Interview: „Es wird sich ökonomisch auszahlen, wenn der Arbeit wieder mehr Wert zukommt“

06 Dezember, 2018

Die Digitalisierung setzt Unternehmen unter enormen Handlungsdruck – der in Zukunft noch zunehmen dürfte: Prozesse werden transparenter und Leistungen dadurch vergleichbarer. Folglich nehmen Konkurrenz und Wettbewerb zu. Unternehmen müssen immer effektiver werden, Mitarbeiter immer besser funktionieren. 

Darunter leidet am Ende die Qualität der Arbeit selbst. Gerade Familienunternehmen bietet sich die Chance, dieser Entwicklung mit neuen Konzepten für „gute Arbeit“ gegenzusteuern. Sie können am ehesten ein Umfeld schaffen, in denen Mitarbeitern sowohl der Sinn der Arbeit als auch ihre Selbstwirksamkeit wieder gegenwärtig wird, sagt Professorin Konstanze Senge. 

Sie haben kürzlich von der Bundesregierung einen Auftrag zur Erforschung der Voraussetzungen für „gute Arbeit“ bekommen. Welche Qualität hat Arbeit denn heute? 

Wir untersuchen in Halle die Bedingungen und Auswirkungen guter Arbeit auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. „Gute Arbeit“ hat aber nicht nur gesellschaftliche Auswirkungen, sondern auch auf den Zusammenhalt von Unternehmen. Wir erleben in Unternehmen gerade Entwicklungen, die, vor allem in ihrem Zusammenspiel, besorgniserregend sind: Erstens, die Flexibilisierung von Arbeitszeiten durch neue Arbeitszeitmodelle oder neue Ansprüche an Erreichbarkeit etc. Zweitens, die Subjektivierung der Arbeit, womit einerseits die gesteigerten individuellen Ansprüche an Arbeit in Form von Autonomie und Selbstverwirklichung und andererseits die neue ökonomische Nutzung von Subjektivität in Form von z.B. emotionaler Intelligenz gemeint ist. Und drittens, die permanente Evaluation und Standardisierung von Prozessen. Alle drei Entwicklungen wirken in dieselbe Richtung und führen zu einem verstärkten Wettbewerbs- und Konkurrenzdruck. In vielen Unternehmen wird die Qualität geleisteter Arbeit immer häufiger nur noch anhand von Kennziffern gemessen. 

„Ein kreatives Einlassen auf die eigene Tätigkeit geht dabei mehr und mehr verloren, auch bei der Büroarbeit.“

Prof. Dr. Konstanze Senge, Universität Halle

Was bedeutet das für die Mitarbeiter?

In einer immer stärker digitalisierten Arbeitswelt verrichten die Mitarbeiter eine meist körperlose, technisch vermittelte Arbeit, deren Auswirkung sie kaum noch erkennen und im Kern auch nicht zu spüren und zu sehen bekommen. Ein kreatives Einlassen auf die eigene Tätigkeit geht dabei mehr und mehr verloren, auch bei der Büroarbeit. Dadurch entsteht eine Distanz zwischen Mensch und Produkt, aber auch eine Distanz der Menschen zu den eigenen Bedürfnissen. Das wiederum kann zu ausgebrannten und häufiger kranken Mitarbeitern führen, zu Demotivation, verringertem Engagement und Kreativitätsverlust. Der Nebeneffekt ist ein tiefgreifender kultureller Wandel, der nach und nach auch unsere Gesellschaft spürbar verändert. Denn es entsteht ein subtiler Druck, alle Handlungen und Tätigkeiten dahingehend zu durchleuchten, inwiefern sie dem Primat von Effizienz in ökonomischer und zeitlicher Hinsicht entsprechen.

Welche Veränderung beobachten Sie in der Gesellschaft und was bedeutet sie?

