Interview: „Der Klimawandel kann bereits in den kommenden fünf Jahren starke Auswirkungen auf die Profitabilität von Unternehmen haben.“

01 März, 2021

Ein Interview mit Dr. Nicole Röttmer. Wie lassen sich die Chancen und Risiken des Klimawandels beurteilen? Ein wichtiges Instrument hierfür sind Szenarioanalysen, sagt Dr. Nicole Röttmer, die das Thema Klima bei PwC in Deutschland verantwortet. Doch was sind die konkreten Folgen der globalen Erwärmung für Unternehmen? Wie lässt sich das genaue Ausmaß der negativen

und positiven Auswirkungen auf Geschäftsmodell und Profitabilität von einzelnen Unternehmen und Portfolios von Investoren beziffern? Und welche Faktoren entscheiden darüber, wer zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern des Klimawandels gehört? Mehr dazu und Insights über Fußabdruck, Kapitalmarktkommunikation und Szenarioanalysen gibt die PwC-Expertin im Gespräch.

Frau Röttmer, wieso ist es so wichtig, dass sich Unternehmen mit ihrem CO2-Fußabdruck und den Auswirkungen des Klimawandels auf ihr Unternehmen auseinandersetzen?

Dr. Nicole Röttmer: Unternehmen kommen nicht mehr umhin, sich intensiv mit der globalen Erwärmung und den Folgen dieser Entwicklung zu befassen und dieses Thema auch in der Kapitalmarktkommunikation aufzugreifen – aus verschiedenen Gründen. Im Sommer 2020 gab der weltweit größte Asset Manager BlackRock beispielsweise bekannt, dass er bei knapp 50 Unternehmen gegen die Entlastung der Aufsichtsräte gestimmt hat. Der Grund: Diese Firmen zeigten kaum Fortschritte bei der Berücksichtigung, Integration und transparenten Berichterstattung über Klimarisiken und Nachhaltigkeit. Das Messen und die Berichterstattung über Klimarisiken ist also zum Muss in der Kapitalmarktkommunikation geworden. Aber nicht nur für die Berichterstattung und Kommunikation mit dem Kapitalmarkt und die Investor Relations ist das Thema wichtig. Auch in der Finanzindustrie hat der Klimawandel mit seinen Folgen mittlerweile hohe Relevanz. Das unterstreichen Stellungnahmen zur Integration von Klimarisiken, die verschiedene Regulatoren, Aufsichtsbehörden oder Organisationen veröffentlicht haben.

Sie alle sind sich einig: Der Klimawandel und die Erwärmung unseres Planeten ist ein potenzielles Risiko für die Finanzmarktstabilität.

Wodurch genau entstehen diese finanziellen Risiken?

Röttmer: Zum einen aus den physischen Risiken, die sich durch die Erderwärmung für das Ökosystem und den Planeten ergeben, also extremen Wetterereignissen wie Überflutung, Stürmen oder Dürren. Zum anderen geht es um Transitionsrisiken, also Risiken, die durch Regulierung, technologische Innovationen und sich verändernde Marktdynamiken und Konsumgewohnheiten der Menschen entstehen.

Wie können Unternehmen diese Risiken konkret ermitteln?

Röttmer: Ein gutes Werkzeug, um die Folgen steigender Temperaturen beziehungsweise der Transformation hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft für das Geschäftsmodell transparent zu machen, sind Klimaszenarioanalysen. Mit Climate Excellence gibt PwC dem Management ein Werkzeug an die Hand, mit dem sich die finanziellen Auswirkungen von unterschiedlichen Szenarien für das Klima berechnen lassen. Basis ist eine Bottom-up-Analyse von Anlagen und Produkten. Dabei berücksichtigen wir Informationen wie sich verändernde Marktdynamiken, Preise und Technologien. Die Analyse geht dabei über singuläre Effekte wie den CO2-Preis hinaus und betrachtet die komplette Transformation der Wirtschaft. So können wir eine unternehmensspezifische Analyse durchführen und innerhalb von Sektoren auch die Gewinner und Verlierer einer Transition beziehungsweise der steigenden Erderwärmung identifizieren.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel erläutern? 

Röttmer: Nehmen wir den Aktienbereich und betrachten die nach Marktkapitalisierung größten 1.600 Firmen. Selbst in einer Welt, die das Pariser Klimaabkommen einhält, zeigen sich deutliche finanzielle Klimarisiken. In diesem Fall müssten die energiebezogenen CO2-Emissionen bis 2050 um mehr als 75 Prozent im Vergleich zu 2019 reduziert werden, damit die Erwärmung der Erde auf die Pariser Zielvereinbarung von deutlich unter zwei Grad begrenzt wird. Unsere Berechnungen zeigen: Steuern die Unternehmen bei ihrer Ausrichtung nicht gegen, könnten die zu erwartenden Änderungen der Kosten, Verkaufsvolumina und Gewinnmargen gleichgewichtet über die Jahre 2020 bis 2025 zu Profitabilitätseinbußen von rund zwei Prozent über alle Firmen hinweg führen. Bis 2050 würde dieser Effekt bei über zehn Prozent liegen  – nur durch die Nichtanpassung an eine sich transformierende Wirtschaft.

