Interview: „ESG muss in allen Unternehmensbereichen verankert werden“

05 Oktober, 2022

Rainer Kroker

Ein Inteview mit Rainer Kroker. Es wird immer wichtiger, dass Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit verinnerlichen. Nicht nur als reine Reportingfunktion, sondern als Teil der Unternehmensstrategie und der Unternehmenssteuerung. Denn wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und nachhaltiges Handeln schließen sich nicht aus, sondern müssen gemeinsam gedacht werden – ganz nach dem Motto „Nachhaltig ist das neue Profitabel“.

Über Rainer Kroker: Rainer Kroker ist seit 1. Juli 2022 neuer ESG-Leader bei PwC Deutschland. Im Interview verrät der passionierte Mountainbiker, was ihn beim Thema ESG antreibt und welche Ziele er sich für die Zukunft gesetzt hat.

Herr Kroker, warum widmen Sie sich bei PwC Deutschland dem Thema ESG?

Rainer Kroker: ESG ist ein, wenn nicht DAS größte Thema dieser Zeit. Egal ob Wissenschaft, Politik, Gesellschaft, Kapitalmarktteilnehmer, Regulierer, Privatpersonen, Verbraucher:innen – ESG betrifft alle Stakeholdergruppen, völlig unabhängig davon, in welcher Dimension sie selbst unterwegs sind. Gleichzeitig wächst der Druck, den diese Gruppen auf Unternehmen und Produzenten ausüben. Diese fühlen sich dadurch verstärkt in der Pflicht, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und Worten Taten folgen zu lassen – sei es, um Reputation oder Nachfrage zu schützen oder dahingehend zu stärken.

Viele Unternehmen ab einer gewissen Größenordnung, insbesondere bei Kapitalmarktorientierung, müssen in absehbarer Zeit massiv liefern. Ich denke, dass Nachhaltigkeit in den nächsten Jahren ein riesiger Wachstumsmarkt sein wird – in der Beratung wie auch in der Prüfung.

Auf welche Hürden stoßen Unternehmen typischerweise, wenn sie ESG-Aspekte betrachten und innerhalb ihrer Organisation aufbauen beziehungsweise optimieren wollen?

Kroker: Die erste Hürde ist eine fehlende Strategie sowie Kenntnis darüber, was machbar ist. Es gibt viele Ansätze, beispielsweise Circular Economy oder Net Zero, mit denen man sich mehr beschäftigen oder auseinandersetzen muss. Dafür braucht es aber entsprechende Awareness in der Führungsebene, um das Thema nicht zuletzt in der Unternehmensstrategie zu verankern und so auch dem Unternehmenszweck zu dienen. ESG ist halt nicht nur Reporting. Was wir in laufenden Projekten ebenfalls wahrnehmen, sind unklare Verantwortlichkeiten. Am Ende betrifft eine nachhaltige Unternehmensstrategie alle Unternehmensfunktionen und Bereiche. Was bedeutet beispielsweise das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz im Einkauf? Wie genau wirkt es sich auf die Supply Chain und die gesamte Unternehmensstrategie aus?

Außerdem nehmen wir wahr, dass viele Unternehmen sich derzeit als Getriebene der Reportinganforderungen sehen. Sie fühlen sich durch die steigenden und immer komplexer werdenden Anforderungen überfordert und können die „Regulatorik-Updates“ mit ihrem Tagesgeschäft, gerade jetzt in der Krise, oft nicht in Einklang bringen. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, dass sie aus diesem „Machen-müssen“ auch strategische Handlungsfelder und Maßnahmen ableiten können. Es gilt, nach vorne heraus eine Strategie zu entwickeln, um die entsprechenden Reportingkennzahlen zu verbinden – sei es bei der Lieferantenauswahl oder innerhalb der Wertschöpfungskette.

Was ist aus Ihrer Sicht wirklich entscheidend bei der nachhaltigen Transformation?

