Interview: „Digitale Anwendungen für den medizinischen Notfall? – Das Potential von Gesundheitsapps“

18 November, 2019

Ein Interview mit Sevilay Huesman-Koecke und Stefan Prasse. Mit diversen Gesundheitsapps sind viele Bürger bereits vertraut. Zu diesen Apps zählen beispielsweise digitale Schrittzähler und Ernährungstagebücher. Doch welches Potential haben Gesundheitsapps im Rahmen der medizinischen Notfallversorgung in Deutschland?

Die Antwort und Weiteres zum Thema erfahren Sie im Interview mit der Gesundheitsexpertin Sevilay Huesman-Koecke, Head of Business Development Health Industries bei PwC Deutschland und dem Gesundheitsexperten Stefan Prasse, Geschäftsführer des Mobile Retter e.V.

Welche Arten von Gesundheitsapps gibt es ganz allgemein in Deutschland schon und wie groß ist der Anteil an Notfall- beziehungsweise Erste-Hilfe-Apps?

Sevilay Huesman-Koecke: Gesundheitsapps sind vom deutschen Markt und insbesondere vom zweiten Gesundheitsmarkt mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Ob digitaler Schrittzähler, das Tracking von Ernährungsgewohnheiten oder Applikationen zur Abwicklung administrativer Prozesse beispielsweise von Krankenkassen – die ganze Vielfalt an Anwendungen hier zu beschreiben, würde den Rahmen sprengen.

„Dass die Bevölkerung Gesundheitsapps zunehmend schätzt, zeigt das 'Global Consumer Insights Survey 2019' von PwC. Laut dieser Studie haben fast 75 Prozent der befragten Konsumenten weltweit schon heute bis zu drei Gesundheitsapps auf ihren Endgeräten installiert.“

Stefan Prasse: Der Markt an Gesundheits-, Notfall- oder Erste-Hilfe-Apps ist wahrlich unüberschaubar. Apps zur Smartphone-basierten Alarmierung von qualifizierten Ersthelfern, welche aus einer Leitstelle (112) heraus alarmiert werden, gibt es jedoch nur eine Handvoll.

Wie muss eine Notfall-App aussehen beziehungsweise aufgebaut sein, dass sie benutzerfreundlich und einfach zu handhaben ist?

Prasse: Der Begriff „Notfall-App“ ist ziemlich undefiniert. Meiner Erfahrung nach funktionieren Notfall-Apps deshalb nicht, weil Menschen, die sich plötzlich in einer Notsituation, also in einer für sie absoluten Ausnahmesituation, befinden, sich in ihrem Stress gerade einmal an die 112 erinnern können, aber sicher nicht daran denken, irgendeine App zu benutzen. Diese Apps sind zum Üben und zum Auffrischen von Wissen sicher interessant, aber nicht in einer akuten Notfallsituation. Die Mobile-Retter-App ist so einfach aufgebaut, dass die (professionellen) Mobilen Retter im Stress der Alarmierung die App gut bedienen können.

Huesman-Koecke: Dass das Thema Usability bei der App-Nutzung eine riesige Rolle spielt, beobachten wir auch in anderen Branchen und ist für die Nutzer heutzutage eine Selbstverständlichkeit. Eine App, in der niemand findet, was er sucht, fällt am Markt schnell durch. Bei Notfall-Apps stimme ich Herrn Prasse zu. In Ausnahmesituationen die richtige App aufzurufen, den vorliegenden Fall auszuwählen und dann auch zu tun, was die Technik sagt, sind viele Hürden. Trotzdem zeigt unsere aktuelle Befragung, dass eine grundsätzliche Bereitschaft zur Nutzung einer Notfall-App vor allem bei der jüngeren Zielgruppe durchaus besteht. Daher muss bei der Entwicklung solcher Apps unbedingt darauf geachtet werden, dass potenzielle Nutzer auch unter Druck gut mit ihr umgehen können. 

Glauben Sie, dass Apps den Ausgang einer Notfallsituation tatsächlich positiv beeinflussen können? Kostet das Aufrufen, Laden und so weiter der Anwendung nicht zu viel Zeit?

Prasse: Nein, an einen positiven Einfluss in einer Notfallsituation glaube ich nicht. Entweder ich beherrsche die Grundlagen der Ersten Hilfe wie zum Beispiel eine Reanimation, oder eben nicht. Natürlich kann eine App, wie schon ausgeführt, beim Auffrischen des Wissens unterstützen. In der Situation hilft dann aber eher der Leitstellendisponent, der mich bei der Reanimation per Telefon anleitet. So oder so: Um in einer Notfallsituation handlungsfähig zu sein, ist es absolut wichtig, dass jeder Bürger regelmäßig seine Erste-Hilfe-Kenntnisse auffrischt.

