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Interview: Digitaler Zwilling – die Antwort auf das Gesundheitswesen von morgen

14 November, 2018

Bürger in Deutschland – insbesondere Patienten mit Diabetes – haben hohe Erwartungen an den digitalen Zwilling. Sie sind davon überzeugt, dass das virtuelle Abbild die Medizin der Zukunft prägen und voranbringen wird. Das ist Ergebnis einer PwC-Studie, für die 1.000 Bürger und zusätzlich rund 200 Diabetiker befragt wurden.

Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC, und Sevilay Huesman-Koecke, Head of Business Development Gesundheitswirtschaft bei PwC, erklären im Interview, wie sie die Studienergebnisse werten.

Was genau ist ein digitaler Zwilling?

Michael Burkhart: Er ist das virtuelle Abbild eines Patienten, das mithilfe seiner DNA-Daten erstellt wird. Anhand dieses digitalen Patienten lässt sich in Computertests simulieren, wie ein menschlicher Körper auf ein Medikament oder eine Therapie reagiert.

Was kann dieser digitale Doppelgänger leisten?

Burkhart: Derzeit steckt die Technologie noch in den Kinderschuhen, doch wenn sie flächendeckend eingesetzt wird, können wir die gesundheitliche Versorgung in Deutschland erheblich effizienter gestalten: Wir vermeiden Fehlbehandlungen und Nebenwirkungen durch den Einsatz falscher Medikamente. Die Therapie wird dadurch individueller, schonender und kostengünstiger. Nach meiner Einschätzung hat die Idee des digitalen Zwillings das Potenzial, unser Gesundheitswesen grundlegend zu verändern und es auch in Zukunft noch bezahlbar zu halten. Die Computersimulationen ermöglichen auch Augmented Reality-Anwendungen in der Medizin, etwa im OP: Die Bilddaten sorgen so für noch präzisere Eingriffe, beispielsweise bei Tumoroperationen.

Ihre Studie zeigt, dass gerade Patienten mit Diabetes (Typ 1 und Typ 2) hohe Erwartungen in das Konzept haben. Wie können sie vom digitalen Zwilling profitieren?

Sevilay Huesman-Koecke: Unsere Studie belegt, dass Patienten mit Diabetes mellitus – im Volksmund Zuckerkrankheit genannt – in erster Linie erwarten, dass sich durch die Computersimulationen ein Folgeschaden ihrer chronischen Erkrankung vermeiden und die Gefahr einer Unter- oder Überzuckerung reduzieren lässt. Diese Hoffnung ist durchaus berechtigt: Diabetes-Patienten können ihre Blutzuckerwerte zum Beispiel über ein intelligentes Pflaster regelmäßig erheben und in Echtzeit an ihren Arzt übermitteln. Im Modell lässt sich simulieren, wie die Behandlung mit Insulin oder Tabletten auf den Körper wirkt – im Zusammenspiel mit Bewegung und Ernährung. Auf Dauer lässt sich so der Stoffwechsel von Patienten mit Diabetes deutlich verbessern.

Gehen Sie davon aus, dass der Arztbesuch demnächst überflüssig wird und nur noch der digitale Patient im Wartezimmer Platz nimmt?

Huesman-Koecke: Nein, der persönliche Arztbesuch wird nach wie vor wichtig bleiben, ebenso wie das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Mediziner und Patient. Die Computersimulation kann Diagnostik und Behandlung aber sinnvoll ergänzen und den Arzt in seiner Therapieentscheidung unterstützen.

Stichwort personalisierte Medizin – konkurrieren die beiden Modelle miteinander im Bereich von Digital Health?

Burkhart: Ganz im Gegenteil – der digitale Zwilling ist die Voraussetzung dafür, dass wir Patienten eine maßgeschneiderte Therapie anbieten können. Bislang orientiert sich die personalisierte oder individualisierte Medizin noch an größeren Gruppen, die sich durch Charakteristika wie Geschlecht und Alter oder andere Eigenschaften auszeichnen. Wenn wir aber auf die genetischen Daten jedes einzelnen Menschen zurückgreifen können, ist eine wirklich individualisierte – und damit erfolgversprechende – Behandlung möglich. Diese Erwartung haben auch Bürger in Deutschland an den digitalen Zwilling, wie unsere Studie zeigt: Drei Viertel glauben, dass er die medizinische Forschung stark vorantreiben wird.

In anderen Branchen sind digitale Zwillinge längst im Einsatz. Wie ist der derzeitige Stand im Gesundheitswesen?

Huesman-Koecke: Tatsächlich hinkt die Medizin der Entwicklung in anderen Branchen um mindestens ein Jahrzehnt hinterher. In anderen Industrien sind Computersimulationen seit langem im Einsatz, etwa in der Autoindustrie, die mit simulierten Crashtests und virtuellen Probefahrten arbeitet. In der Medizin kam der digitale Patient bislang nur vereinzelt im Fall von Krebserkrankungen zum Einsatz. Aber wir brauchen dafür große Datenmengen, die zunächst aufgebaut werden müssen. Es gibt allerdings bereits vielversprechende Ansätze aus anderen Bereichen der Gesundheitswirtschaft: im Gebäudemanagement wird etwa das Building Information Modeling eingesetzt, mit dem sich der Betrieb eines Krankenhauses simulieren lässt, um Planungsfehler zu vermeiden. In der Medizintechnik bewährt sich bereits der digitale Prototyp, der dazu beiträgt, die Entwicklungszeiten von medizinischen Geräten zu verkürzen.

Eine der großen Hürden für den flächendeckenden Einsatz ist das Thema Datenschutz. Wie kann Datensicherheit gewährleistet werden?

Burkhart: Die Bedenken der Versicherten müssen wir unbedingt ernst nehmen und sichere Lösungen schaffen. Unsere Studie belegt, dass 80 Prozent der Bürger fürchten, ihre Daten könnten in die falschen Hände geraten. Das Gesundheitswesen arbeitet mit besonders sensiblen Daten. Daher muss strengstens geregelt sein, wer Zugriff auf diese Daten erhält. Vergleichsweise groß ist aber das Vertrauen in Mediziner: Mit ihrem Arzt würden Versicherte diese vertraulichen Informationen am ehesten teilen.

Die PwC-Experten zum Thema

Michael Burkhart

Michael Burkhart ist Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland sowie Standortleiter Frankfurt. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung bei PwC. Seine Branchenexpertise umfasst das gesamte Gesundheitswesen – von Krankenhäusern über gesetzliche Krankenkassen, Pflegeheime, Diagnostikunternehmen, Medizinprodukte und Organisationen des öffentlichen Sektors.

Sevilay Huesman-Koecke

Sevilay Huesman-Koecke ist Senior Managerin und Head of Business Development im Bereich Gesundheitswirtschaft bei PwC. Außerdem ist die Expertin Initiatorin des externen PwC-Frauennetzwerkes women&healthcare

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Michael Burkhart

Michael Burkhart

Leiter Gesundheitswirtschaft und Managing Partner Region Mitte, PwC Germany

Tel.: +49 69 9585-1268

Sevilay Huesman-Koecke

Sevilay Huesman-Koecke

Head of Business Development, PwC Germany

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