Kroker: Die ESG-Strategie in allen Unternehmensbereichen zu verankern. Nachhaltigkeit darf kein isolierter Agendapunkt sein, sondern muss entlang des gesamten Betriebsmodells in die täglichen Abläufe integriert werden. Wir betrachten daher im Rahmen unseres Frameworks für die Transformation im Wesentlichen drei Dimensionen: die Strategie, das Operating Model und das Managementsystem. Ansätze wie die Kreislaufwirtschaft, nachhaltige Lieferketten oder erneuerbare Energien müssen sich von Beginn an über alle drei Dimensionen erstrecken, um das volle Potenzial für die Wertschöpfung freizusetzen.

Weil das in der Praxis sehr anspruchsvoll sein kann, unterstützen wir Unternehmen an jedem Punkt dieser Reise – von der Strategie über die Verankerung in den täglichen Abläufen bis zur Berichterstattung und Steuerung der unternehmerischen Auswirkungen.

Welche Technologien spielen auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit eine Schlüsselrolle?

Kroker: Spannend finde ich das Thema Climate Tech – also mit welchen Lösungen Unternehmen technologiegestützt und mit alternativen Herstellungsmethoden deutlich weniger CO2-Emissionen während der Produktion verursachen. In diesem Bereich entstehen gerade viele Firmen und Start-ups, die sich damit beschäftigen, wie Unternehmen bestimmte CO2-Verursacher reduzieren, Reportingpflichten einhalten oder auch Abbaupfade für den Kapitalmarkt dokumentieren können. Viele der Innovationen aus diesem Bereich sind zukunftsweisend. Ich bin davon überzeugt, dass Climate Tech einen zentralen Beitrag im Umgang mit der Klimakrise und ihren Folgen haben wird. Wichtig ist, dass die Investitionen in den Sektor auch dort ankommen, wo der größtmögliche Effekt erzielt wird. Dafür braucht es nicht nur ausreichend Wagniskapital, sondern auch Geduld – denn viele bahnbrechende Entwicklungen befinden sich noch in einem frühen Stadium. Mit unserem „Climate-Excellence-Tool“ oder dem „Pathways-to-Paris-Transformationstool“, innerhalb unserer Zusammenarbeit mit dem WWF, unterstützen wir Unternehmen auch selbst auf technologischer Seite, um Klimarisiken und Berichterstattungspflichten besser zu handhaben oder branchenspezifische Transformationspfade zu entwickeln. Ganz entscheidend bleiben aber das Thema Datenqualität und unsere Allianzen mit Microsoft und SAP.

Wie eng stehen sich Digitalisierung und ESG-Compliance?

Kroker: Sehr eng. Als ich die Rolle übernahm, habe ich noch einmal gemerkt, wie komplex das Thema ESG insgesamt ist. ESG-Compliance ist sicherlich ein Teilbereich, aber selbst dieser ist durch die zahlreichen regulatorischen Anforderungen sehr eng mit der Digitalisierung verbunden. Beide Bereiche erhöhen sicherlich die Unternehmenskomplexität und betreffen auch alle Unternehmensfunktionen, müssen aber aus meiner Sicht auf jeden Fall zusammen bedacht werden. Wir müssen uns fragen: Wie kann ich mit der Digitalisierung die Datenbeschaffung, aber auch die Datenverarbeitung so sicherstellen, dass ich ESG-compliant bin oder werde? Dafür haben wir inzwischen viele Tools und Lösungen. So sammeln wir beispielsweise gemeinsam mit Kunden und der unabhängigen Plattform „Dataland“ Daten und konsolidieren diese. Denn Unternehmen haben oft Probleme damit, an relevante ESG-Kennzahlen zu kommen. Allerdings werden diese, beispielsweise für Investoren oder auch Berichterstattungspflichten im Zuge der EU-Taxonomie von immer größerer Bedeutung. Mit „Dataland“ nutzen wir daher Synergie- und Netzwerkeffekte, um alle Parteien zusammenzubringen und einen reibungslosen Informationsaustausch zu gewährleisten.

Mit welchen Folgen müssen Unternehmen rechnen, bei denen Nachhaltigkeit nur ein Nebenschauplatz ist?