Kann eine Notfall-App einen Erste-Hilfe-Kurs ersetzen? Spielen technische Fähigkeiten in Zukunft dann vielleicht sogar eine größere Rolle als das Ausführen lebenserhaltender Maßnahmen?

Huesman-Koecke: In einer realen Notfallsituation werden lebenserhaltende Sofortmaßnahmen immer das A und O bleiben, davon bin ich überzeugt. Wer technisch affin ist, kann aber nichtsdestotrotz vorab zum Beispiel mit Hilfe von Apps oder anderen digitalen Anwendungen sein Erste-Hilfe-Wissen trainieren, um so für den Fall der Fälle handlungsfähig zu sein. Das Gute daran: Durch das regelmäßige Training bleibt das Erlernte präsent und liegt nicht lange zurück wie der Erste-Hilfe-Kurs bei vielen Bundesbürgern.

„Hier hat die Befragung ja gezeigt, dass der Erste-Hilfe-Kurs für mehr als die Hälfte der Befragten mindestens drei Jahre zurückliegt, für mehr als ein Viertel davon sogar über 20 Jahre.“

Prasse: Apropos Erste-Hilfe-Kurs: Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass ein Virtual-Reality-(VR)-Kurs in Zukunft einen physischen Erste-Hilfe-Kurs ersetzen kann, zumal der Übende hier freier in der Wahl seiner Zeit und den Wiederholungen ist. Darüber hinaus schafft VR eine realere Situation als es eine App kann. Aber in der Praxis ersetzt bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand nichts die fortlaufende physische Kompression des Brustkorbs des Patienten. Jeder sollte daher trotzdem mindestens einmal an einer echten Reanimationspuppe trainiert haben, um ein Gefühl für die benötigte Kraft bei der Kompression zu haben.

Die Befragung hat gezeigt, dass noch nicht viele Bundesbürger eine Notfall-App nutzen. Wie können mehr User für diese Anwendungen gewonnen werden?

Prasse: Es müssen Anreize zur Nutzung geschaffen werden, zum Beispiel durch spielerische Elemente wie eine Challenge, den Erwerb von Punkten oder ein Gefühl der Gemeinschaft. Für ein Training können solche Bausteine motivierend sein, die praktische Erfahrung kann dadurch aber nicht ersetzt werden.

Huesman-Koecke: Ein weiteres Ergebnis der Befragung ist, dass sich 58 Prozent der Deutschen bei einer Notfall-App vor allem eine Übersicht über Symptome wünschen, um echte Notfälle zu erkennen. Hier sticht vor allem die jüngere Zielgruppe mit hohen Zustimmungswerten heraus. Gleichzeitig sind es auch die 18- bis 39-Jährigen, die sich am häufigsten fehl am Platz gefühlt haben, wenn sie in der Notaufnahme waren. Diese Ergebnisse finde ich sehr spannend, da deutlich wird, dass ein Großteil der vor allem jüngeren Bevölkerung eine echte Notlage anscheinend nicht erkennt. Auch im Hinblick auf die Überlastung von Notaufnahmen müssen wir an diesem Punkt ansetzen und mit Aufklärungskampagnen sensibilisieren. Apps, in denen Notfallszenarien klar von anderen Situationen abgegrenzt werden, sind sicherlich ein zielführender erster Schritt.

Kommen wir zu Ihrer Anwendung: Wie sieht das App-Konzept des Mobile Retter e.V.s aus, und welche Erfolge konnte der Verein in den letzten Jahren verzeichnen? Gibt es vielleicht eine Erfolgsgeschichte, die besonders heraussticht?

Prasse: Wenn in der Leitstelle (112) ein Notruf über einen Herz-Kreislauf-Stillstand eingeht, alarmiert der Disponent den Rettungsdienst beziehungsweise Notarzt und parallel die Mobilen Retter. Das System ortet die nächsten Ersthelfer in der Nähe des Notfallorts, so dass diese in wenigen Minuten beim Patienten sind und lebenserhaltende Maßnahmen durchführen können, bis der Rettungsdienst eintrifft. Die über 15.000 registrierten Mobilen Retter konnten bereits nachweislich dutzenden Menschen das Leben retten, darunter zum Beispiel einer 42-Jährigen Mutter von zwei Kindern sowie einer Siebenjährigen, die in einen Pool gefallen war. Ähnliche Apps, die eine auf dem Smartphone basierte Alarmierung von qualifizierten Ersthelfern aus einer Leitstelle (112) heraus ermöglichen, gibt es nur eine Handvoll.

