Interview: „Es geht nicht nur um Effizienz – vor allem der Patient profitiert von der Digitalisierung“

03 Juli, 2019

Digitale Lösungen wie Künstliche Intelligenz und Big Data werden das Gesundheitswesen künftig prägen. Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC, und Sevilay Huesman-Koecke, Head of Business Development für die Gesundheitswirtschaft, sprechen im Interview über die Mega-Trends, die das Gesundheitswesen weltweit derzeit verändern und die PwC in der globalen Studie „Global top health industry issues“ zusammengefasst und erläutert hat: Von Künstlicher Intelligenz über Telemedizin bis hin zu Cyber-Sicherheit und Ansätzen zur Eindämmung der Kostenexplosion.

Die Digitalisierung verändert das Gesundheitswesen stark. Wo sehen Sie dabei die größten Chancen?

Michael Burkhart: Digitale Lösungen bieten natürlich zunächst einmal die Möglichkeit, effizienter zu werden, indem sie Prozesse automatisieren. Unsere Studie schätzt, dass die Effizienz um 15 bis 20 Prozent steigen könnte, wenn Organisationen digitale Anwendungen, etwa Lösungen aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI), für die Optimierung ihrer Geschäftsprozesse oder die Entwicklung medizinischer Produkte einsetzen.

Es geht also vor allem um Effizienz?

Burkhart: Nein, alle sollen von der Digitalisierung im Gesundheitswesen profitieren – allen voran der Patient. Das gilt beispielsweise bei der Entwicklung und Umsetzung von Therapien. Durch Präzisionsmedizin, die auf einer breiten Basis medizinischer Daten die Zusammenhänge zwischen physischen Eigenschaften und Krankheitsentwicklungen offenlegt, kann nicht nur Zeit gespart werden. Die Behandlung wird auch zielgerichteter und dadurch besser.

Inwiefern?

Sevilay Huesman-Koecke: Mit KI-Anwendungen lassen sich etwa schwere Krankheiten früher diagnostizieren. Ein Algorithmus kann Pathologen möglicherweise dabei unterstützen, Krebs präziser und schneller zu erkennen. Dadurch sinken nicht nur die Gesundheits- und Folgekosten – der Patient kann auch schneller und erfolgreicher behandelt werden. Damit diese Lösungen funktionieren, braucht es aber sehr große Datenmengen – und diese müssen zum Teil erst noch aufgebaut werden. Bis KI das deutsche Gesundheitswesen revolutioniert, wird es deshalb noch einige Jahre dauern.

Gibt es trotzdem schon Beispiele aus Deutschland, die zeigen, dass KI-Lösungen bereits einen konkreten Mehrwert liefern können?

Burkhart: Die gibt es durchaus. Deutsche Ärzte nutzen beispielsweise das web-basierte Tool PHREND. Damit lässt sich die Effektivität der Behandlung für Multiple Sklerose vorhersagen – und zwar auf der Basis von Patientendaten mit ähnlichen körperlichen Voraussetzungen. Als Referenzfälle sind die Behandlungsdaten von 25.000 Multiple-Sklerose-Patienten in einer Datenbank gespeichert. Natürlich passiert das alles nicht ohne Einverständnis der Patienten. Diese willigen explizit ein, dass ihre Daten zu diesem Zweck verwendet werden dürfen, und die Daten liegen für die Berechnungen auch nur in anonymisierter Form vor, so dass keine Rückschlüsse auf Personen gezogen werden können.

Huesman-Koecke: Zudem eignen sich KI-Lösungen gut dafür, repetitive Aufgaben zu übernehmen, etwa administrative Tätigkeiten wie die Abrechnung, Dokumentation oder Terminplanung. Dadurch können sich die ohnehin raren Fachkräfte auf komplexere und anspruchsvollere Tätigkeiten und den Kontakt mit dem Patienten konzentrieren.

„Der Mangel an Ärzten und Pflegekräften wird nach Berechnungen unserer globalen Studie weltweit von sieben Millionen im Jahr 2013 auf 13 Millionen im Jahr 2035 steigen.“

Sevilay Huesman-Koecke, Head of Business Development für die Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland

Gerade im Gesundheitswesen spielt der menschliche Kontakt eine große Rolle. Gegenüber Robotern in der Behandlung herrscht eine gewisse Skepsis.

Burkhart: Das stimmt, das persönliche Gespräch ist und bleibt wichtig. Es muss aber nicht immer face-to-face ablaufen, sondern kann auch telefonisch oder per Videotelefonie erfolgen. In Deutschland sind telemedizinische Angebote erst seit Mai 2018 gesetzlich erlaubt. In Baden-Württemberg gibt es Pilotversuche mit telemedizinischer Diagnose und Behandlung für Patienten. In Zukunft werden wir mehr solcher Angebote sehen, weil sie aus Kostensicht sinnvoll und auch für den Patienten unter Umständen eine Erleichterung sind. Das gilt etwa für Menschen, die wenig Zeit haben oder in ländlichen Gebieten leben, wo der nächste Arzt viele Kilometer weit weg ist. Aber natürlich helfen solche telemedizinischen Lösungen auch, den schon beschriebenen Fachkräftemangel abzufedern, da auch Ärzte und Fachkräfte dadurch entlastet werden.

