Das Gesundheitswesen muss jetzt digital durchstarten – sonst tun es andere

17 Juli, 2020

Von Sevilay Huesman-Koecke und Michael Burkhart. Junge Menschen der Generation Z sind gesundheitsbewusst und bereit, etwas für ihr Wohlbefinden auszugeben. Das birgt Chancen. Die Gesundheitsbranche muss sie nur ergreifen. Sonst tun es andere.

Gesundheitsbewusst und technologisch versiert

Es ist eine gute Botschaft: Junge Erwachsene achten verstärkt auf die eigene Gesundheit. Fast die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen (44 Prozent) nutzen mobile Endgeräte, um Fitness, Ernährung oder Vitalwerte im Blick zu haben. Das zeigt die aktuelle Studie „So tickt die Generation Z“, für die PwC etwa 2.000 junge Menschen in ganz Europa befragt hat. Vor allem die Ergebnisse im Detail verblüffen: Spitzenreiter bei der Nutzung von Gesundheits-Angeboten sind Apps, die den Schlaf analysieren (40 Prozent). Hätten Sie das gedacht? Annähernd ebenso viele der Befragten (37 Prozent) setzen digitale Helfer ein, um ihr Essverhalten und Gewicht zu kontrollieren, 35 Prozent nutzen Sport- und Fitness-Apps, 28 Prozent Fruchtbarkeits- und Periodentracking, 24 Prozent Programme, um Stress abzubauen und zu entspannen.

Ein Leben ohne Smartphone ist für diese Altersgruppe unvorstellbar. Junge Menschen, die zwischen 1996 und 2002 geboren sind, haben den Aufstieg der digitalen Alleskönner von klein auf miterlebt und den Eltern beim Gebrauch über die Schultern geschaut. Vertreter dieser Generation sind versiert genug, digitale Hilfsmittel intuitiv zu bedienen – auch an Stellen, an denen Ältere noch die Gebrauchsanleitung bemühen.

E-Health noch in den Kinderschuhen

Diese jungen Leute treffen auf ein Gesundheitswesen, das in Sachen Digitalisierung gerade erste Gehversuche macht. Der Gegensatz könnte kaum größer sein. Die Gründe dafür sind hinlänglich bekannt: Die Daten, mit denen es diese Branche zu tun hat, sind hochsensibel und müssen entsprechend geschützt werden. Auch für viele Patienten – dazu gehören tendenziell eher ältere Menschen – ist der Umgang mit mobilen Endgeräten oft alles andere als selbstverständlich.

Doch die Digitalisierung im Gesundheitswesen nimmt Tempo auf. Als ein entscheidender Schritt nach vorne dürfte sich das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) erweisen, das seit Dezember 2019 in Kraft ist. Jetzt können Ärzte Gesundheits-Apps per Rezept verordnen und Online-Sprechstunden anbieten. Auch die elektronische Gesundheitskarte ist schon da: Nun gilt es, ihre Möglichkeiten auszuloten.

Schnelle und intuitive Angebote gefragt

Was heißt das für die Gesundheitswirtschaft? Aus unserer Sicht ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, um sich der Generation Z intensiv zuzuwenden. Schließlich sind das die Patienten von morgen. Unsere Studie zeigt nicht nur, wie aufgeschlossen sie digitalen Angeboten begegnen, sondern auch, was sie von ihnen erwarten: Sie sollen schnell und intuitiv zu handhaben sein. Das gilt für die Terminvereinbarung beim Arzt genauso wie die Fitness-Uhr am Arm. Dabei sind die 18- bis 24-Jährigen durchaus bereit, sich für ihre Gesundheit finanziell zu engagieren. Mehr als die Hälfte (52 %) würden beispielsweise für Biolebensmittel mehr bezahlen.

Eines ist sicher: Wenn sich die Gesundheitswirtschaft jetzt nicht mit passenden Angeboten um die Generation Z bemüht, werden das andere tun. Internet-Giganten wie Google und Amazon sind schon dabei, ihren Fuß in die Tür zu bekommen.

Um sich da abzusetzen, sind Kooperationen mit dem Tech-Sektor ein Muss. Dieser Prozess hat immerhin schon begonnen: Die Zahl branchenübergreifender Aktivitäten, um Produkte zu entwickeln oder um Fusionen und Übernahmen, Joint Ventures und Inkubatoren-Programme zu initiieren, ist innerhalb der Gesundheitswirtschaft zwischen 2012 und 2017 um 34 auf insgesamt 40 gestiegen und hat sich damit fast versechsfacht. In mehr als 90 Prozent sind IT-Unternehmen involviert.

Von der digitalen Krankenversicherung bis zur Frühchen-App

Beispiele für vielversprechende Projekte gibt es schon: So hat ein Dresdner Software-Entwickler eine Frühchen-App herausgebracht, die den Eltern bei der Versorgung ihrer Kleinen den direkten Draht zur Klinik sichert. Ein Schweizer Start-up reüssiert mit einer App zu Wunddokumentation innerhalb des Krankenhauses. Ein privater Klinikkonzern bringt mithilfe des "Flying Health Incubator" Unternehmen der Branche mit ambitionierten Start-ups zusammen. Und in München kam vor drei Jahren die erste digitale Krankenversicherung auf den Markt, bei der sich alles per Smartphone regeln lässt – inklusive Videochat mit dem Arzt.

Die Digitalisierung wird dazu beitragen, die medizinische Qualität zu erhöhen, effiziente Strukturen zu schaffen, neue Angebote zur Prävention zu entwickeln, die Versorgung im ländlichen Raum zu verbessern wie auch die ambulante Behandlung.

Das eröffnet dem Gesundheitswesen neue Perspektiven, das im Zuge des demografischen Wandels unter einer wachsenden Kostenlast ächzt. Die Generation Z mit ihren Bedürfnissen und Lebensgewohnheiten zeigt, wohin die Reise geht. Auf was wollen wir eigentlich noch warten?

Die PwC-Experten zum Thema

Michael Burkhart

Michael Burkhart ist Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland sowie Standortleiter Frankfurt. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung bei PwC. Seine Branchenexpertise umfasst das gesamte Gesundheitswesen – von Krankenhäusern über gesetzliche Krankenkassen, Pflegeheime, Diagnostikunternehmen, Medizinprodukte und Organisationen des öffentlichen Sektors.

Sevilay Huesman-Koecke

Sevilay Huesman-Koecke ist International Director und Head of Business Development im Bereich Gesundheitswirtschaft bei PwC. Außerdem ist die Expertin Initiatorin des externen PwCFrauennetzwerkes women&healthcare.

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Leiter Gesundheitswirtschaft und Managing Partner Region Mitte, PwC Germany

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