China Compass, Winter 2023

China: De-Risking bedingt mehr Regulatorik

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  • 29 Nov 2023

In kaum einem anderen Kontext werden die Auswirkungen von Geopolitik auf die unternehmerische Praxis so deutlich wie im Geschäft mit China. Geopolitische Entwicklungen werden als wesentlicher Treiber eines dynamischen regulatorischen Umfelds für Unternehmen spürbar. Welche Konsequenzen das hat, erläutert dieser Beitrag des PwC Geopolitical Risk Advisory Teams.

Seit knapp einem Jahrzehnt prägt der Antagonismus zwischen den USA und der Volksrepublik China Weltpolitik und Welthandel zunehmend. Lange Zeit stand dabei die Frage im Raum, ob sich die Wirtschafts- und Technologieräume voneinander entkoppeln könnten. Diese Vorstellung hat ihren Ursprung in der bipolaren Weltordnung des Kalten Krieges, in der die beiden Blöcke weitgehend unabhängig voneinander agierten.

Decoupling betrifft nur bestimmte Bereiche

Zwischenzeitlich hat sich jedoch die Erkenntnis durchgesetzt, dass der hohe Grad der wirtschaftlichen Verflechtung zwischen den wesentlichen Akteuren der Weltwirtschaft zu hoch ist und eine vollständige Entkopplung mit immensen Kosten verbunden wäre. Decoupling ist deshalb nicht vom Tisch – allerdings auf bestimmte Bereiche beschränkt, allen voran die Hochtechnologie.

Regulatorische Eingriffe

Die Coronapandemie und der Krieg in der Ukraine haben sichtbar gemacht, welche Risiken sich aus einseitigen Abhängigkeiten ergeben können. Um mit diesen Risiken politisch umzugehen, haben Regulatoren diesseits und jenseits des Atlantiks, aber auch in Beijing nicht nur die Schlagzahl der regulatorischen Eingriffe, sondern auch deren Umfang und Ausrichtung drastisch erhöht. Diese als De-Risking bezeichneten regulatorischen Maßnahmen zur Identifikation und Auflösung einseitiger Abhängigkeiten sind die vermutlich spürbarsten unternehmerischen Auswirkungen der vielgenannten geopolitischen Unsicherheit. Sie betreffen längst auch Unternehmen außerhalb der Jurisdiktion des Regulators. Das zeigen die Auswirkungen des Inflation Reduction Act (IRA) oder des Creating Helpful Incentives to Produce Semiconductors Act (CHIPS Act) der USA auf deutsche, die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) auf amerikanische und das chinesische Personal Information Protection Law (PIPL) auf alle nicht chinesischen Unternehmen.

Dem De-Risking haben sich die G7, also auch die Europäische Union und Deutschland verschrieben. Jüngst verlangte die Europäische Kommission von den europäischen Autobauern eine Offenlegung ihrer wirtschaftlichen Verflechtungen mit China – erstmals mit einer Frist, wenngleich noch ohne Androhung möglicher Sanktionen. Die nach langem Vorlauf verabschiedete China-Strategie Deutschlands kündigt parallel an, kritische Rohstoffe, Technologien und Produkte zu identifizieren, bei denen der Regulator ein besonderes Augenmerk darauf legt, keine einseitigen Abhängigkeiten von chinesischen Rohstoffen, Technologien oder Produkten entstehen zu lassen. Die EU geht bereits einen Schritt weiter und veröffentlichte unlängst eine Liste mit kritischen Technologiefeldern, für die sie empfiehlt, Risiko-Assessments durchzuführen.

Immense innenpolitische Herausforderungen

Aber nicht nur der geopolitische Kontext spielt bei Geschäften mit China eine Rolle. Auch die makroökonomischen Daten müssen in Betracht gezogen werden. So ist China einerseits in bestimmten Sparten, wie der Elektromobilität oder Green Tech, führend. In anderen Bereichen, wie der Bauwirtschaft und dem Immobiliensektor aber, durchläuft China eine veritable Krise. Hinzu kommen die immensen innenpolitischen Herausforderungen des Landes. Das beginnt beim Risiko der Überalterung und der Überteuerung der Sozialsysteme und macht bei der Massenarbeitslosigkeit unter Jugendlichen nicht Halt. Ob China diese inneren Herausforderungen meistert, wird sich zeigen. Auch wenn die erwarteten Wachstumsraten Chinas die der USA oder der europäischen Staaten übertreffen – das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts in China wird laut Prognosen des IMF zwischen 2023 und 2028 kontinuierlich um insgesamt 1,6 Prozentpunkte sinken (Quelle). Bei aller Vorsicht, mit der diese Vorhersagen zu genießen sind, wird damit klar, dass der chinesische Markt in Zukunft eine andere Rolle als in der Vergangenheit einnehmen wird: Die Zeiten des grenzenlosen Wachstums sind vorbei. Die Kommunistische Partei, insbesondere ihr Vorsitzender Xi Jinping, steht somit vor der Herausforderung, wachsende innenpolitische Herausforderungen zu lösen, während das Wirtschaftswachstum sinkt und das geopolitische Umfeld volatil bleibt.