Huesman-Koecke: In der heutigen Zeit sehen sich die Patienten als Kunden. Sie wollen mitreden und ausführlich über verschiedene Behandlungsansätze informiert werden. Für Gesundheitsanbieter geht es künftig also noch mehr darum, die Wünsche und Ansprüche der Patienten in den Mittelpunkt zu stellen. Und dabei können digitale Lösungen helfen. Übrigens zeigen unsere Studien, dass die Deutschen in der zunehmenden Technisierung der Medizin durchaus nicht nur die Risiken, sondern auch die Vorteile sehen. So können sich 41 Prozent tatsächlich vorstellen, eines Tages im Krankheitsfall anstelle des menschlichen Arztes einen „Robo-Doktor“ zu konsultieren – vorausgesetzt natürlich, dieser besitzt bis dahin ähnliche Fähigkeiten wie sein menschlicher Kollege. Neben der Skepsis schwingt also auch Hoffnung mit.

Wo Chancen liegen, sind die Gefahren meist nicht weit. Bei digitalen Lösungen besteht natürlich immer auch eine hohe Gefahr von Datenmissbrauch.

Burkhart: Es stimmt, dass Cyber-Kriminelle das Gesundheitswesen immer stärker ins Visier nehmen. Das Risiko, Ziel von Cyber-Attacken zu werden, die es auf sensible Patientendaten abgesehen haben, steigt. Krankenhäuser zählen zu den kritischen Infrastrukturen, die für das staatliche Gemeinwesen besonders bedeutsam sind.

„Viele Kliniken in Deutschland müssen sich auf die zunehmenden Bedrohungen durch Schadsoftware einstellen.“

Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC

Wie gut sind deutsche Versorger in puncto Cyber-Sicherheit aufgestellt?

Huesman-Koecke: Viele Einrichtungen wissen mittlerweile um die Gefahren und haben darauf reagiert: Sie haben etwa Sicherheitskontrollen eingebaut und ihre Risikotests verschärft. In Deutschland müssen sie dies seit kurzem auch belegen: Ab Ende Juni 2019 sind Krankenhäuser verpflichtet, in Audits nachzuweisen, dass sie die „Änderungsverordnung zur Bestimmung Kritischer Infrastrukturen“ nach dem BSI-Gesetz umgesetzt haben. Die Audits werden alle zwei Jahre wiederholt.

Nicht zuletzt beklagen die Gesundheitssysteme rund um den Globus steigende Kosten. Wie lassen sich diese senken?

Huesman-Koecke: Insbesondere die gesetzlichen Krankenkassen stehen wegen steigender Behandlungskosten für chronische Krankheiten unter hohem Kostendruck. Gesetzgeber, Versicherer und Versorger setzen daher zunehmend auf Prävention und versuchen, die Bevölkerung zu Vorsorgemaßnahmen zu bewegen. Digitale Helfer wie Gesundheits- und Fitness-Apps können hier einen wertvollen Beitrag leisten. Um Kosten zu senken und bessere Anreize zu setzen, braucht es im deutschen Gesundheitswesen jedoch strukturelle Änderungen.

Wie können diese aussehen?

Burkhart: Eine Möglichkeit ist die allein von den Krankenkassen getragene Finanzierung der Krankenhäuser, die das bisherige duale System ersetzen könnte. Dadurch würde man die Voraussetzungen für wichtige Entscheidungen und Investitionen im Gesundheitssystem schaffen. Auch die Krankenhausfinanzierung pro Einwohner in einem bestimmten Umkreis ist möglicherweise sinnvoll. Damit hätte jede Klinik einen Anreiz, in ihrem Zuständigkeitsbereich die beste zu sein. Strukturelle Veränderungen sollten jedoch immer ganzheitlich angegangen werden – daher schlagen wir ganz klar eine Kombination verschiedener Maßnahmen vor. Mehr dazu finden Sie in unserer kürzlich veröffentlichten Studie „Das deutsche Gesundheitswesen auf dem Prüfstand“.

Die PwC-Experten zum Thema

Michael Burkhart ist Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland sowie Standortleiter Frankfurt.

Michael Burkhart

Michael Burkhart ist Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland sowie Standortleiter Frankfurt. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung bei PwC. Seine Branchenexpertise umfasst das gesamte Gesundheitswesen – von Krankenhäusern über gesetzliche Krankenkassen, Pflegeheime, Diagnostikunternehmen, Medizinprodukte und Organisationen des öffentlichen Sektors.

Sevilay Huesman-Koecke ist Senior Managerin und Head of Business Development im Bereich Gesundheitswirtschaft bei PwC.

Sevilay Huesman-Koecke

Sevilay Huesman-Koecke ist Senior Managerin und Head of Business Development im Bereich Gesundheitswirtschaft bei PwC. Außerdem ist die Expertin Initiatorin des externen PwC-Frauennetzwerkes women&healthcare.

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Michael Burkhart

Leiter Gesundheitswirtschaft und Managing Partner Region Mitte, PwC Germany

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Sevilay Huesman-Koecke

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