„Künstliche Intelligenz revolutioniert die Medizin“

25 Juli, 2017

Eine europaweite PwC-Studie zeigt: Der Einsatz von „Artificial Intelligence“ könnte Millionen Menschen zu besseren Therapien verhelfen – und gleichzeitig dazu beitragen, die Gesundheitskosten signifikant zu senken. Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswesen & Pharma bei PwC, erläutert die Hintergründe.

Herr Burkhart, binnen weniger Wochen veröffentlicht PwC bereits die zweite große Studie, die sich mit künstlicher Intelligenz (KI) in der Medizin befasst. Warum messen Sie dem Thema eine solche Bedeutung bei?

Michael Burkhart: Weil künstliche Intelligenz das Potenzial besitzt, nicht nur die Medizin, sondern unser gesamtes Gesundheitswesen zu verändern. Lassen Sie mich erklären, was ich damit meine: Die medizinischen Möglichkeiten nehmen seit Jahrzehnten immer weiter zu. Allerdings ist diese Entwicklung zugleich mit immer höheren Gesundheitskosten verbunden. Darum wird sich früher oder später die Frage stellen, ob wir uns den medizinischen Fortschritt überhaupt noch leisten können. Hier nun kommen Themen wie KI, Big Data oder „Machine Learning“ ins Spiel. Die große Hoffnung ist, dass diese neuen Technologien die Medizin nicht nur besser, sondern auch wieder bezahlbar machen.

Wird diese Hoffnung durch die neue Studie genährt?

Burkhart: Ja. Zusammengefasst kommt unsere Untersuchung zu dem Ergebnis, dass der großflächige Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Medizin helfen könnte, schwere Krankheiten wesentlich früher zu erkennen, Millionen von Menschen besser zu therapieren – und allein in Europa die prognostizierten Gesundheits- und Folgekosten binnen zehn Jahren um knapp 200 Mrd. € zu senken. Der Weg dorthin ist selbstredend schwierig. Denn KI funktioniert nur auf Basis riesiger Datenbestände – und die müssen zunächst konsequent aufgebaut werden. Der potenzielle Nutzen von KI ist unserer Studie zufolge allerdings so immens, dass es sich ohne Zweifel lohnen wird, diesen Weg zu gehen.

Was wurde konkret untersucht?

Burkhart: Wir haben uns auf drei besonders verbreitete Krankheitsbilder konzentriert: Fettleibigkeit bei Kindern, Altersdemenz und Brustkrebs. Besonders das erste dieser drei Krankheitsbilder wird häufig unterschätzt. Dabei gehört Übergewicht zu den größten gesundheitlichen Problemen unserer Zeit. Laut WHO leidet in der EU jedes dritte Kind zwischen sechs und neun Jahren an Fettleibigkeit. Zugleich gehen Experten davon aus, dass rund 60 Prozent der Jungen und Mädchen, die bereits vor der Pubertät übergewichtig sind, dies später auch als Erwachsene sein werden. Die Folge: Laut Schätzungen werden inzwischen sieben Prozent der jährlichen Gesundheitsbudgets in der EU für Krankheiten verwendet, die mit Fettleibigkeit zu tun haben.

Und KI löst dieses Problem?

Burkhart: Zumindest legen erste klinische Studien nahe, dass sich mithilfe KI schon aus den Gesundheitsdaten von Zweijährigen ablesen lässt, welche Kinder einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind, später an Übergewicht zu leiden. Diese Erkenntnisse könnten es Ärzten und Eltern ermöglichen, das Problem der Fettleibigkeit bei Kindern sehr viel früher anzugehen. Eine weitere vielversprechende Anwendung von KI liegt in der Analyse typischer Risikofaktoren. Womöglich können wir dadurch in einigen Jahren sehr viel genauer sagen können, inwieweit Übergewicht im Einzelfall mit dem Lebenswandel, den Ernährungsgewohnheiten oder der genetischen Disposition zu tun hat.

Wie sieht es bei Altersdemenz und Brustkrebs aus?

