Interview: „Das Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz erhöht nicht automatisch die Patientenzufriedenheit.“

30 September, 2019

Im Krankenhaus-Vergleich 2018 betrachtet die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) die wirtschaftliche Situation deutscher Kliniken in öffentlicher, freigemeinnütziger und privater Trägerschaft.

Im Interview erläutert Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland, die wichtigsten Ergebnisse – und begründet, warum er das Anfang 2019 in Kraft getretene Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz für ungeeignet hält, um die Patientenzufriedenheit zu verbessern.

Herr Burkhart, wie geht es den Krankenhäusern im Vergleich zum Vorjahr?

Ihre wirtschaftliche Situation hat sich verschlechtert. Die Material- und Personalaufwandsquoten steigen, die Liquidität muss erhöht werden, die Rentabilität ist, wie schon im Vorjahr, schlecht. Diese Indikatoren zeigen ganz klar: Der wirtschaftliche Druck auf die Kliniken ist nach wie vor hoch.

Gilt das für Kliniken aller Trägerschaften gleichermaßen oder bestehen Unterschiede?

Die gibt es durchaus. Kliniken in privater Trägerschaft schaffen es bislang, die rentabelsten Strukturen in puncto Umsatzrentabilität aufrechtzuerhalten. Das sehen wir zum Beispiel an der EBITDA-Quote, die um Zuflüsse auf Fördermitteln bereinigt ist. Für Kliniken in privater Trägerschaft lag die Quote 2018 bei 7,6 Prozent. Zum Vergleich: Bei öffentlichen Kliniken waren es lediglich -0,2 Prozent.

Das heißt, den Krankenhäusern in öffentlicher Trägerschaft geht es besonders schlecht?

Ja, auch in puncto Liquidität, wie zum Beispiel auch unsere Zahlen zum Cash-Management zeigen. Im Schnitt vergehen bei den öffentlichen Kliniken 57,2 Tage zwischen Rechnungserstellung und Geldeingang. Das ist deutlich zu lange, auch wenn sich hier alle Kliniken im Vergleich zum Vorjahr leicht verbessert haben. Aufschlussreich sind aber auch noch andere Zahlen …

Welche sind das?

Die eben schon angesprochene Material- und Personalaufwandsquoten. Diese sind nicht nur, aber vor allem bei den öffentlichen Kliniken mit 92 Prozent des Umsatzes sehr hoch. Im Klartext bedeutet das: Von 100 Euro bleiben diesen Einrichtungen nur acht Euro für Instandhaltung, Finanzierung und andere Ausgaben – das ist deutlich zu wenig.

Auf der anderen Seite zeigen die Kennzahlen, dass die Kliniken durchaus in bessere Infrastruktur investieren.

Das stimmt. Die Modernisierungsquote war mit 173 Prozent vor allem bei den freigemeinnützigen Kliniken sehr hoch. Blickt man jedoch nur auf ein einzelnes Jahr, ist das Bild verzerrt. Bei der Betrachtung mehrerer Jahre zeigt sich nämlich, dass Privatkliniken ziemlich kontinuierlich in die Infrastruktur investieren, die Ausgaben für Modernisierungen bei den anderen Trägerschaften aber recht volatil sind. Ich bin der Überzeugung, dass im Wettbewerb sehr schnell ins Hintertreffen gerät, wer seine Infrastruktur veralten lässt.

Können Sie aus Ihrer Studie Auswirkungen ableiten zum Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz, das zum 1. Januar 2019 in Kraft getreten ist. Wie lautet Ihre Einschätzung?

Ich halte den Weg, den die Bundesregierung mit diesem Gesetz beschreitet, durchaus für problematisch. Unter anderem deshalb, weil das Gesetz unterstellt, dass mehr Pflegepersonal praktisch zwangsläufig zu einer besseren Pflegequalität führt.

Ist das nicht der Fall?

Statistisch besteht kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der Anzahl der Pflegekräfte und der Qualität sowie der Patientzufriedenheit, wenn man beispielsweise die Weiterempfehlungsraten von Patienten aus der öffentlich einsehbaren Weißen Liste zur Messung heranzieht. Das Gesetz bietet für Kliniken Anreize, das Pflegepersonal aufzustocken, da die Personalkosten erstattet werden.

Ist das Ihrer Meinung nach der richtige Ansatz?

Ich denke schon, dass das Gesetz geeignet ist, die Mitarbeiter zu entlasten und dadurch deren Zufriedenheit zu erhöhen. Aber: Aktuell setzen die Kliniken Pflegepersonal auch für andere Tätigkeiten ein, zum Beispiel die Betreuung von Patienten in Aufwachräumen. Insofern bevorzugt das Gesetz meiner Meinung nach die Einrichtungen, die in Zeiten des Pflegemangels ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Die Folge wird vermutlich sein, dass Kliniken die Pflegekräfte virtuell in abrechnungsrelevante Bereiche umschichten.

Über Michael Burkhart

Michael Burkhart ist Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland sowie Standortleiter Frankfurt. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung bei PwC. Seine Branchenexpertise umfasst das gesamte Gesundheitswesen – von Krankenhäusern über gesetzliche Krankenkassen, Pflegeheime, Diagnostikunternehmen, Medizinprodukte und Organisationen des öffentlichen Sektors.

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Michael Burkhart

Leiter Gesundheitswirtschaft und Managing Partner Region Mitte, PwC Germany

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