Skip to content Skip to footer
Suche

Ergebnisse werden geladen

Interview: Sechs von zehn Bürgern glauben, dass Deutschland noch lange mit der Pandemie leben muss

10 Februar, 2021

Ein Interview mit Michael Burkhart und Sevilay Huesman-Koecke. Wie bewerten die Bürger das deutsche Gesundheitssystem? Wie bewältigt es aus ihrer Sicht die COVID-19-Pandemie? Wie zufrieden sind die Patienten mit der medizinischen Versorgung, mit Krankenversicherung und Krankenhaus? Antworten gibt das „Healthcare-Barometer 2021“, für das PwC bereits zum

siebten Mal 1.000 Bürgerinnen und Bürger befragt hat. Wie sie die Ergebnisse bewerten und welche Trends sich daraus ablesen lassen, erklären Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft, und Sevilay Huesman-Koecke, International Director und Head of Business Development Gesundheitswirtschaft, im Interview.

Sie veröffentlichen das Healthcare-Barometer bereits seit 2014 – einen solch sprunghaften Anstieg in der Zufriedenheit der Bürger mit dem deutschen Gesundheitssystem hat es in den vergangenen sieben Jahren nicht gegeben. Wie erklären Sie sich die neue Wertschätzung für das System?

Michael Burkhart: Dieser Anstieg hat auch uns überrascht – um 20 Prozentpunkte ist die Zahl derjenigen gewachsen, die das deutsche Gesundheitswesen zu den drei besten der Welt zählen. Inzwischen drücken fast drei Viertel der Versicherten ihre Anerkennung für unser Gesundheitssystem aus. Noch vor einem Jahr war dieser Wert auf einem Allzeittief von rund 50 Prozent. Aus meiner Sicht erkennen die Bürger an, dass Deutschland im internationalen Vergleich recht gut durch die COVID-19-Pandemie gekommen ist. Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern hatten wir keine bedrohliche Knappheit bei Beatmungsgeräten und Intensivbetten in Kliniken. Die mediale Berichterstattung über die Krise ermöglicht es den Deutschen erstmalig von zu Hause aus, Vergleiche zum Gesundheitssystem anderer Länder zu ziehen.

Die Fernsehbilder aus Italien und den USA etwa sind vielen sicher in Erinnerung geblieben. Auch international bekommen wir Anerkennung für die Bewältigung der Krise: Von der „German Exception“ schrieb beispielsweise die New York Times im Frühjahr 2020.

Dennoch ist die Pandemie auch für das deutsche Gesundheitssystem eine enorme Herausforderung. Wo sehen Sie die Schwächen des Systems?

Burkhart: Die Krise legt die Stärken und Schwachstellen unseres Gesundheitssystems offen. Sie zeigt vor allem, wie gravierend der Fachkräftemangel unter Pflegekräften und Ärzten ist, auf den wir seit langem hinweisen. Die Folgen des Pflegenotstands sind während der COVID-19-Pandemie deutlich zutage getreten, viele Arbeitnehmer hat das an ihre Grenzen gebracht. Schwächen unseres Gesundheitssystems sehen wir auch in der zögerlichen Digitalisierung Deutschlands. Die medizinische Behandlung während der Pandemie wäre deutlich leichter, gerade auch für Patienten in ländlichen Räumen, wenn sich Videosprechstunden und E-Rezepte bereits etabliert hätten. Wir müssen aber auch anerkennen, dass unser Gesundheitswesen in diesem Punkt während der Krise enorm aufgeholt hat.

Die COVID-19-Pandemie mit aktuellen Lockdown-Regelungen verlangt den Bürgern einiges ab. Schlägt sich das auch in den Zahlen Ihres Healthcare-Barometers nieder?

Sevilay Huesman-Koecke: Trotz aller Einschränkungen, mit denen die Deutschen leben müssen, unterstützt die Mehrheit den derzeitigen Kurs der Bundesregierung. Die Bürger positionieren sich klar: Der Gesundheitsschutz hat Vorrang vor wirtschaftlichen Erwägungen, sagen zwei Drittel der Befragten. Natürlich gibt es auch die berechtigte Angst vor wirtschaftlichen Einbußen und einer Rezession. Dennoch plädieren die Versicherten dafür, dass die Regierung ihre Anstrengungen auf das Thema Gesundheit konzentrieren soll. Entsprechend folgt die Mehrheit auch der aktuellen Impfstrategie der Bundesregierung, nach der Arbeitnehmer aus systemrelevanten Berufen wie Ärzte und Pflege und ältere Menschen mit hohem Krankheitsrisiko zuerst geimpft werden sollen. Das bestätigen jeweils rund 60 Prozent der Befragten.

Allerdings glauben die Bürger nicht daran, dass sich der Alltag trotz Impfung schnell wieder normalisieren lässt – 62 Prozent gehen davon aus, dass wir noch lange mit Einschränkungen werden leben müssen.

Deutsche Unternehmen haben bei der Entwicklung des Impfstoffs eine führende Rolle übernommen. Verändert dieser Erfolg die Wahrnehmung der Pharmabranche?