Kroker: Die Augen vor ESG zu verschließen, ist ein fataler Fehler. Konsequenzen sind aus meiner Sicht, neben rückläufiger gesellschaftlicher Akzeptanz und Vertrauen, insbesondere Schwierigkeiten bei der Finanzierung. Börsennotierte Unternehmen werden beispielsweise auf einem volumenstarken Fonds nur dann gelistet, wenn sie bestimmte ESG-Anforderungen erfüllen. Oder aber sie fliegen aus dem Portfolio raus. Das ist schon heute sehr stark nachfragegetrieben, und die junge Generation wird das weiter beschleunigen. Und das gilt ebenso für Fremdkapitalgeber, die ihre Kreditzusage an klare Kriterien knüpfen, um das Darlehen selbst „grün“ qualifizieren zu können. Unternehmen sollten Nachhaltigkeit idealerweise ganzheitlich betrachten, sowohl für ihre Positionierung im Finanzmarkt als auch in Gesellschaft und Politik.

Die Gratwanderung für Unternehmen wird sein, einen Ausgleich zwischen ökonomischen und ökologischen Interessen zu gestalten. Ökologie als Mindestbedingung, die aber auch ökonomisch logisch auf den Unternehmenszweck einzahlt und stützt.

Für Unternehmen können durchaus wirtschaftliche Vorteile entstehen, wenn sie bestimmten Verpflichtungen nachkommen. Denn sie investieren in die Akzeptanz ihrer Stakeholder und leisten gleichzeitig einen wichtigen Beitrag für Gesellschaft und Umwelt. Außerdem erleichtert es bereits jetzt – und künftig noch mehr – den Zugang zu Finanz- und Kapitalmärkten. Oder das Beschaffungsvolumen mindert sich durch „Circular Economy“ deutlich. Kurzgefasst: „Nachhaltig ist das neue Profitabel“.

Welches Versprechen können Sie Unternehmen geben, die sich in ESG-Fragen an Sie und Ihr Team wenden?

Kroker: Unsere Kunden können auf ein Team vertrauen, das ESG ganzheitlich betrachtet und die Wertschöpfungskette von der Strategie über die Umsetzung, hin zum Reporting komplett abbildet. Mit Strategy& haben wir beispielsweise unsere Strategieberatung im Haus, die andere Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in dieser Dimension nicht haben. Zudem liefern wir Qualität und Sicherheit im Zusammenspiel von Beratung und Prüfung. Das heißt, wir achten darauf, dass die Leistungen, die wir auch heute schon in der Beratung erbringen – sei es zu Reporting, Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz oder EU-Taxonomie – auch für kommende Abschlussprüfer prüffähig und abnehmbar sind. Und nicht zuletzt arbeiten wir höchst lösungsorientiert und technologiegestützt. Dabei helfen uns die Allianzen mit Technologiepartnern, wie beispielsweise Google, Amazon, SAP oder Microsoft.

Und wie sehen die nächsten Schritte aus? Wo sollten Unternehmen anfangen?

Kroker: ESG ist ein so breites Feld – ich denke, eine klare Fokussierung auf Strategie und People ist entscheidend. Am Ende lebt das Thema von Menschen und davon, gemeinsam zu erarbeiten, was gemacht wird und was nicht. Die Kunst wird sein, folgende Entscheidungen zu treffen: Wo und wie wollen wir investieren? Was materialisiert sich? Was zahlt auf die Marke ein? Und was schalten wir vielleicht an dem Punkt ab, weil sich daraus nichts entwickelt? Und genau das ist auch unser Bestreben: Wir wollen unseren Kunden als guter Berater zur Seite stehen, der einen Ausgleich zwischen übergeordneter Regulierung auf der einen und wirtschaftlicher Notwendigkeit auf der anderen Seite schafft.

Fakt ist: Unternehmen stehen vor einer nie dagewesenen Art der Transformation, deren Dringlichkeit sich sowohl aus der Verantwortung gegenüber der Welt und Gesellschaft als auch aus vielschichtigen unternehmerischen und regulatorischen Pflichten ergibt.

Die nächsten Schritte hängen dabei immer stark mit dem jeweiligen Status quo der Kunden zusammen. Bei manchen beginnt man ganz von vorne, bei anderen baut man wiederum auf etablierten Strukturen auf.

Das kann und muss niemand allein tragen. Daher sehe ich es als unsere Aufgabe, Orientierung zu bieten und einen Weg für Unternehmen in Richtung Nachhaltigkeit zu zeigen – aber auch konkret bei der Umsetzung von ESG zu unterstützen.

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