Interview: „Wir gehen von einer massiven Marktbereinigung der Zeitarbeitsbranche aus.“

14 Mai, 2020

Ein Interview mit Dr. Ralph Niederdrenk und Isabella Calderon Hoyos. Die Corona-Pandemie wirkt sich schon jetzt sehr negativ auf den Zeitarbeitsmarkt aus. Dies ist eines der Kernergebnisse der Kurzstudie „Zeitarbeitsbranche aktuell 2020“, die die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) erstellt hat.

Die wichtigsten Erkenntnisse erläutern Dr. Ralph Niederdrenk, Partner, und Isabella Calderon Hoyos, Senior Managerin bei PwC in Deutschland.

Herr Dr. Niederdrenk, die Corona-Pandemie beeinflusst nahezu alle Branchen negativ. Das trifft sicherlich auch auf die Zeitarbeit zu, oder?

Ralph Niederdrenk: Ja, und zwar ganz massiv. Ausnahmslos alle Unternehmen berichten davon, dass Aufträge kurzfristig storniert werden, und 9 von 10 Unternehmen nennen Covid-19 als einen wesentlichen Grund für den starken Umsatzeinbruch. Weitere Ursachen sind allgemeine konjunkturelle Abschwächung und der Fachkräftemangel. Bis zu 30 Prozent Umsatzrückgang in diesem Jahr halten die Befragten für möglich.

Die Branche befindet sich aber schon länger im Abwärtstrend …

Niederdrenk: Das stimmt, schon 2019 ist der Zeitarbeitsmarkt deutlich abgekühlt. In der Studie haben wir die aktuelle Entwicklung zusätzlich mit der Finanzkrise 2008/2009 verglichen. Damals sank das Bruttoinlandsprodukt um 5,7 Prozent, die Zeitarbeitsbranche verzeichnete einen Rückgang von knapp 18 Prozent. Aus dieser Relation ergibt sich unsere Schätzung für den aktuellen Einbruch, der eben zwischen 10 und 30 Prozent betragen kann. 

Gibt es Branchen, die den Zeitarbeitsmarkt besonders stark beeinflussen?

Isabella Calderon Hoyos: Allen voran ist hier die Automobilindustrie zu nennen. Die Branche produziert, wie schon 2019, deutlich weniger Fahrzeuge. Das liegt vor allem am anhaltenden Trend zur Elektromobilität. Den großen Einfluss der Autobranche bestätigen alle der befragten Zeitarbeitsunternehmen. Hinzu kommen Einbrüche in automobilnahen Branchen, insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau, aber auch in der Chemieindustrie. 

Welche Rückschlüsse sind auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung möglich?

Calderon Hoyos: Die Zeitarbeit ist ein frühzyklischer Indikator. An der Entwicklung dieser Branche lassen sich zuverlässig gesamtwirtschaftliche Tendenzen ablesen. Wir sehen das insbesondere im Rückblick auf das zweite Halbjahr 2008, auch für 2019 gilt das. Und nun, im ersten Quartal 2020, kommt die Coronakrise hinzu. Unsere Studienergebnisse lassen daher durchaus aufhorchen.

Wie reagieren die Zeitarbeitsunternehmen denn auf diese eher düsteren Aussichten?

Niederdrenk: Zum einen führen sie Transformationsprozesse fort, mit denen sie schon vor Beginn der Corona-Pandemie begonnen haben. Allen voran sind hier die Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle und die Automatisierung von Prozessen zu nennen. Das ist meines Erachtens auch ein richtiger Weg, den sie weiterverfolgen sollten – unter dem Druck der Krise sogar noch entschiedener.

Was unternimmt die Branche noch?

Calderon Hoyos: Rund zwei Drittel der Befragten setzen darüber hinaus auf stärkere Spezialisierung. Sie versuchen, sich erfolgreiche Nischen zu erobern oder sich dort zu behaupten, mit dem Ziel, sich größere Unabhängigkeit von der Automobilindustrie zu verschaffen. Flexiblere Kostenstrukturen sehen zudem sechs von zehn Unternehmen als Möglichkeit, die gravierendsten Folgen des Markteinbruchs abzufedern.

Wir dieser Abwärtstrend auch über 2020 hinaus anhalten?      

Niederdrenk: Nein, das denken wir nicht, zumindest nicht in dieser Heftigkeit. Wir sehen für 2021 eher positive Signale für eine Rückkehr zum Wachstum. Das hohe Niveau der Jahre 2017 und 2018 wird allerdings nicht mehr erreicht werden. Wir gehen daher kurz- und mittelfristig von einer massiven Marktbereinigung aus.

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Dr. Klaus-Peter Gushurst

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