Predictive Maintenance 4.0 – Störungen vermeiden durch intelligente Datenanalyse

28 Juli, 2017

Dr. Frank Schmidt, Partner und Leiter des Bereichs Industrielle Produktion, sowie Michael Bruns, Director und Experte für Predictive Maintenance, sprechen im Interview über Chancen und Herausforderungen von Predictive Maintenance 4.0 in Industrieunternehmen.

Herr Bruns, Predictive Maintenance ist als Konzept nicht völlig neu. Was steckt hinter dem Zusatz „4.0“?

Michael Bruns: Mit Predictive Maintenance 4.0 meinen wir ein bestimmtes Entwicklungsstadium von Wartung und Instandhaltung in produzierenden Unternehmen. Das Ziel dabei ist, potenzielle Schäden an kritischen Anlagen so präzise vorherzusagen, dass Behinderungen im Produktionsablauf weitgehend vermieden werden können. Bis vor kurzem konnten solche Analysen nur retrospektiv und oft auch nur für eine Teilmenge der Produktionsanlagen gefahren werden. Durch die immer bessere Vernetzung von produktionsrelevanten Anlagen sowie durch die Verfügbarkeit von nahezu unbeschränkten Rechenkapazitäten heutiger Cloud Plattformen wird das bislang Unvorhersehbare nun vorhersehbar.

Wie sieht diese neue Vorhersagbarkeit genau aus?

Bruns: Mithilfe datengestützter Prognosen und lernender Algorithmen lässt sich der Eintritt bestimmter Wartungsfälle nun immer genauer vorhersagen. Die Daten unternehmenseigener Anlagen können dazu auch mit externen Informationen, wie z.B. Wetterdaten, angereichert werden. Dadurch lässt sich die Wartung wichtiger Infrastruktur, etwa von Bahngleisen, individueller auf den jeweiligen Einsatzort und die tatsächliche Beanspruchung ausrichten. Die Instandhaltung kommt dadurch in die Position, gezielter und proaktiver zu handeln anstatt erst im Ernstfall reagieren zu können.

„Die Instandhaltung kommt in die Position, gezielter und proaktiver zu handeln anstatt erst im Ernstfall reagieren zu können.“

Michael Bruns, Director und Experte für Predictive Maintenance


Warum sollten Unternehmen diesen Aufwand betreiben?

Bruns: Bildlich gesprochen: Statt einer großen Operation benötigt der Patient vielleicht nur einen minimal-invasiven Eingriff. Der spart viel Zeit, reduziert Kosten und macht ihn schneller wieder fit. Über den reinen Kostenaspekt hinaus birgt Predictive Maintenance 4.0 aber auch enormes Potenzial für neue Geschäftsideen, gerade im After-Sales-Bereich. Digital geschulte Servicemitarbeiter von Maschinenbauern oder das Wartungspersonal großer Chemieparks können dank der vorliegenden Informationen gezielte, datengestützte Entscheidungen treffen. Dies führt zu höherer Verlässlichkeit, längeren Laufzeiten, weniger Unfällen und letztendlich zu größerer Effizienz. Die Verfügbarkeit solider, verlässlicher und sicherer Daten ist dazu natürlich Grundvoraussetzung.

Herr Dr. Schmidt, wie gut ist die Industrie insgesamt für Predictive Maintenance 4.0 aufgestellt?

Dr. Frank Schmidt: Eine aktuelle PwC-Studie zeigt, dass sich Unternehmen in Deutschland, den Niederlanden und Belgien noch mehrheitlich in der Startphase von Predictive Maintenance 4.0 befinden. Lediglich knapp jedes zehnte befragte Unternehmen macht bereits von den neuen Möglichkeiten Gebrauch. Zwei Drittel der Befragten befinden sich hingegen mit Blick auf die Instandhaltung noch auf einer der früheren Entwicklungsstufen, etwa der visuellen oder instrumentengestützten Überprüfung. Interessanterweise haben gerade deutsche Unternehmen Nachholbedarf. Während in Belgien 23 Prozent der befragten Unternehmen auf Predictive Maintenance 4.0 setzen, sind es in Deutschland gerade einmal zwei Prozent.

„Während in Belgien 23 Prozent der befragten Unternehmen auf Predictive Maintenance 4.0 setzen, sind es in Deutschland gerade einmal zwei Prozent.“

Dr. Frank Schmidt, Partner und Leiter des Bereichs Industrielle Produktion


Wo sehen Sie konkrete Herausforderungen bei der Implementierung?

Schmidt: Auch wenn die faszinierenden technischen Möglichkeiten die öffentliche Debatte dominieren, der entscheidende Punkt bleibt der strategische Einsatz der Technologie. Damit dieser gelingen kann, muss das Management zunächst durch Pilotprojekte und damit zusammenhängende Lernkurven die Grundlage für den Aufbau entsprechenden Know-hows und geeigneter Abläufe im Unternehmen legen. Dazu gehört auch, geschulte Fachleute einzustellen, sie aus- und weiterzubilden und für die Akzeptanz des digitalen Wandels in der gesamten Belegschaft zu werben. Denn: Die Mitarbeiter bilden das Rückgrat des kundennahen Services und erfüllen die digitale Kultur eines Unternehmens mit Leben - oder eben nicht. Deshalb ist es essentiell, dass sie abgeholt und auf die digitale Reise mitgenommen werden.

Reicht technisches Know-how allein also nicht mehr aus?

Bruns: Das technische Wissen allein wird dem großen Potenzial der digitalen Transformation nicht gerecht, denn es geht nicht allein um neue technische Möglichkeiten. Durch die Digitalisierung entstehen Ansätze für innovative, häufig servicegetriebene Geschäftsmodelle. Deshalb bedarf es einer digitalen Strategie und einer digitalen Kultur, die die Entwicklung hin zu Predictive Maintenance und Industrie 4.0 überhaupt erst ermöglichen.

Was empfehlen Sie Industrieunternehmen, die Predictive Maintenance einführen wollen?

Schmidt: Aus den Gesprächen mit unseren Kunden wissen wir: Jedes Unternehmen braucht eine eigene, auf die Besonderheiten seiner Branche und die bereits vorhandenen Fähigkeiten abgestimmte Lösung. Wir unterstützen Unternehmen deshalb von der Strategiefindung bis zur Implementierung und stellen auf diese Weise sicher, dass sie ihre Potenziale auf dem Weg zu Predictive Maintenance 4.0 voll ausschöpfen können.

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