fünf Prozent der Deutschen bereits eine solche App genutzt, aber knapp die Hälfte kann sich das durchaus vorstellen. Für besonders sinnvoll halten sie die Möglichkeit, über App den Rettungsdienst zu verständigen, wie 73 Prozent angeben. Nahezu ebenso viele, 68 Prozent, schätzen die Möglichkeit, Anleitungen zur Ersten Hilfe zu bekommen.

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„Patienten müssen darüber aufgeklärt werden, was die eigentliche Aufgabe von Notfallambulanzen ist. Unsere Studie zeigt, dass viele Bürger falsche Erwartungen haben und dementsprechend unzufrieden reagieren.“

Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC

Experten im Interview:

Die Überlastung der Notaufnahmen zeigt sich nicht direkt in Qualitätseinbußen – noch nicht.

Ein Interview mit Michael Burkhart. Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) hat die Bevölkerung in Deutschland zu ihren Erfahrungen mit Notaufnahmen an Krankenhäusern befragt. Bei der repräsentativen Befragung ging es auch um ihre Einstellung zu Telemedizin und Gesundheitsapps. Im Gespräch erläutert Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC, die wichtigsten Ergebnisse.

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Ein Interview mit Prof. Dr. Jan-Thorsten Gräsner, Dr. med. Stephan Prückner und Michael Burkhart. Im globalen Vergleich ist der deutsche Rettungsdienst sehr gut aufgestellt. Im Zeitalter der Digitalisierung gilt es jedoch, die Chancen und Herausforderungen für die medizinische Notfallversorgung rechtzeitig zu erkennen und strategische Lösungsansätze zu entwickeln – sowohl für Krankenhäuser als auch für den einzelnen Bürger. Im Interview beantworten die Gesundheitsexperten zentrale Fragen rund um das Thema Notfallversorgung.

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