Interview: „Die Überlastung der Notaufnahmen zeigt sich nicht direkt in Qualitätseinbußen – noch nicht.“

18 November, 2019

Ein Interview mit Michael Burkhart. Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) hat die Bevölkerung in Deutschland zu ihren Erfahrungen mit Notaufnahmen an Krankenhäusern befragt.

Bei der repräsentativen Befragung ging es auch um ihre Einstellung zu Telemedizin und Gesundheitsapps. Im Gespräch erläutert Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC, die wichtigsten Ergebnisse.

Herr Burkhart, Notaufnahmen gelten als chronisch überlastet. Stützen die Ergebnisse Ihrer Studie diesen Befund?

Ja, eine große Mehrheit der Umfrageteilnehmer hat diesen Eindruck, insbesondere beim ärztlichen Personal. Interessant ist, dass die älteren Menschen die Notaufnahmen viel häufiger als überlastet empfinden als die jüngeren. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass mit dem Alter die Wahrscheinlichkeit steigt, tatsächlich schon einmal mit einer Notaufnahme in Kontakt zu kommen, ob als Patient oder Begleitperson. 

Andererseits suchen die Jüngeren die Notaufnahmen deutlich häufiger auf. Ein Widerspruch?

Nur scheinbar. Denn die Jüngeren haben häufig auch das Gefühl, dort fehl am Platz zu sein.

„Für mich ist das ein klares Indiz, dass vor allem die junge Generation zwischen 18 und 29 Jahren oft nicht richtig einschätzen kann, wann sie 'krank genug' ist für die Notaufnahme.“

Kann es nicht noch andere Gründe für das Aufsuchen der Notaufnahme geben?

Verbreitet ist die Annahme, dass Patienten in die Notaufnahme gehen, weil ihnen die Wartezeit auf einen Termin beim Haus- oder Facharzt zu lang ist. Dies hat in unserer Studie allerdings nur etwa jeder Fünfte angegeben – und hier ebenfalls deutlich häufiger die Jüngeren. 

Wie erklären Sie sich das?

Die junge Generation ist mit dem Internet aufgewachsen. Viele Services sind „on demand“ verfügbar, also immer dann, wenn sie es wünschen, rund um die Uhr. Ich denke, dass sie diese Erwartung tendenziell auch auf das Gesundheitswesen übertragen. Es gibt aber noch einen zweiten Aspekt …

Wie lautet der?

Die Verfügbarkeit aller Fachärzte und medizinischen Geräte an einem Ort. Diesen Grund für den Besuch der Notaufnahme nannten die Jüngeren signifikant häufiger als die anderen Altersgruppen. Es gibt also das Bedürfnis nach schneller, aber auch nach umfassender Versorgung.

Wie steht es denn um deren Qualität? Leidet sie unter der Überlastung?

Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Unserer Umfrage zufolge sind mehr als drei Viertel der Teilnehmer mit der Versorgungsqualität zufrieden.

„Die Überlastung zeigt sich also nicht direkt in Qualitätseinbußen – meiner Ansicht nach noch nicht. Für die Notaufnahmen gilt, wie für das Gesundheitswesen in Deutschland insgesamt: Noch ist die Versorgung auch im internationalen Vergleich sehr gut, aber es droht ein schleichender Qualitätsverlust.“

An Reformvorschlägen mangelt es ja insbesondere bei den Kliniken nicht. Ein Vorschlag lautet, kleinere Kliniken zu schließen und die Versorgung an größeren Standorten zu bündeln. Bereitet das den Menschen Sorge?

Durchaus. Etwa drei Viertel der Umfrageteilnehmer befürchten, im Notfall nicht rechtzeitig versorgt zu werden, wenn Kliniken weiter entfernt sind. Es sei denn, es gibt andere Angebote.

Welche können das sein?

Hier spielen der ärztliche Bereitschaftsdienst und Notärzte die größte Rolle. Wenn sichergestellt wäre, dass diese Angebote bei Bedarf schnell genug vor Ort wären, wären die Menschen unbesorgt – und also offen für Reformen. 

Diskutiert werden immer wieder auch Möglichkeiten, um die Notaufnahmen zu entlasten. Welche sind die wichtigsten?

