In bester Verfassung? Familienunternehmen verkennen die Bedeutung einer Familienverfassung für den Unternehmenserfolg

  • Pressemitteilung
  • 08 Jul 2026

Nur 36 Prozent der Familienunternehmen verfügen über eine Familienverfassung, weitere 23 planen eine / 87 Prozent erwarten davon mehr Zusammenhalt und Identifikation mit dem Unternehmen / 29 Prozent verzeichnen dadurch höhere Gewinne / Regelungslücken gibt es trotz existierender Verfassung

Frankfurt, 8. Juli 2026

Sie ist wie ein Kompass, der Unternehmerfamilien auch durch schwere Zeiten leitet, Streitigkeiten vorbeugt und Generationen verbindet: die Familienverfassung. In der unternehmerischen Praxis in Deutschland wird das anerkannt – mit 59 Prozent hält die Mehrheit der Familienunternehmen sie für sinnvoll. Doch nur 36 Prozent der Familienunternehmen verfügen über ein solches Regelwerk, weitere 23 Prozent planen die Erarbeitung. Gerade größere und ältere Familienunternehmen mit verzweigten Gesellschafterkreisen profitieren von einer Familienverfassung. Sie versprechen sich davon vor allem eine Professionalisierung ihrer Inhaberschaft und einen stärkeren Zusammenhalt der Inhaberfamilie. Wirtschaftliche Beweggründe spielen dagegen kaum eine Rolle. Das sind zentrale Ergebnisse der Studie „In bester Verfassung – die Familienverfassung im Familienunternehmen“, herausgegeben von der INTES Akademie für Familienunternehmen gemeinsam mit der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland und der INTES Stiftungsprofessur für Unternehmerfamilien und Familienunternehmen an der Digital Business University of Applied Sciences (DBU). In der Studie geben 175 deutsche Familienunternehmen Auskunft, wie sie zu einer Familienverfassung stehen.

Merckle setzt auf sie, ebenso wie Heraeus, Messer, ELA oder Goldbeck – viele traditionsreiche deutschen Familienunternehmen haben eine Familienverfassung erarbeitet. Mit dem Dokument regeln Inhaberfamilien die komplizierten Verhältnisse zwischen Eigentümerfamilie und operativem Geschäft, den Umgang untereinander und die Vorstellungen der Inhaberfamilie zur strategischen Ausrichtung sowie zur Governance ihres Unternehmens. Eine Familienverfassung hat keine rechtliche, aber eine starke moralische Verbindlichkeit. Sie kann Grundlage für die Ausgestaltung rechtsverbindlicher Regelungen sein.

Eine Familienverfassung soll Zusammenhalt und Frieden sichern

Unternehmerfamilien mit Verfassung berichten von einem stärkeren Familienzusammenhalt (72 Prozent), einer besseren Führungs- und Kontrollstruktur (66 Prozent) und Frieden und Stabilität im Gesellschafterkreis (61 Prozent).

„Familienverfassungen sind für viele Unternehmerfamilien fester Bestandteil einer guten Family Business Governance. Und das zu Recht: Sie sind das Fundament für den langfristigen Erfolg von Familienunternehmen, weil sie Klarheit schaffen und eine konstruktive Zusammenarbeit fördern.“

Britta Wormuth,Geschäftsführerin von INTES

Dass eine Familienverfassung nicht geeignet ist, um eine akute Krise zu lösen, ist Unternehmerfamilien bewusst. Sie verfolgen mit einer Familienverfassung vielmehr das Ziel, ihre Inhaberschaft zu professionalisieren, wie 70 Prozent bestätigen. Der Impuls zur Erarbeitung kommt folgerichtig auch fast immer aus dem Gesellschafter-Kreis. 

53 Prozent der Familienunternehmen ohne Verfassung sehen dafür keine Notwendigkeit. „Das kann ausgesprochen riskant sein, gerade dann, wenn der Gesellschafterkreis wächst und die Verbundenheit mit dem Unternehmen schwindet“, warnt Britta Wormuth. Die Gefahr ist real – die Studie zeigt, dass Befragte ohne Familienverfassung deutlich unzufriedener mit den Regelungen in ihrem Unternehmen sind als die mit Verfassung: 25 versus 74 Prozent.

