Heimat neu denken

15 November, 2018

Stephan Rammler. Die eng miteinander verwobenen Bereiche Mobilität, Arbeit und Wohnen müssen nachhaltig neu gestaltet werden, damit unsere Gesellschaft keinen Schaden nimmt.

Bei denkbaren neuen Konzepten und Szenarien geht es auch darum, die Digitalisierung richtig anzuwenden – für bessere und sozialverträgliche Strukturen. Familienunternehmen können auf diesem Feld eine tragende Rolle spielen. 

Arbeiten, Wohnen und Mobilität neu denken

Politische und ökonomische Internationalisierung, die rasante digitaltechnologische Innovation und der kulturelle Wandel lösen starke Schübe der Mobilisierung, Flexibilisierung und Beschleunigung des modernen Lebens aus. Gleichzeitig erleben wir eine technische Innovationsdynamik, die im Verhältnis zur behäbigen sozialen Dynamik zu schnell ist und die Menschen zunehmend ihrer Heimat beraubt. Besonders deutlich wird das an den eng verknüpften Bereichen der Mobilität, des Arbeitens und des Wohnens, die dringend einer Neuausrichtung bedürfen.  

Gerade Familienunternehmen mit ihrer Verwurzelung „auf der Scholle“ bietet sich die große Chance, diese Transformation mitzugestalten. Denn bei der Entwicklung neuer lokaler und regionaler Konzepte, die Wohnen und Arbeiten wieder näher zusammenbringen, genießen sie einen hohen Glaubwürdigkeitsbonus. Die entscheidende Frage lautet hier:  

Sind Familienunternehmen auch weiterhin bereit, ihre bisherige Rolle zu übernehmen und die Wirtschaft zu verändern? Ein Ja würde einen enormen Impuls in die Zivilgesellschaft bedeuten und diese resilient und stabil halten.

Nachhaltigkeit als Erfolgsfaktor

Beim Entwurf von Konzepten, die dies leisten können, müssen wir zudem eine weitere zentrale Frage beantworten: Wie bekommen wir Nachhaltigkeit bei ökonomischer Zukunftssicherheit und hoher Lebensqualität künftig unter einen Hut? Vor allem die Nachhaltigkeit ist im 21. Jahrhundert conditio sine qua non. Wer nicht nachhaltig agiert – im sozialen wie im ökonomischen Sinne – wird keinen Erfolg mehr haben. Meine Hoffnung wäre, dass die Familienunternehmen feststellen, dass sie das, was sie bewahren wollen, nur schaffen, wenn sie sich schneller in Richtung Nachhaltigkeit bewegen als alle anderen. Dabei könnten sie technologische Disruption auf kluge Weise nutzen, um die Probleme, die wir gerade haben, mit zu lösen. 

Womit ich wieder bei der Vereinbarkeit von Mobilität, Wohnen und Arbeiten angekommen bin. Ausgehend von einer starken Dominanz der neuen digitalen Technologien und Medien kann ich mir vor diesem Hintergrund unterschiedliche Zukunftsbilder des kommenden Wohnwandels in unterschiedlichen Zusammenhängen (Stadt, Land, Berufsarbeit, Freizeit und Tourismus) vorstellen. Sowohl der Mobilitäts- und Logistiksektor als auch das Wohn- und Bauwesen werden dabei unter den Stichworten „Smart Mobility“ beziehungsweise „Smart City“ zu dynamischen Real-Laboren der digitalen Transformation – in drei konkreten, aber derzeit noch hypothetischen Skizzen:

Dorf 4.0

Mit Beginn der 2020er-Jahre erobern Baugemeinschaften und Avantgardisten brachliegende Dörfer zurück. Auch professionelle Projektentwickler spekulieren auf das positive Bild vom Landleben und konzipieren auf dieser Grundlage unter dem Schlagwort „Dorf 4.0“ ein neues Modell ländlicher Siedlungen. Zum großen Teil nutzen die Stadtauswanderer ressourcenschonend alte Bausubstanz; teilweise werden auch günstige neue Standorte mit zeitgenössischen Architekturentwürfen entwickelt. Diese Ansiedlungen liegen meist in 60 bis 90 Minuten Schnellzugdistanz in der erweiterten Peripherie großer Städte.