Das Konzept der App beruht auf Freiwilligkeit, sich als Mobiler Retter zu registrieren. Kaum zu glauben, dass ein solcher Ansatz angesichts der aktuellen Diskussion über Überlastungen, Effizienzen und Zentralisierung in der Notfallversorgung funktioniert. Ist das Engagement von Freiwilligen vielleicht ein blinder Fleck in der Diskussion?

Huesman-Koecke: Freiwilligkeit ist in anderen Bereichen ja schon heute eine wichtige gesellschaftliche Komponente, die aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken ist – Stichwort Ehrenämter und Vereinsengagement. In der Notfallversorgung ist sie sicherlich eine sinnvolle Ergänzung, und auch die Bereitschaft der Bundesbürger, hier selbst aktiv zu werden, ist gegeben. Immerhin 37 Prozent wären bereit, sich als Ersthelfer registrieren zu lassen, um via App bei Notfällen in der näheren Umgebung kontaktiert zu werden, und auch hier führen die 18- bis 39-Jährigen das Feld an. Für lediglich 19 Prozent käme weder die Nutzung einer solchen App noch die Registrierung als Ersthelfer infrage. Hier stechen vor allem die über 60-Jährigen mit 25 Prozent hervor.

Prasse: Bei dieser Frage sollte auch die Art und der Umfang der Freiwilligkeit berücksichtigt werden. Mobile Retter zum Beispiel sind nicht an irgendwelche Veranstaltungen, Dienstabende, Vereinstätigkeiten oder Ähnliches gebunden, und ein Einsatz dauert nur wenige Minuten. Die Bereitschaft, sich als Mobiler Retter zu registrieren, ist überall grundsätzlich sehr hoch. Die Kunst des Mobile-Retter-Systems ist es, diese Bereitschaft durch verschiedene Maßnahmen der Motivation und Bindung nachhaltig hoch zu halten.

Wenn wir jetzt mal an Public Health denken: Können solche Apps, die Menschen zu verschiedenen Themen der Gesundheitsbranche zusammenbringen, die sektorenübergreifende Abstimmung in der Branche erleichtern und helfen, sogenannte Gesundheitsregionen zu etablieren?

Huesman-Koecke: Ja, Apps sind sicherlich ein wertvolles Werkzeug, um den Austausch zu fördern und Wissen unkompliziert zugänglich zu machen.

„Damit aber eine wirkliche Gesundheitsregion, im Sinne einer koordinierten und gesteuerten Gesundheitsförderung und -versorgung innerhalb einer abgesteckten Region, etabliert werden kann, braucht es einen klaren Verantwortlichen, der die Vernetzung dann auch vorantreibt und die nötige Infrastruktur zur Verfügung stellt. Wenn das alles gegeben ist, sehe ich hier ein enormes Potenzial sowohl für eine sektorenübergreifende Kommunikation als auch für die Menschen, die in einer Gesundheitsregion leben und von einer passgenauen Versorgung profitieren.“

Die Sharing Economy hat schon den Hotelmarkt (siehe Airbnb) und die Taxibranche (siehe Uber) verändert. Spinnen wir den Gedanken weiter: Welchen Impact könnten Apps wie Mobile Retter auf das Gesundheitswesen haben?

Prasse: Allein die hohe Anzahl von Überlebenden – kalkuliert sind das bis zu 10.000 Personen jährlich bei flächendeckender Einführung in Deutschland – spricht Bände. Sie zeigt, dass Apps wie die Mobile Retter einen positiven Einfluss auf den Lebensverlauf und die -qualität nehmen. Damit einhergehend ergibt sich auch eine hohe ökonomische Auswirkung auf das Gesundheitswesen. Durch die deutlich geringere Zahl von Patienten, die nicht lange auf einer Intensivstation, in einer Reha-Einrichtung oder gar im Wachkoma liegen, werden Kosten und Ressourcen eingespart, die wiederum an anderer Stelle dringend benötigt werden.

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Michael Burkhart

Leiter Gesundheitswirtschaft und Managing Partner Region Mitte, PwC Germany

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Sevilay Huesman-Koecke

Head of Business Development, PwC Germany

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