Das ist das Szenario, wenn die Unternehmen nicht gegensteuern …

Röttmer: Genau. Wenn wir nun aber Berechnungen anstellen, die auf einer Anpassungsfähigkeit ebenjener Unternehmen basieren, so wäre ein Wachstum von 0,5 Prozent bis 2025 und 12 Prozent bis 2050 möglich. Dabei sind die Unterschiede zwischen den Sektoren gewaltig und der Analyse unterliegt die Annahme einer Verdoppelung der globalen Wirtschaft bis 2050. Innerhalb der Sektoren treten noch deutliche Spannen zwischen Gewinnern und Verlierern auf.

Sie haben das anhand der europäischen Energieversorger modelliert …

Röttmer: Wir haben die 20 größten Energieversorger in Europa unter die Lupe genommen. Denn die Energie- und Stromversorgung spielt eine ganz wichtige Rolle bei der Dekarbonisierung und dem Klimaschutz. Dabei haben wir zwei Szenarien für die Zukunft verglichen: Die Erwärmung von 2,7 Grad, die das aktuelle Ambitionsniveau der globalen Klimapolitik fortschreibt, und das 1,8-Grad-Szenario, welches das Ziel des Pariser Klimaabkommens approximiert. In beiden Szenarien haben wir berechnet, dass Energieversorger ohne Adaptionsstrategien bis 2025 EBITDA-Einbußen zwischen 10 und 15 Prozent erleiden könnten.

Der Vergleich einzelner Unternehmen zeigt jedoch große Unterschiede: Während ein Unternehmen seinen Gewinn um 15 Prozent steigern könnte, steht ein anderer Energieversorger vor Gewinneinbußen bis zu 30 Prozent.

Woran liegt es, wer zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern der Klimaänderung gehört? 

Röttmer: Häufig wird angenommen, dass das reine Volumen der Emissionen, also die CO2-Bilanz und der Fußabdruck, die wichtigsten Indikatoren für Chancen und Risiken des Klimawandels sind. Um herauszufinden, ob möglichst niedrige Emissionen tatsächlich ein guter Hinweis für Klimaresilienz sind, haben wir zwei Testportfolios aus den europäischen Energieversorgern gebildet: Portfolio A enthält die drei Energieversorger, die bei der Klimaszenarioanalyse die höchste Klimaresilienz aufweisen. Portfolio B wählt aus den Top 20 die mit dem geringsten CO2-Fußabdruck aus.  Das Ergebnis überrascht: Die Gewinnentwicklung in Portfolio B ist weniger günstig als in Portfolio A, sowohl in einem 1,8-Grad-Szenario als auch in einem 2,7-Grad-Szenario. Der Grund: Im Portfolio A sind vor allem Unternehmen, die ein diversifiziertes Technologieportfolio aufweisen, das heißt zusätzlich Gas- und Kohlekraftwerke besitzen, und auch global diversifiziert aufgestellt sind und von Wachstum unterschiedlicher Märkte profitieren können.

Was zeichnet also ein klimaresilientes Portfolio oder Unternehmen aus?

Röttmer: Es zeigt ein Anpassungspotenzial hin zu einer langfristig positiven oder mindestens stabilen Gewinnentwicklung über wesentliche Klimaszenarien. Die reine Betrachtung der CO2-Emissionen ist dagegen kein verlässliches Risikomaß, um die Profitabilität von Unternehmen in verschiedenen Klimaszenarien abzuschätzen.

Welches Fazit lässt sich aus Ihrer Analyse ziehen?

Röttmer: Unsere Analyse hat gezeigt, dass die notwendigen Maßnahmen, um den Klimawandel zu begrenzen, bereits in den nächsten fünf Jahren signifikante Auswirkungen auf die Profitabilität haben können – und dass diese Auswirkungen sehr unternehmensspezifisch sind und es auch große Unterschiede innerhalb der gleichen Branche geben kann. Gleichzeitig haben wir gesehen, dass eine Abbildung von Risikotreibern wie Nachfrage, Preisgefüge, Wettbewerb notwendig ist, welche über eine reine Analyse von CO2-Fußabdrücken hinausgeht. Dazu ist die Analyse physischer Risiken erforderlich.

Unternehmen müssen sich also der Auswirkungen der globalen Erwärmung ganz bewusst werden, ihre Strategien anpassen und die darauf basierenden Entscheidungen in ihrer Berichterstattung und der Kommunikation mit dem Kapitalmarkt transparent darstellen.

Als Partnerin bei PwC Deutschland ist Nicole darauf spezialisiert, klimabedingte finanzielle Risiken und Chancen branchenübergreifend zu bewerten und Kunden bei der Entwicklung von Klimastrategien zu unterstützen. Seit 2013 entwickelt sie in Zusammenarbeit mit und für eine Reihe von Investoren, Unternehmen, Hochschulen und NGOs Klimaszenario-Analysemodelle (Climate Excellence). Sie ist und war Expertin für die EEFIG-Initiative der Europäischen Kommission/ UNEP FI, für die Science Based Target initiative for Financial Institutions und Pilot Lab der European Financial Reporting Advisory Group. Als Vorstandsmitglied unterstützt sie die 2° Investing Initiative Deutschland und die Sustainable Finance Research Group. Frau Röttmer ist Research Affiliate der Oxford University.

Das Interview basiert auf dem Beitrag „Climate Excellence: Bewertung von Klimarisiken und -chancen“, erschienen in Absolut|impact #4/2020, S. 58 ff.

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Dr. Nicole Röttmer

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Global Climate Clients and Industry Lead, PwC Germany

Urata Biqkaj

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Manager, PwC Germany

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