Große Zustimmung erhielt die Idee einer gemeinsamen Notfallleitstelle der Rufnummern 112 und 116 117, die für die Patienten die erste Anlaufstelle wäre und sie weitervermittelt, an den Rettungsdienst, ein Notfallzentrum oder eine Arztpraxis. Auch integrierte Notfallzentren an bestimmten Kliniken, die gehfähige Patienten an die richtige Stelle vermitteln, erhielten viel Zuspruch. 

Sogenannte Portalpraxen gelten ebenfalls als Alternative. Was verbirgt sich genau dahinter und was halten Sie davon?

Portalpraxen sind Bereitschaftsdienstpraxen, die rund um die Uhr geöffnet und direkt an Notaufnahmen angegliedert sind.

„Diese Idee fanden auch mehr als neun von zehn Befragten sinnvoll. Meiner Meinung nach bieten sie den Vorteil, dass sie eine zentrale, feste Anlaufstelle für Patienten sind – das gibt Sicherheit. Beim ärztlichen Notdienst wechselt das Personal ja zwangsweise häufig.“

Wie steht es denn um „smarte“ Alternativen? Zu denken ist etwa an Notfall- oder Erste-Hilfe-Apps.

Verbreitet sind solche Apps noch kaum. Allerdings ist die Bereitschaft, solche Anwendungen künftig zu nutzen, sehr groß. Das zeigt für mich das große Potenzial, das in solchen Technologien steckt. Sie werden den Arzt natürlich nicht ersetzen, können aber eine sinnvolle Ergänzung sein. 

Können Sie ein Beispiel geben?

Erste-Hilfe-Apps geben zum Beispiel Anleitungen zur Herzdruckmassage oder unterstützen das Manöver, indem sie den Rhythmus vorgeben. Und etwa sieben von zehn Befragten fanden die Idee einer Ersthelfer-App sehr gut. 

Was steckt dahinter?

Bei solchen Apps können sich Menschen als Ersthelfer registrieren. Kommt es zu einem Notfall, werden die Ersthelfer in der Nähe verständigt und können sehr schnell vor Ort sein. Das ist ja bei Notfällen entscheidend.

„Auffällig ist aber, dass die Bereitschaft, sich tatsächlich als Ersthelfer zu registrieren, recht gering ausgeprägt ist – nur etwa 46 Prozent würden dies tun.“

Woran liegt das Ihrer Meinung nach? 

Ein Aspekt ist sicherlich, dass die Vorstellung, tatsächlich als Ersthelfer eingreifen zu müssen, viele Menschen verunsichert – zumal entsprechende Kurse in vielen Fällen schon lange, zu lange zurückliegen: Bei knapp 40 Prozent der Umfrageteilnehmer zwischen drei und 20 Jahre, bei mehr als einem Viertel ist der letzte Kurs länger als 20 Jahre her – und elf Prozent haben noch nie einen Erste-Hilfe-Kurs besucht.

Weitere Interviews

Vom Notfall zur Versorgung: Die Herausforderungen des deutschen Rettungsdienstes im Zeitalter der Digitalisierung

Ein Interview mit Prof. Dr. Jan-Thorsten Gräsner, Dr. med. Stephan Prückner und Michael Burkhart. Im globalen Vergleich ist der deutsche Rettungsdienst sehr gut aufgestellt. Im Zeitalter der Digitalisierung gilt es jedoch, die Chancen und Herausforderungen für die medizinische Notfallversorgung rechtzeitig zu erkennen und strategische Lösungsansätze zu entwickeln – sowohl für Krankenhäuser als auch für den einzelnen Bürger. Im Interview beantworten die Gesundheitsxperten zentrale Fragen rund um das Thema Notfallversorgung.

Mehr erfahren

Digitale Anwendungen für den medizinischen Notfall? – Das Potential von Gesundheitsapps

Ein Interview mit Sevilay Huesman-Koecke und Stefan Prasse. Mit diversen Gesundheitsapps sind viele Bürger bereits vertraut. Zu diesen Apps zählen beispielsweise digitale Schrittzähler und Ernährungstagebücher. Doch welches Potential haben Gesundheitsapps im Rahmen der medizinischen Notfallversorgung in Deutschland? Die Antwort und Weiteres zum Thema erfahren Sie im Interview mit der Gesundheitsexpertin und dem Gesundheitsexperten.

Mehr erfahren

Contact us

Michael Burkhart

Leiter Gesundheitswirtschaft und Managing Partner Region Mitte, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-0

Sevilay Huesman-Koecke

Head of Business Development, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-3675

Follow us