Wie Deutschland gleiche Gesundheitschancen für alle schaffen kann

20 Dezember, 2019

Ein Interview mit Sevilay Huesman-Koecke und Michael Burkhart. Schlüsselfaktoren wie Einkommen, Bildung und Wohnen wirken sich auf die Gesundheit von Menschen aus. Wie lassen sich diese sozialen Determinanten von Gesundheit positiv beeinflussen? Warum fällt es vielen Menschen schwer, gesund zu leben? Welche Rolle spielen dabei digitale Technologien?

Diesen Fragen geht eine PwC-Studie nach, für die 8.000 Bürger weltweit, darunter 1.000 aus Deutschland, befragt wurden.Wie sie die Ergebnisse werten, erklären Michael Burkhart, Leiter Gesundheitswirtschaft bei PwC, und Sevilay Huesman-Koecke, International Director und Head of Business Development für die Gesundheitswirtschaft, im Interview.

Ist Gesundheit in Deutschland eine Frage von Geld und Bildung?

Michael Burkhart: Ja und nein. Zunächst einmal hat jeder Mensch in Deutschland gleichberechtigten Zugang zum Gesundheitswesen – einem der besten der Welt. Das Solidaritätsprinzip der gesetzlichen Krankenversicherung, das jeden Bürger unabhängig von seinem Einkommen absichert, halte ich für eine Errungenschaft, auch im internationalen Vergleich. Im Krankheitsfall sind daher alle Menschen gut versorgt. Bei der Prävention von Krankheiten zeigt sich allerdings, dass der soziale Status durchaus Einfluss auf die gesundheitliche Lage hat. Wie Studien etwa des Robert Koch-Instituts zeigen, leben Menschen mit hohem Einkommen und guter Bildung deutlich länger als Bürger mit niedrigem sozialen Status. Jeder Fünfte in Deutschland sagt von sich selbst, dass er sich einen gesunden Lebensstil nicht leisten kann. Präventionsmaßnahmen müssen daher noch stärker als bisher so konzipiert sein, dass sie Sprach- und Bildungsbarrieren überbrücken und vernachlässigte Zielgruppen erreichen. Gute Anreize können dabei auch Capitation-Modelle bieten, die präventive Maßnahmen belohnen.

Wie Ihre Studie belegt, ist der Arzt erster Ansprechpartner, wenn es um die sozialen Determinanten von Gesundheit geht. Ärzte stehen in Deutschland unter großem Zeitdruck – können sie dieser Aufgabe überhaupt gerecht werden?

Burkhart: Dem Arzt kommt tatsächlich die Rolle eines Lotsen zu, der seine Patienten innerhalb des Gesundheitssystem lotst, im Bedarfsfall aber auch an andere Institutionen übermittelt. Dieser Rolle können Ärzte nur gerecht werden, wenn das Patientengespräch in unserem Gesundheitssystem aufgewertet wird – auch finanziell. Mediziner benötigen aber ebenso einen geschulten Blick für die sozialen Determinanten von Gesundheit, daher sollte das Thema auch im Studium eine größere Rolle spielen.

Was hat das Präventionsgesetz bewirkt, das Krankenkassen seit 2015 zu mehr Gesundheitsförderung verpflichtet?

Sevilay Huesman-Koecke: Mit dem Präventionsgesetz haben die Akteure im Gesundheitswesen schon einiges erreichen können. Im Bereich Verhaltensprävention, der Ansprache des Einzelnen, gibt es aber durchaus noch Luft nach oben, wie unsere Studie belegt: 30 Prozent der Befragten sagen, dass sie sich gesundheitsbewusster verhalten würden, wenn sie mehr über Faktoren wie Ernährung, Bewegung und Rauchen wüssten. Das zeigt, dass viele der Präventionsmaßnahmen noch nicht bei den Versicherten ankommen oder noch nicht motivierend genug sind.

Welche Folgen hat das für unser Gesundheitssystem? Müssten noch höhere Ausgaben in die medizinische Versorgung getätigt werden?

Burkhart: Die Erhebungen der vergangenen Jahre zeigen, dass Menschen trotz steigender Ausgaben nicht gesünder werden: Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Adipositas sind auf dem Vormarsch. In Deutschland gelten 45 Prozent der Menschen als chronisch krank. So wichtig eine medizinische Versorgung auf hohem Niveau auch ist – 80 Prozent der Gesundheit werden durch den Lebensstil des Einzelnen, seine Umwelt und sozioökonomische Faktoren beeinflusst. Daher müssen wir bei der Lebenswelt der Menschen ansetzen. Das ist allerdings für Länder weltweit eine Herausforderung, wie unsere globale Studie belegt.

Wie ließe sich mehr gesundheitliche Chancengleichheit schaffen?

Huesman-Koecke: Diese Aufgabe kann nicht von einem einzelnen Akteur bewältigt werden, sondern braucht Netzwerke, auch auf internationaler Ebene. Tiefgreifende gesamtgesellschaftliche Veränderungen können nur erreicht werden, wenn Regierungen, Unternehmen der Gesundheitswirtschaft und Arbeitgeber zusammenarbeiten. Einen erfolgreichen Ansatz in Deutschland verfolgt etwa das Projekt „Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ verschiedener Institutionen wie des AOK-Bundesverbandes und der Universität Bielefeld, das die Gesundheitskompetenz der Bürger – eine der Schlüssel-Determinanten von Gesundheit – stärken will. Dass Vorsorge besser als Nachsorge ist, hat sich BASF zum Leitmotiv seiner Projektarbeit gemacht. Dazu verfolgt das Unternehmen einen datenbasierten Ansatz, der es ihm erlaubt, Krankheitsrisiken der Arbeitnehmer vorauszusehen und rechtzeitig gegenzusteuern.

Ihre Studie zeigt, dass viele Bürgerinnen und Bürger Anwendungen aus dem Bereich Digital Health skeptisch gegenüberstehen. Worauf führen Sie das zurück?

Huesman-Koecke: Dieses Ergebnis hat mich auch überrascht, ich hätte erwartet, dass die Deutschen Apps und Wearables inzwischen stärker nutzen – zumal gerade viele hilfreiche Innovationen entwickelt werden und der Zugang den Patienten durch das Digitale-Versorgung-Gesetz erleichtert wird. Vermutlich müssen wir noch mehr Transparenz schaffen, damit Versicherte nicht den Überblick auf dem großen Markt verlieren, und das Vertrauen in einen sicheren Umgang mit persönlichen Daten stärken.

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Leiter Gesundheitswirtschaft und Managing Partner Region Mitte, PwC Germany

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