Huesman-Koecke: Ja, ganz eindeutig. Wir haben bereits in den vergangenen Jahren beobachtet, dass sich das Image der Branche allmählich wandelt und die Bevölkerung durchaus den Beitrag sieht, den Pharmaunternehmen zur Krankheitsbekämpfung leisten. Im Jahr der COVID-19-Pandemie verzeichnen die Unternehmen einen großen Imagegewinn: Der Wert derer, die Pharmaunternehmen als Innovatoren ansehen, hat sich gegenüber der Vorjahresbefragung nahezu von 19 auf 35 Prozent verdoppelt. Gleichzeitig sind die Stimmen derer leiser geworden, die der Branche vorwerfen, dass sie allein auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist. Entsprechend erwarten die Versicherten, dass die Unternehmen neue, innovative Produkte zur Krankheitsbekämpfung auf den Markt bringen. Ein günstiger Preis, etwa durch Nachahmer-Medikamente, spielt dagegen eine untergeordnete Rolle.

Ihre Studie belegt, dass das Jahr der COVID-19-Pandemie auch der deutschen Krankenhauslandschaft einen Imagegewinn gebracht hat. Wie bewerten Sie das?

Burkhart: Zu Recht, finde ich. Die Krankenhäuser leisten Enormes im Kampf gegen das Virus und das erkennen die Versicherten an. Knapp drei Viertel der Bürger bewerten die medizinische Versorgung im Krankenhaus als gut oder sehr gut – in der Vorjahresbefragung stimmte nur die Hälfte dieser Aussage zum Krankenhaus zu.

Die Krise hat uns aber auch gezeigt, dass das System Krankenhaus mit seinem Finanzierungsmodell an eine Grenze kommt und wir dringend Überlegungen zur grundlegenden Neustrukturierung der Finanzierung von Kliniken brauchen.

Auch den Krankenkassen drohen hohe Defizite durch die Mehrkosten während der Pandemie. Erste gesetzliche Krankenkassen haben die Erhöhung ihres Zusatzbeitrags angekündigt. Schadet diese Entwicklung dem Image der gesetzlichen Krankenversicherung?

Huesman-Koecke: Diesen Trend können wir im aktuellen Healthcare-Barometer 2021 noch nicht beobachten – die Zufriedenheit mit den gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und der privaten Krankenversicherung (PKV) ist ungebrochen hoch. Ebenso wie in der Vorjahresbefragung bezeichnen sich 88 Prozent der gesetzlich und privat Versicherten als zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer Krankenkasse. Ebenso viele Versicherte bestätigen, dass alle relevanten medizinischen Leistungen von der Krankenversicherung übernommen werden. In diesem Punkt stellen wir einen kleinen Unterschied zwischen den gesetzlichen Krankenkassen und der privaten Krankenversicherung fest: Gesetzlich Versicherte sind mit der Leistungsgewährung etwas unzufriedener als privat Versicherte – 87 (GKV) gegenüber 93 Prozent (PKV).

Die Studie zeigt einen klaren Aufwärtstrend in vielen Segmenten des Gesundheitswesens. Gibt es gar keine Kritikpunkte an unserem Gesundheitssystem?

Burkhart: Die Befragten bemängeln einen Punkt an unserem Gesundheitswesen, und ich könnte mir vorstellen, dass die Kritik daran in den kommenden Jahren lauter wird. Die Bürger wünschen sich, dass das Gesundheitswesen mehr in die Vorbeugung von Krankheiten investiert statt allein in die Heilung. Wenn es ein zusätzliches Budget gebe, sollten davon 55 Prozent in Prävention und nur 45 Prozent in die Heilung fließen, fordern die Befragten.

Das steht in Widerspruch zu unserem derzeitigen Gesundheitssystem, das trotz des Präventionsgesetzes noch immer einen stark kurativen Charakter hat. Angesichts der steigenden Zahl chronischer Krankheiten finde ich die Kritik berechtigt.

Michael Burkhart

Michael Burkhart

Michael Burkhart ist Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland sowie Standortleiter Frankfurt. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung bei PwC. Seine Branchenexpertise umfasst das gesamte Gesundheitswesen – von Krankenhäusern über gesetzliche Krankenkassen, Pflegeheime, Diagnostikunternehmen, Medizinprodukte und Organisationen des öffentlichen Sektors.

Sevilay Huesman-Koecke

Sevilay Huesman-Koecke

Sevilay Huesman-Koecke ist Senior Managerin und Head of Business Development im Bereich Gesundheitswirtschaft bei PwC. Außerdem ist die Expertin Initiatorin des externen PwC-Frauennetzwerkes women&healthcare.

Follow us

Contact us

Michael Burkhart

Michael Burkhart

Leiter Gesundheitswirtschaft und Managing Partner Region Mitte, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-1268

Sevilay Huesman-Koecke

Sevilay Huesman-Koecke

Head of Business Development, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-3675

Hide