Burkhart: Lassen Sie mich das Potenzial bei Demenzerkrankungen an einem Beispiel illustrieren: Eine klinische Studie aus den Niederlanden kam jüngst zu dem Ergebnis, dass sich KI-Verfahren mit herkömmlichen Diagnosemethoden wie der Magnetresonanztomografie (MRT) kombinieren lassen. Auf diese Weise wurden Alzheimer-Erkrankungen in einem sehr frühen Stadium mit einer Genauigkeit von 82 bis 90 Prozent festgestellt. Wenn sich dieses Ergebnis bestätigen sollte, wäre das ein gewaltiger Fortschritt bei der Früherkennung von Demenz. Ähnliche Durchbrüche zeichnen sich beim Thema Brustkrebs an. So ergab ein Test, bei dem KI eingesetzt wurde, dass sich Mammografie-Resultate 30-mal schneller analysieren lassen, als das klassischerweise bei einem Arzt der Fall ist – und das bei einer Fehlerrate von nur einem Prozent.

Trotzdem dürften solche Verfahren die Gesundheitskosten doch eher steigen als sinken lassen, oder?

Burkhart: Nein, eben nicht. Wenn sich die KI in der Medizin durchsetzt, wird dies zu einem Paradigmenwechsel führen. Teure Fehldiagnosen dürften seltener werden, genauso wie Behandlungsfehler oder fehlgeschlagene Therapien. Zudem werden Computer und Roboter den Ärzten viele Aufgaben abnehmen – dadurch kommt es zu Skaleneffekten, wie sie in anderen Branchen vollkommen üblich sind. Oder, ein anderes Beispiel: Wenn Demenz durch neue Diagnoseverfahren bereits im Zuge routinemäßiger Arztbesuche erkannt wird, dann entfallen später die Kosten für teure Folgeuntersuchungen beim Spezialisten.

Und diese Einsparungen lassen sich tatsächlich beziffern?

Burkhart: Nicht exakt natürlich. Allerdings kommt unsere Studie immerhin zu groben Prognosen. So könnten sich die Kosten bei der Fettleibigkeit binnen zehn Jahren europaweit um 90 Mrd. € senken lassen, beim Brustkrebs sind es knapp 75 Mrd. € und bei der Altersdemenz schätzungsweise 8 Mrd. €. Das sind gewaltige Dimensionen. Zugleich möchte ich allerdings betonen, dass künstliche Intelligenz kein Allheilmittel ist – auch weil bei vielen Krankheiten die Fortschritte in der Therapie fürs erste hinter den Verbesserungen bei der Diagnose zurückbleiben dürften. Zudem sind die prognostizierten Einsparungen zunächst einmal an beträchtliche Investitionen geknüpft, etwa für den Aufbau der notwendigen Datenbanken. Darüber hinaus wird auch der Gesetzgeber gefordert sein. Denn der Einsatz von KI in der Medizin erfordert nachhaltige regulatorische  Eingriffe insbesondere bei den datenschutzrechtlichen  Bestimmungen.

Die erste PwC-Studie zur KI Intelligenz aus dem Frühjahr basierte auf einer Umfrage, die der Frage nachging, wie die Patienten zu den neuen technischen Möglichkeiten stehen …

Burkhart: Das ist in der Tat ein extrem wichtiger Punkt. Selbst wenn alle technischen, finanziellen und rechtlichen Hürden genommen werden, bleibt immer noch die psychologische Komponente. KI wird teilweise zu völlig neuen Therapieverfahren führen. Noch ist unklar, ob die Patienten bereit sind, sich darauf einzulassen. Die Umfrage aus dem Frühjahr deutet darauf hin, dass viele Menschen bemerkenswert offen für das Thema sind. So können sich 41 Prozent der Deutschen sogar vorstellen, eines Tages im Krankheitsfall anstelle des menschlichen Arztes einen „Robo-Doktor“ zu konsultieren. Und 43 Prozent meinen, sie würden sich bei einem kleineren Eingriff sogar von einem Roboter operieren lassen. Wobei: Das ist natürlich ein Szenario für die sehr ferne Zukunft.

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Michael Burkhart

Leiter Gesundheitswirtschaft und Managing Partner Region Mitte, PwC Germany

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