Die bisherige gesellschaftliche Grundlage, dass sich durch einen instrumentellen Zugriff auf Arbeit, welcher vornehmlich der Vermehrung des materiellen Wohlstands dient, die Hoffnung auf ein gutes Leben erfüllt, ist brüchig geworden. Wir merken, dass die Probleme unserer Zeit wie der Klimawandel, die allgemeine diffuse Verunsicherung in der Gesellschaft und die politische Frage nach Abschottung oder globaler Öffnung nicht gelöst werden. Wohlstand als Lebenssinn ist für viele nicht mehr plausibel. Insbesondere junge Menschen suchen nach dem, was der Soziologe Hartmut Rosa „Selbstwirksamkeitserfahrung“ genannt hat.

Wie wirkt sich diese Selbstwirksamkeitserfahrung auf die Arbeit aus?

Die Erwerbsarbeit ist ein wichtiger Bereich, in denen wir solche Erfahrungen machen können – oder eben auch nicht. Selbstwirksamkeitserfahrungen durch Arbeit entstehen durch eine besondere Beziehung der Arbeitenden zu ihrer Tätigkeit. Wir wissen noch nicht genau, wie dieses Konzept zu operationalisieren ist – deshalb die anstehende Forschung. Aber wir wissen, dass es sich dabei um eine Tätigkeit handelt, die in Übereinstimmung mit Werten und individuellen Relevanzen vollzogen werden muss. Es geht um Arbeit, die uns ergreift und sinnhaft ist. Dies gilt für einfache Dienstleistungsarbeit, qualifizierte Tätigkeiten mit höherer akademischer Ausbildung wie für kreative Aufgaben. Wesentlich ist dabei, dass Selbstwirksamkeitserfahrungen in vielen Fällen eben nicht auf materiellen Entlohnungen basieren, sondern auf der Anerkennung von Tätigkeit und Produkt durch signifikante Andere, Vertrauen, Reduktion oder Abwesenheit von Konkurrenz- und Zeitdruck. Positive Resultate sind Zufriedenheit, Kreativität und Qualität. Fehlen diese ermöglichenden Bedingungen besteht die Gefahr von vermindertem Engagement, Unzufriedenheit und ähnlichem.

Erinnert die von Ihnen geschilderte Form der Arbeit nicht ein wenig an die neomarxistische Kapitalismuskritik?

Ja und nein. Sie haben ganz recht: Das, was hier als Gegenpol von „guter Arbeit“ beschrieben wird, kommt dem sehr nahe, wofür wir in Anlehnung an Marx den Begriff der „Entfremdung“ verwenden, obwohl die Zeiten und existenziellen Problemlagen zwischen dem Beginn des 19. und dem Beginn des 21. Jahrhunderts nicht vergleichbar sind. Mir geht es hier nicht darum, das Ökonomische und den Wettbewerb per se zu kritisieren. Arbeit muss natürlich stets durch das Nadelöhr der ökonomischen Steigerungslogik. Aber mir geht es darum, dass dieses Handlungsprimat allein eben keine hinreichende Bedingung für ein gutes Leben ist. Und das haben viele Menschen in der Erfahrung von Arbeit begriffen. Die Menschen suchen heute Antworten auf die großen gesellschaftlichen Fragen und Krisen: auf die politische Krise (Stichwort: Zusammenhalt), auf die ökologische Krise (Stichwort: Nachhaltigkeit) und auf die psychische Krise (Stichwort: Überforderung). Wenn Unternehmen ein kleines bisschen ernsthaft dazu beisteuern, dann ist schon einiges gewonnen. Dann wird der Sinn von Arbeit überzeugend.

Was müssten Unternehmen ändern, um „gute Arbeit“ ihrer Mitarbeiter zu ermöglichen?

„Gute Arbeit“ basiert auf zwei Säulen. Zum einen geht es um die eher technische Gewährleistung von Arbeitsstandards wie sie gewerkschaftlich gefordert werden. Zum anderen und im Wesentlichen geht es mir um die Möglichkeit von Selbstwirksamkeitserfahrungen, die nicht nur auf monetäre Bedürfnisse zurückzuführen sind, sondern auch auf emotionale und soziale. Das heißt, Unternehmen stehen vor der Aufgabe, herauszufinden, was sich denn hinter diesen Bedürfnissen versteckt und was von Unternehmensseite getan werden kann, um Antworten auf die gesellschaftlichen Krisen zu formulieren.