Brennglas Wahlen in den USA

Noch ist nicht klar erkennbar, wie Xi auf diese Herausforderung reagiert. Klar ist nur, dass die politische Zukunft der USA dabei eine große Rolle spielt. Das gilt auch für die Aussichten für deutsche und europäische Unternehmen in und mit China. Im Kern geht es darum, wen die USA 2024 zum Präsidenten wählen. Sicherlich wird sich die Parteiführung in Beijing auf alle Eventualitäten einstellen und auf die mit ihnen verbundenen erwartbaren Konsequenzen vorbereiten. Dabei wird die chinesische Führung die eigenen Herausforderungen und Möglichkeiten nüchtern im Blick behalten. Deutschen Unternehmen in China könnten die kommenden Wahlen in den USA das Geschäft in zweifacher Hinsicht erschweren: Sie könnten das Verhältnis zwischen den USA und China weiter verschärfen und dazu führen, dass die Kommunistische Partei die chinesische Wirtschaft noch stärker kontrolliert und reguliert.

Fazit

Unabhängig von der Frage der Gewichtung der vielfältigen Einflussdimensionen auf das Geschäft mit China ist klar, dass deutsche und europäische Unternehmen gut beraten sind, ihr China-Geschäft auf den Prüfstand zu stellen. Bei aller Unsicherheit in Bezug auf die weiteren Entwicklungen kristallisiert sich nämlich der Trend zur zunehmenden Regulierung als Konstante heraus. Für Unternehmen heißt dies: Wer sich frühzeitig auf dieses Umfeld einstellt und seine Treiber kennt, hat einen Wettbewerbsvorteil.

Infografik PwC China Compass, Winter 2023: China-Geschäft auf dem Prüfstand

PwC Geopolitical Risk Advisory Team

Jens Paulus ist Partner bei PwC im Bereich Risk & Regulatory.

Jens Paulus

Jens Paulus ist Partner bei PwC im Bereich Risk & Regulatory und dort sowohl für den öffentlichen Sektor als auch für geopolitische Risikoberatung verantwortlich. Seit über 20 Jahren arbeitet er in unterschiedlichen Funktionen eng mit Regierungen, öffentlichen Einrichtungen und nationalen wie internationalen Organisationen zusammen. Mandanten aus dem privaten Sektor berät er bei der Vorbereitung auf (geo)politische Herausforderungen. Vor seiner Zeit bei PwC war Jens Paulus verantwortlicher Partner für die Bereiche Government Transformation und Geopolitical Consulting bei einer anderen Big-Four-Gesellschaft.

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Peter Eitel - PwC

Peter Eitel

Peter Eitel ist Mitglied des Teams Geopolitical Risk Advisory von PwC am Standort Berlin. Er verfügt über mehr als zehn Jahre Berufserfahrung an der Schnittstelle zwischen Privatwirtschaft, öffentlichem Sektor und Politik mit Schwerpunkt auf Geopolitik, Geostrategie und Krisenmanagement. Bevor er zu PwC kam, war Peter Eitel wissenschaftlicher Referent und Redenschreiber für einen ehemaligen deutschen Bundesminister. Zu seinen weiteren beruflichen Aufgaben gehörten die Förderung des Außenhandels, die Beratung im Bereich Risiko- und Krisenmanagement sowie eine Tätigkeit als Dozent an der britischen Verteidigungsakademie.

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Karl Luis Neumann ist Teil des Teams Geopolitical Risk Advisory von PwC am Standort Berlin.

Karl Luis Neumann

Karl Luis Neumann ist Teil des Teams Geopolitical Risk Advisory von PwC am Standort Berlin. Sein Schwerpunkt liegt auf der Beratung von Unternehmen an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft. Mit Blick auf die aktuellen geopolitischen Herausforderungen unterstützt er Mandanten dabei, fundiert mit den neuen Rahmenbedingungen der globalen Wirtschaft umzugehen. Vor seiner Zeit bei PwC konzentrierte er sich bei einer anderen Big-Four-Gesellschaft auf Transparenz und Korruptionsbekämpfung im öffentlichen Sektor.

Tel.: +49 170 8360030
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