Digitaler Palettenschein in der Blockchain

06 Dezember, 2018

Erfolgreiches Pilotprojekt: Blockchain kann die Zettelwirtschaft beim Palettentausch beenden

In Europa sind über 500 Millionen Europaletten im Wert von rund 2,5 Milliarden Euro im Einsatz. Beim Tausch dieser Paletten musste bisher nahezu alles papierbasiert und manuell dokumentiert werden – circa 150 Millionen Transaktionen im Jahr, durch doppelte Kontenführung circa 300 Millionen Vorgänge. In einem Pilotprojekt wollten rund 35 Unternehmen aus Handel, Industrie, Logistik, IT, Gründerszene, Verbänden und Wissenschaft herausfinden, ob sich diese Zettelwirtschaft durch den Einsatz der Blockchain-Technologie beenden lässt.  

Im Verbund mit dem Kernteam um GS1 Germany, PwC und SAP gelang im Laufe des Jahres 2018 der Aufbau und Test einer dezentralen Datenbank für den Palettentausch – mit echten Daten, echten Mitarbeitern und echten Lieferketten. Der einjährige, bundesweit größte unternehmensübergreifende Blockchain-Pilot zeigte: Ja, Blockchain kann die Zettelwirtschaft beim Palettentausch ersetzen – unter bestimmten Voraussetzungen. 

Ziele des Pilotprojekts

Mit der Durchführung eines realitätsnahen Praxistests wurde die Blockchain am Beispiel des Palettentauschprozesses mit standardisiertem Palettenschein erprobt. Das Ziel: die händische Dokumentation zu digitalisieren. Dafür wurde ein Geschäftspartner-Netzwerk für den Palettentausch aufgebaut und unter realen Bedingungen getestet. Die Projektteilnehmer konnten so die benötigten technischen Anforderungen validieren sowie Vorteile, Nachteile, Sicherheit und Nutzen der Lösung evaluieren.  

Der Palettentauschprozess 

Die Phasen des Projekts

Im ersten Schritt haben die Projektpartner den Anwendungsfall untersucht. Anhand eines gemeinsamen Prozessmodells wurden die Anforderungen aufgenommen und mit echten Nutzern validiert. Anschließend wurde die Lösungsarchitektur definiert und ein erster "Low-Fidelity" Prototyp entwickelt und getestet. In weiteren Schritten wurde der Prototyp immer schärfer aufgelöst und dann in einer Simulationsumgebung umgesetzt. Parallel zur Lösungsentwicklung wurden Themen, die zur Steuerung des produktiven Betriebs benötigt werden, vertieft. Hierzu zählen zum Beispiel rechtliche Fragen und die Governance der Lösung.

In der Testphase führten die Projektmitglieder den Palettentauschprozess innerhalb realer Lieferketten durch und bildeten ihn mit einer App auf einer Blockchain ab. 17 Teilnehmer mit insgesamt 20 Lagerstandorten erprobten die Lösung im realen Tagesgeschäft. Innerhalb von zwei Wochen wurden so rund 600 reale Transaktionen durchgeführt.

So sieht der Prototyp aus

Der Prototyp bestand aus drei Komponenten:

  1. Das Projektteam entwickelte eine App für Personen, die den Tauschprozess an der Laderampe durchführen: Mitarbeiter im Lager oder im Werk sowie Fahrer.
  2. Mitarbeitende im Bereich der Belegabwicklung erhielten Zugriff auf ein Paletten-Portal, in dem alle Transaktionen des eigenen Unternehmens abgebildet wurden. Dort konnten sie außerdem dezentral Einblick in die Paletten-Kontostände nehmen.
  3. Die Blockchain selber wurde auf der Multichain Plattform umgesetzt. In ihr wurden mittels GS1 Standards alle Transaktionen und Korrekturen gespeichert. Das Testnetzwerk bestand aus insgesamt 13 Knoten.

„Die zugrundeliegende Distributed Ledger-Technologie besitzt den Vorteil, dass Unternehmen ihre Daten in dezentrale Transaktionsdatenbanken geben und sie nicht einer einzigen zentralen Instanz anvertrauen müssen. Das hilft, Vorbehalte ab- und Vertrauen aufzubauen.“

Eric Stettiner Director und Experte für Enterprise Architecture bei PwC Deutschland

Der Mehrwert

Am Ende des Projekts stand die Auswertung. Dafür konsolidierten die Projektteilnehmer die Ergebnisse und leiteten daraus Handlungsempfehlungen ab. Der Test hat gezeigt: Eine digitale Lösung funktioniert branchenübergreifend. Sie bringt Effizienzgewinne, insbesondere im administrativen Bereich. Die Kontenabstimmung wird vereinfacht und die Saldenberechnung automatisiert. Zudem erleichtert die Lösung die Tätigkeiten an der Laderampe und im Arbeitsalltag.

Nicht zuletzt fungiert die Blockchain-Technologie als Katalysator für Kooperationen: Die Partner entlang der Lieferkette haben durch das Projekt besser und intensiver zusammengearbeitet. Und sie haben auf allen Ebenen dazugelernt: über das Thema Blockchain, ihre eigenen unternehmensinternen Prozesse, ihre Supply-Chain-Partner, den offenen Palettentausch bis hin zu neuen Formen der virtuellen Kollaboration.

Die Hürden

Bei der Inbetriebnahme hatten einige Teilnehmer Anfangsschwierigkeiten. Im Betrieb stellten sich jedoch keine größeren, technischen Probleme ein – lediglich kleinere Schwierigkeiten, die für Prototypen charakteristisch sind. Auslöser für diese Probleme waren meist infrastruktureller Art, etwa eine schlechte Internetverbindung.

Die Wartezeiten beim Speichern der Transaktionsdaten waren teilweise zu lang. In der Zukunft gilt es, Performance und Geschwindigkeit entsprechend zu steigern. Bei der weiterführenden Implementierung müssen die Unternehmen auch darauf achten, die Betriebssicherheit in der operativen Bedienung zu erhöhen.

Handlungsempfehlungen und Praxistipps 

  • Anwendungsfall kommt vor Technologie:
    Vor dem Start eines Blockchain-Projekts gilt es, kritisch zu prüfen, ob die digitale Technologie für den geplanten Anwendungsfall überhaupt Sinn ergibt.
  • Blockchain ist kein Plug and Play:
    Damit die Lösung in Zukunft wirklich funktioniert und Nutzen bringt, müssen die Verantwortlichen den Bedarf der späteren Nutzer im Vorfeld genau analysieren.
  • Governance ist entscheidend:
    Nur mit festen Regeln gelingt die Umsetzung. Dazu gehören unter anderem die Festlegung von Teilnahmeregeln sowie von Lese- und Schreibrechten, die Initiierung eines Unternehmensnetzwerks und letztlich auch die Finanzierung.
  • IT muss kein Kostentreiber sein:
    Die Aufwendungen für Hard- und Software sind überschaubar. Die eigentlichen Kosten entstehen durch den Abstimmungsaufwand und die Definition geeigneter Schnittstellen sowie gemeinsamer Standards.
  • Datenverfügbarkeit und Datenqualität als Basis:
    Distributed-Ledger ist kein Heilmittel für schlechte Daten. Ohne korrekte und vollständige Informationen stiftet der Einsatz von Blockchain keinen Mehrwert.
  • Testlauf kommt vor Tagesgeschäft:
    Vor dem konkreten Einsatz müssen Unternehmen die Blockchain im Rahmen von Pilotprojekten intensiv testen und Praxiserfahrungen sammeln.

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