Das Erfolgsgeheimnis: die gemeinsame Erarbeitung des Regelwerks

Ein Grund dafür mag sein, dass die Erarbeitung einer Familienverfassung auch unausgesprochene Erwartungen, Interessen und Spannungen zutage fördert und den Umgang damit bdurch die Erarbeitung von Regeln klärt. Deshalb ist es auch so wichtig, dass alle Beteiligten aktiv an dem Prozess mitarbeiten und ihre individuelle Familienverfassung erstellen.

„Das Geheimnis einer wirkmächtigen Familienverfassung liegt im Prozess ihrer Erarbeitung, nicht allein in dem Dokument. Erst im Prozess entsteht der gruppendynamische Impact.“

Catharina Prym,Leiterin Family Governance Conulting bei PwC Deutschland

Unternehmen ohne Verfassung haben hohen Änderungsbedarf

Bei aller Individualität einer Familienverfassung sind bestimmte Elemente in der Regel immer enthalten. Dazu zählen Werte und Ziele für die Familie (97 Prozent) oder die Zugehörigkeit zum Gesellschafterkreis (94 Prozent). Familienunternehmen ohne Verfassung verfügen zwar auch über Regelwerke - diese konzentrieren sich aber auf rechtliche und finanzielle Fragen, etwa die Rechte und Pflichten der Gesellschafter. „Diese formalen Aspekte allein entfalten jedoch nicht die Bindungskraft, das gemeinsame Abwägen und Ringen um die beste Lösung tut das“, schildert Catharina Prym. Anpassungsbedarf und Regelungslücken bei ihren Dokumenten sehen Familienunternehmen ohne Verfassung insbesondere in der Frage der Nachfolge im Krisenfall, wie 53 Prozent bestätigen und bei der Gesellschafterkompetenz (54 Prozent).

Einige Regelungslücken zeigen sich allerdings auch in Unternehmen mit einer Familienverfassung, wenn auch in geringerem Umfang: Das betrifft insbesondere die Verteilung des Unternehmensgewinns, in der 30 Prozent Änderungsbedarf sehen, und das Ausscheiden der Gesellschafter (26 Prozent). „In diesen Punkten müssen Familienunternehmen mit Verfassung auch nachjustieren“, fordert Prof. Dr. Alexander Koeberle-Schmid, INTES Stiftungsprofessor für Unternehmerfamilien und Familienunternehmen an der DBU.

„Gerade wenn Dividenden ausbleiben und Gesellschafter aus dem Unternehmen ausscheiden wollen, zeigt sich, ob die Familienverfassung wirklich tragfähig ist. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten werden genau diese Fragen existenziell für den Zusammenhalt der Unternehmerfamilie und die Stabilität des Unternehmens.“

Prof. Dr. Alexander Koeberle-Schmid,INTES Stiftungsprofessor für Unternehmerfamilien und Familienunternehmen an der DBU

Knapp die Hälfte will künftig eine Familienverfassung erstellen

Daher möchten 45 Prozent der Familienunternehmen, die bislang noch über keine Familienverfassung verfügen, in den kommenden fünf Jahren dieses Governance-Instrument erstellen. Weitere 20 Prozent planen, diese zu einem späteren Zeitpunkt zu erarbeiten. Bestärken dürfte sie in ihrer Planung, dass sich das auch in ökonomischer Hinsicht auszahlt: 29 Prozent stellen einen gesteigerten wirtschaftlichen Erfolg fest; außerdem zeigt sich, dass Familienunternehmen mit Verfassung etwas schneller wachsen (47 versus 40 Prozent). „Doch wirtschaftlicher Erfolg ist selten die direkte Wirkung einer Familienverfassung. Sie schafft gemeinsame Orientierung in der Unternehmerfamilie und baut Vertrauen auf, um auch in schwierigen Zeiten entscheidungsfähig zu bleiben. Erst auf dieser Grundlage kann eine nachhaltige Unternehmensstrategie entstehen und dadurch wirtschaftlicher Erfolg“, bilanziert Alexander Koeberle-Schmid.

Über die Studie:

Für die Studie „In bester Verfassung – die Familienverfassung im Familienunternehmen“ wurden 175 Familienunternehmen befragt, darunter 36 Prozent mit einer Familienverfassung. Die Studie wurde von der INTES Akademie für Familienunternehmen gemeinsam mit der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland und der INTES Stiftungsprofessur für Unternehmerfamilien und Familienunternehmen an der Digital Business University of Applied Sciences (DBU) herausgegeben.

PwC-Studie

In bester Verfassung – die Familienverfassung im Familienunternehmen

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Corinna Freudig
Corinna Freudig

Branchen & Märkte, PwC Germany

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