„Bei der Digitalisierung zählt der Nutzen für Patienten“

31 März, 2017

Einen Blick in die digitale Zukunft des Gesundheitswesens zu werfen stand bei der Veranstaltung des Gesundheitsclubs Rhein-Main im Februar 2017 auf der Agenda. Mit Dr. med. Sepideh Schönfeld und Sebastian Durnwalder waren zwei Healthcare-Experten von Microsoft Deutschland zu Gast.

Im Gespräch mit Dr. med. Sepideh Schönfeld, Microsoft Development Experience & Evangelism, Sebastian Durnwalder, HealthCare Lead, Microsoft Deutschland, und Michael Burkhart, Partner und Leiter des Bereichs Gesundheitswesen & Pharma bei PwC.

Herr Burkhart, die Digitalisierung ist in allen Branchen das große Zukunftsthema. Auch im Gesundheitswesen?

Michael Burkhart: Die Digitalisierung ist im Gesundheitswesen eine heikle Sache: Denn wir haben es mit sehr sensiblen Daten zu tun. Da geht es nicht nur um die Effizienz von Maschinen und Arbeitsabläufen, sondern um persönliche Daten einzelner Menschen. Das mag erklären, warum sich viele Teile der Gesundheitswirtschaft um die Sicherheit der Daten sorgen und der Digitalisierung eher abwartend gegenüberstehen. Deswegen war es uns im Gesundheitsclub ein Anliegen, mit Vertretern der ganzen Branche die neuen Möglichkeiten zu diskutieren. Und glücklicherweise konnten wir mit den Experten von Microsoft zwei Referenten gewinnen, die ganz nah am Puls der aktuellen Entwicklungen sind.

Was kann Digitalisierung im Gesundheitswesen leisten?

Sebastian Durnwalder: Das ist in einem Satz gesagt: Mit ihr können Menschen besser und effizienter versorgt werden. Ein Gesundheitswesen, bei dem Krankenhäuser, Kassen, Ärzte und ambulante Diente gut miteinander vernetzt sind, erspart Patienten viele Wege und Doppeluntersuchungen. Mithilfe der Telemedizin können chronisch Kranke und ältere Menschen zu Hause versorgt werden. Und durch den Abgleich mit den Daten anderer Patienten können Medikamente und Therapien besser auf den Einzelfall zugeschnitten werden. Anhand computer-gestützter Diagnostik lässt sich besser nachvollziehen, wie sich Krankheiten wie Krebs entwickeln und welche Therapien am besten anschlagen.

Ist das Zukunftsmusik oder gibt es schon konkrete Anwendungen?

Sepideh Schönfeld: Ein schönes Beispiel für eine bessere ambulante Versorgung ist die Frühchen-App, die schon seit einigen Jahren an der Uniklinik Essen im Einsatz ist. Junge Eltern können darüber Kontakt mit Ärzten und Kinderkrankenschwestern aufnehmen oder Gewicht und Trinkverhalten des Frühgeborenen an die Klinik übermitteln. Die App erinnert an Medikamente und enthält ein Tagebuch, das den Entwicklungsstand des Babys dokumentiert. So eine App schafft eine Brücke zwischen Klinik und der Welt außerhalb. Dieses Angebot gibt Eltern die Sicherheit, dass sie bei Fragen nicht allein sind. Das entlastet enorm.

Durnwalder: Erprobt werden gerade Assistenzsysteme in der Tumortherapie. Bisher müssen Strahlentherapeuten die Größe des Tumors quasi von Hand bestimmen. Anhand digitaler 3D-Darstellungen lässt sich der Tumor innerhalb weniger Minuten höchst präzise ausmessen. Das spart Ärzten mehrere Stunden Zeit, die sie sonst zum Auswerten der Röntgenbilder benötigen.

Auf welches Echo sind Ihre Ausführungen im Gesundheitsclub gestoßen?

Durnwalder: Eine gewisse Skepsis wegen des möglichen Missbrauchs von Daten war immer wieder zu spüren. Aber viele Teilnehmer waren auch beeindruckt, welche Chancen die Digitalisierung bietet und welche Szenarien wir bereits heute mit deutschen Kunden realisieren. Für uns als Vertreter eines Software-Unternehmens war es wichtig zu sehen, dass es eine Offenheit und Interesse für digitale Anwendungen gibt, aber viele nicht wissen, wie sie das Thema Digitalisierung angehen können. Mir ist klar geworden, dass die Industrie Versicherungen, Krankenhäusern und Ärzten mehr unter die Arme greifen kann. Wir haben an diesem Abend dazu schon viele gute Kontakte geknüpft.  

Das deutsche Gesundheitswesen hinkt bei der Digitalisierung international hinterher. Woran liegt das?

Schönfeld: Das hat viel mit seiner dezentralen Struktur zu tun: Jedes Krankenhaus entscheidet für sich allein, welches Betriebssystem es verwendet. Dadurch können sich keine Standards etablieren. Hinzu kommen extrem niedrige Budgets: Krankenhäuser in Deutschland investieren nur ein bis zwei Prozent ihres Umsatzes für die IT. Zum Vergleich: In der Schweiz sind es mehr als fünf Prozent. Auch von staatlicher Seite fehlt es an Unterstützung: In den USA gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Finanzspritzen für die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Natürlich bremsen auch Ängste wegen des Datenschutzes die Entwicklung. Dabei sind diese Befürchtungen teilweise irrational. In Clouds seriöser Anbieter sind Daten bestimmt sicherer verwahrt als auf einem in die Jahre gekommenen Server im Keller eines Krankenhauses.

Am Ende des Abends wird im Gesundheitsclub per Voting immer ein Meinungsbild erhoben. Hat Sie bei den Ergebnissen etwas überrascht?

Burkhart: An diesem Abend wurde das Thema Digitalisierung kontrovers diskutiert. Von daher hat es mich verblüfft, dass es für gut vier Fünftel der Teilnehmer eine Option wäre, ihre Vitalwerte und körperliche Aktivitäten einem Rechenzentrum von zu Hause aus zu übermitteln, wenn sich damit der Aufenthalt in einem Krankenhaus oder einem Pflegeheim vermeiden ließe. Das zeigt sehr eindrücklich: Bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen zählt vor allem der Nutzen für die Patienten. Wenn die Vorteile für die einzelnen klar sind, sind Versicherte viel eher bereit, ihre Daten freizugeben. Es ist deshalb die Aufgabe aller Beteiligten im Gesundheitswesen, diesen Nutzen zu verdeutlichen: „Was bekomme ich als Patient für eine Gegenleistung, dass ich einem digitalen Datenaustausch zustimme?“. Die überwiegende Mehrheit bezahlt heute per Kreditkarte im Internet, obwohl die Internetkriminalität gestiegen ist. Nutzer ignorieren aber nicht die Risiken, sondern schätzen die Vorteile als gewichtiger ein. Diese Abwägung fehlt im Gesundheitswesen, weil die Chancen und Risiken jeweils als diffus wahrgenommen werden. Es fehlt die Erfahrung, was konkret „mein“ Nutzen als Patient ist (insbesondere wenn ich gesund bin).

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Michael Burkhart

Leiter Gesundheitswirtschaft und Managing Partner Region Mitte, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-0

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