3 Fragen an Susann van der Ham, Tax and Legal Solutions Markets Lead bei PwC Deutschland
Wie können Unternehmen Ertragspotenziale aus Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz (KI) realisieren, obwohl viele noch keine direkten Vorteile erkennen?
Susann van der Ham: Viele Unternehmen sehen aktuell noch keine unmittelbaren Umsatz- oder Kostenvorteile durch KI. Laut unserer Umfrage geben sogar 56 % der CEOs an, derzeit keine direkten Vorteile durch KI zu erkennen. Dennoch verändern digitale Technologien die Anforderungen an Steuer- und Rechtsfunktionen grundlegend. Dabei ist es besonders wichtig, Daten, geistiges Eigentum sowie Personal- und Gewinnverteilungsmodelle transparent, robust und rechtskonform zu gestalten – gerade angesichts verstärkter Prüfungen durch Steuerbehörden.
Laut der CEO-Survey expandiert eine wachsende Zahl von Unternehmen in neue Sektoren, was zu einer Zunahme branchenübergreifender Fusionen und Übernahmen führt. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für Unternehmen, und worauf müssen sie achten?
Susann van der Ham: Unternehmen, die in neue Sektoren expandieren oder branchenübergreifende M&A-Transaktionen durchführen, stehen vor komplexen Aufgaben. Entscheidend ist es, frühzeitig geeignete Unternehmensstrukturen, Geschäftsmodelle und Anreizsysteme zu etablieren und gleichzeitig die regulatorischen Anforderungen umfassend zu berücksichtigen. Insbesondere digitale Geschäftsmodelle bringen besondere Herausforderungen mit sich, wie die korrekte Bewertung immaterieller Vermögenswerte wie geistigem Eigentum, die Anpassung von Verrechnungspreisen und die Minimierung von Betriebsstättenrisiken.
29 % der Unternehmen erwarten, dass Zölle ihre Nettomargen deutlich belasten. Wie können Unternehmen angesichts zunehmender Unsicherheiten ihre Wertschöpfung schützen?
Susann van der Ham: Da Zölle immer stärker Lieferketten neugestalten, müssen Entscheidungen zu Zoll, Verrechnungspreisen und Beschaffung strategisch und vorausschauend getroffen werden – allein reaktive Maßnahmen reichen nicht mehr aus. Um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, sind proaktive und integrierte Strategien unverzichtbar. Die Basis dafür bilden eine fundierte Marktanalyse, eine optimierte Lieferkettenstruktur sowie das kontinuierliche Monitoring geopolitischer und handelspolitischer Entwicklungen. Digitale Systeme zur Abbildung von Zoll- und Handelsprozessen sowie spezialisierte fachliche Expertise können dabei unterstützen, regulatorische Anforderungen konsistent umzusetzen und Transparenz über zollrelevante Entscheidungen zu schaffen. So können Unternehmen flexibel auf sich wandelnde handelspolitische Rahmenbedingungen – etwa in den USA – reagieren, Risiken minimieren und neue Chancen im globalen Handel effektiv nutzen. Ein besonders vielversprechendes Beispiel hierfür ist das am 27. Januar 2026 nach langen Verhandlungen zwischen der EU und Indien abgeschlossene umfassende Freihandelsabkommen. Dieses Abkommen wird bis 2032 die EU-Warenausfuhren durch Zollsenkungen auf über 96 % der Waren verdoppeln. Es stellt eine der weitreichendsten Marktöffnungen Indiens dar, vereinfacht den Handel erheblich, senkt Zölle, beispielsweise auf Autos, und verbessert den Marktzugang für Dienstleistungen. Unternehmen können somit von deutlich reduzierten Handelshemmnissen profitieren, ihre Lieferketten effizienter gestalten und neue Absatzmärkte in Indien erschließen. Die Kombination aus vorausschauender Zollstrategie und solchen Handelsabkommen eröffnet damit erhebliche Wachstumspotenziale und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit im globalen Handel.