„Es geht um Verantwortung für die Mitarbeiter und die Gesellschaft. Familienunternehmen sind hier traditionell gut aufgestellt.“

Prof. Dr. Konstanze Senge, Universität Halle

Warum könnten Familienunternehmen solche Antworten eher liefern als andere Organisationen?

Letztendlich geht es um Verantwortung – für die Mitarbeiter und die Gesellschaft. Diesbezüglich sind Familienunternehmen traditionell gut aufgestellt. Und daran sollten sie anknüpfen. Sich als Familienunternehmen zu begreifen heißt ja möglicherweise auch, die Verantwortung nicht nur für die Kernfamilie zu übernehmen, sondern auch für die „Mitarbeiter-Familie“. Beispielsweise ist häufig die Rede davon, dass Familienunternehmen Identität stiften sollen. Aber dann muss man sich doch erst einmal die Fragen beantworten, welche Identität, welche Kultur, welchen Umgangston und vor allem welche Identifikationen von Arbeit ich denn in meiner Familie möchte. Wie soll meine Familie Arbeit in meinem Unternehmen begreifen?

Ist es nicht vor allem eine Frage der Führung, um das zu erreichen? 

Natürlich, der Führung kommt eine enorm wichtige Rolle und Verantwortung zu. Die entscheidende Herausforderung besteht darin, die richtige und individuell abgestimmte Balance zwischen den Bedingungen für gute Arbeit und den ökonomischen Notwendigkeiten zu erreichen. Dies setzt einen auf emotionaler Intelligenz basierten Verstehensprozess der genannten Zusammenhänge seitens der Führungskräfte voraus. Wertschätzung und Zeit sind dabei sehr wichtige Aspekte. Wie muss man sich das vorstellen? Selbstwirksamkeit erfahre ich durch die Reaktionen von anderen. An den Reaktionen der anderen merke ich, wer ich bin und was ich bin. Und das können Führungskräfte für sich nutzbar machen, indem sie sich mit dem anderen auseinandersetzen. Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Elie Wiesel hat einmal gesagt, die Tragik unserer Kultur sei die Gleichgültigkeit. Wertschätzung und Aufmerksamkeit sind das Gegenteil von Gleichgültigkeit.  

Warum sind Familienunternehmen aus Ihrer Sicht am ehesten geeignet, Konzepte für „gute Arbeit“ umzusetzen?

Familienunternehmen stehen seltener unter dem Druck von Kapitalmärkten. Sie blicken auch zurück und das ist gut; sie wertschätzen ihre eigene Geschichte und Tradition und übernehmen Verantwortung für die Familie – und wen man noch dazu zählt. Zudem haben Familienunternehmen in der Regel immer noch mehr Freiheiten und – aufgrund ihrer oftmals überschaubareren Größe – auch mehr Möglichkeiten, individuell auf die Bedürfnisse der Belegschaft zu reagieren. Sie haben in der Regel kürzere Entscheidungswege und können somit leichter Umfelder schaffen, in denen „gute Arbeit“ mit mehr Menschlichkeit in der Organisationskultur auch möglich ist. Familienunternehmen werden derart noch attraktivere Arbeitgeber. Ich bin überzeugt: Es wird sich ökonomisch auszahlen, wenn der Arbeit an sich wieder mehr Wert zukommt.

Über die Autorin

Prof. Dr. Konstanze Senge

Konstanze Senge ist Professorin für Wirtschafts- und Organisationssoziologie am gleichnamigen Lehrstuhl der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Der Lehrstuhl hat gemeinsam mit Dr. Backhaus-Maul, Prof. Ch. Hann, Prof. E. Holtmann, Prof. A. Petrik, Dr. S. Terpe, Prof. R. Sackmann, Prof. W. Kluth kürzlich vom Bundesministerium für Bildung und Forschung den Auftrag erhalten, die Bedingungen guter Arbeit näher zu erforschen. 

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Dr. Peter Bartels

Global Leader Entrepreneurial & Private Business,
Mitglied der Geschäftsführung, PwC Germany

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Dr. Dominik von Au

Geschäftsführer der INTES Akademie für Familienunternehmen und PwC Partner, PwC Germany

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