Das Modell zielt auf die Digital Natives, die sich aus ihrem Arbeitszimmer oder der Büro-WG nebenan in den weltweit stattfindenden Arbeitsalltag einklinken, aber einer exzessiven physischen Mobilität eine Absage erteilen. Es ist die Neuentdeckung von intensiv genutzten Versorgungs-, Begegnungs- und Erholungsstrukturen im unmittelbaren, unmotorisiert erlebbaren Umfeld.

Der Lebensentwurf basiert auf einer großen Naturnähe, einem hohen Grad an Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln und Energie und einer starken virtuellen Nabelschnur, die den Anschluss an die Welt sichert.

Telecommuting mit Avatar-Mobility-Systemen

Eine weitere Skizze ist der Versuch, virtuelle Welten als dritte Orte geschäftlicher Treffen und interaktiver Arbeit zu nutzen – auch als Avatar Mobility oder Third Life bezeichnet. Anders als bei Videokonferenzsystemen sehen sich die Besprechungsteilnehmer nicht mehr gegenseitig auf dem eigenen Monitor, sondern befinden sich gemeinsam in einem virtuellen Raum, in dem sie jeweils durch ihren persönlichen Avatar vertreten werden. Per Videobrille, Maus und Internetverbindung steuern sie ihr Double durch Raumwelten, die nicht selten anlassspezifisch gestaltet sind und deren Atmosphäre die Produktivität und Kreativität des Treffens positiv beeinflussen sollen. Diese kostengünstigen Präsentationsumgebungen im Cyberspace sind leicht in der Größe skalier- und modernisierbar und aus jedem Winkel der Welt mit der entsprechenden Zugangsberechtigung innerhalb von Sekunden klimaschonend erreichbar. 

Quartiere innovativen Lebens

Sustainable Communities lautet die Bezeichnung für innerstädtische Gebiete, die sich durch ein hohes Maß an ökologischer Selbstregulierung und die Erstanwendung innovativer Technologien auszeichnen. In den 2020er-Jahren etabliert sich eine neue Spielart der „Gated Communities“: Anders als der Ursprung dieser Privatstadtteile, die ihre Bewohner vor der restlichen Stadt und ihrer Armut abschotten, verpflichten sich die Bewohner der Sustainable Communities, als ökologisches Vorbild und experimentelle Vorreiter zu leben. Die Stadtgebiete dieser „green early adopter“ sind Labore klimaneutralen Lebens, in denen Beta-Produkte in einem frühen Entwicklungsstadium unter Alltagsbedingungen getestet werden.

Ein wesentlicher Baustein der Sustainable Communities ist eine klimaschonende und wertegebundene Mobilitätsversorgung. Die von einer privaten Initiative mit privatem Kapital errichteten Communitys gehen dabei weit über die autofreien Wohnanlagen hinaus. Sie inkludieren auch Gewerbe- und Versorgungseinrichtungen: den Wissensarbeitern werden wohnungsnahe Satellitenbüros, lokale Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe, die sich auf Community-intern genutzte Lastenräder und E-Lkw-Anlieferung einlassen, Gewerbe- und Wohnräume offeriert. Alles ist auf die nutzernahe Produktion und Selbstversorgung des neuen Laborkiezes ausgerichtet.

Ausblick

Ganz gleich, welche dieser Skizzen künftig zum Tragen kommt: Jede Form von gelingendem Wohnen bietet mehr Chancen als ein Heimatministerium. Denn die Voraussetzung für das Entstehen von Heimat ist es, überschaubare Beziehungen pflegen zu können. Dieser Veränderungsprozess muss auf jeden Fall Bottom-up erfolgen, also auch von den Familienunternehmen mit forciert werden.

Dieser Artikel ist Teil der Initiative „Next 20 Years“. Eine Übersicht aller Inhalte finden Sie hier.

Über den Autor

Stephan Rammler

Der Mobilitäts- und Zukunftsforscher Stephan Rammler ist Gründungsdirektor des Instituts für Transportation Design und Professor für Transportation Design & Social Sciences an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin, wo er seit Oktober 2018 tätig ist. Er arbeitet in der Mobilitäts- und Zukunftsforschung, forscht zu Verkehrs-, Energie- und Innovationspolitik, Fragen kultureller Transformation und zukunftsfähiger Umwelt- und Gesellschaftspolitik. Sein aktuelles Buch „Volk ohne Wagen“ ist eine Streitschrift für eine neue Mobilität. (Foto: Nicolas Uphaus)

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